Alle träumen immer vom Urlaub

Auch ich träume oft davon. Ist ja auch die schönste Zeit im Jahr, ganz gleich zu welcher Jahreszeit. Seele baumeln lassen, mal ein Buch lesen, eine andere Sprache hören oder einfach nur in fremder Währung die Sau raus lassen. Reise Reise. Dieses Fernweh mag die hohe Taxidichte an den Bahnhöfen und Flughäfen dieser Stadt erklären und noch einiges mehr. Auch ich drücke mich gern an diesen Infrastrukturknoten herum. Dabei haben es mir eigentlich die Bahnhöfe angetan, aber wenn ich schon mal in der Nähe bin, dann fahr ich auch mal bei Otto Lilienthal vorbei, den wir Taxler liebevoll TXL nennen. Hat man auch selten, dass die offizielle Bezeichnung wie ein Kosename klingt, mein Haustier heißt auch so. Den ersten Eindruck vom zu Erwartenden erhält man, von Norden kommend, schon am Kurt-Schumacher Platz. Dort sind die Vögel so dicht über einem, das die Taxe wackelt. Wrommm. Werde beim nächsten Halt mal nachsehen, ob Reifenspuren auf dem Dach sind.

Schon die Anreise gleicht einem Adventuretrip. Entweder Du fliegst mit 130 vom Zubringer und riskierst Kopf und Karriere (wegen Blitzer) oder Du wirst noch mal von 50 – 60 Kollegen überholt, die Kopf und Karriere riskierend schneller an dir vorbeifliegen als die landenden Jumbos. Bin jetzt da, passiere zwei Schicksalsschranken und stelle mich brav in Reih und Glied auf die Platte, das Träumen kann beginnen. Um einen herum dröhnen Triebwerke, man sieht die Höhenleitwerke mit den verschiedenen Hoheitszeichen der Welt, gespenstisch wie an unsichtbaren Fäden gezogen, vorbeigleiten. Erstmal schnell nen Kaffee geholt und die Klofrau bereichert. Ein buntes Treiben herrscht hier, alle Sprachen der Welt, von aramäisch bis Afrikaans, hier kannst Du sie besser lernen als bei Wallstreet- Institut. Nur Deutsch gilt als Fremdsprache. Wir verstehen uns trotzdem, ein Ort des Friedens, jeder für sich und doch miteinander, durch das Schicksal verbunden. Einige der Kollegen spielen Backgammon, einer spielt Gitarre, einer Mandoline. Ich setz mich wieder in meine Karre und schmöker ein wenig in meinem Buch.
Es ist keine halbe Stunde vergangen, da klopft Kollege Karmello. Fragt mich, was ich da lese. Horst Evers, sage ich. Kennt er nicht. Naja, so ein ehemaliger Taxifahrer, der jetzt denkt, er wäre ein Schriftsteller. Doch, ist ganz lustig. Dann wird aufgerückt, mitten im Satz beenden wir unser kleines Gespräch. Auf geht’s zum Terminal E, da stehn die Kaninchen auch schon wie vor der Schlachtbank. Und weil die Vorfahrtebene sich nur langsam mit Taxen füllt, denken die gleich an Mangel und werden panisch. Das gibt einem so ein bisschen das Gefühl, man würde gebraucht und sei auch sonst zu was nütze. Na bitte, nach Blankenfelde/ Mahlow. Kostet wie viel, 390 €? Nee, wenn das so wäre, ich führe nur zwei Tage im Monat Taxi.

Immer öfter fahre ich neuerdings nach Tegel zum Flughafen. Es läuft ganz gut dort, die Touren sind meist lang und entschädigen die Wartezeit. Am besten ist der Freitag Nachmittag, da kommen viel Geschäftsreisende. Die halten sich zwar immer sehr bedeckt beim Trinkgeld und dafür erzähl ich ihnen was über die bevorstehende Weltrevolution.Banken enteignen, Trusts zerschlagen und die Betriebe deprivatisieren, Köpfe müssen rollen und so. Ist zwar gar nicht so meine Meinung, macht aber tierisch Spaß. Mein Gott, der Eine popelt gern, andere verkloppen Leute mit Baseballschlägern. Jeder wie er´s braucht. So, geht schon wieder los. Nette Urlauber, schwärmen von den Malediven, sind vom langen Flug urlaubsreif und haben es nicht weit. Nur in die Holländerstraße. Wir plauschen ein wenig und zack, habe die Ausfahrt verpasst. Hey, will er uns über den Leisten ziehen und doch noch auf sein Geld kommen? Na klar, sage ich, ein alter Kollege hat gesagt, aus jeder Tour ließe sich was machen. Tja. So ist das mit dem TXL. Dieser sympathische Provinzflughafen. Ich würde schon fast sagen, zwischen uns, das ist Liebe. Ich hoffe, BER wird nie eröffnet und Glaube fest daran, das Tegel ewig bleibt, wenigstens bis zum nächsten Weltuntergang.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)