Bildquelle: Nick van Dijk

Das Schöne am Taxifahren ist, man kommt viel rum und trifft selten zweimal auf die gleichen Leute. Das ist manchmal gut, manchmal schade. Man spürt es gleich nach dem Einsteigen, wer wäre Freund, wem öffnete man lieber nicht die Tür oder ließe sich von der Vorzimmerdame verleugnen. Der werte Leser ahnt es schon, heute präsentiere ich keinen neuen abgefahrenen Ortsteil, keine Fickmeile oder Currywurstbude, heute geht es um die, die mir die Ziele vorgeben, die Fahrgäste, im Taxijargon auch gern als Ladung oder Kaninchen bezeichnet. Sie sind das Salz in der Suppe, von ihnen hängt es ab, ob ich fröhlich oder in Trübsal heimkehre.

Da sind die netten Omis, die nach stressiger Bustour quer durch Europa die letzte Etappe für eben den selben Fahrpreis noch mal die Beine ausstrecken wollen, die Verirrten, die nach wilder Nacht in der S-Bahn bis Ahrensfelde schliefen, um dann halb nüchtern mit dem Taxi wieder ans andere Ende der Stadt zu fahren, die besoffenen Teenies, für die du unterwegs 5x zum Kotzen anhalten musst, die Geschäftsleute, die dich zum Kotzen bringen. Notorisch zu spät zum Flughafen aufgebrochen und nun von einem wahre Wunder verlangen. Klar fahr ich bei Rot, was sind schon 200€ Bußgeld bei ‘ner Fahrstrecke von 14,20? Egal, 95% der Leute, die mir in die Karre hopsen, sind angenehme Zeitgenossen, doch mit denen will ich mich hier gar nicht aufhalten. Heute widme ich mich den fiesen Gestalten, den Taxifahrerhassern. Die steigen nur ein, weil sie dir auf die Nüsse gehen wollen. Die wissen den Weg besser als man selber und stellen neben meiner Ortskenntnis oft auch meine mindere Existenz in Frage, nehmen die Senderauswahl am Radio gern selbst in die Hand. Vor dem Aussteigen lassen sie dann noch einen fahren, damit du bei minus acht Grad mit vier offenen Fenstern weiterfahren musst. Wahrscheinlich würden die ja selber fahren, aber dazu müssten sie sich auf meinen Schoß setzen und das geht nun wirklich nicht, kaum auszudenken, wenn‘s die Etikette nicht gäbe. Ganz, ganz schlimm: die Promis. Da denkste eben noch, man, watt ham wa da jelacht als Stippies und plötzlich, Palimm, Palimm, entpuppt sich der Komiker als humorloser Stinkstiefel, der sich in der aufs Taxi wartenden Schlange vorn anstellt, nur um schneller den Taxifahrer zu drangsalieren. Immerhin, er gibt satte 30 Cent Trinkgeld, das sind ja zehn Prozent (Von dem, was ein durchschnittlicher Hartz IV-Empfänger gibt, wenn der sich einmal in drei Jahren ‘nen Taxi gönnt, da kommt der Herr bei 10 Fahrten auch drauf). Ein Tatortkommissar aus Schöneberg drängelt mich, ihn zu erkennen. Dem verweigere ich mich und er verweigert mir‘s Tip. Neulich treffe ich Karmello, meinen tunesischen Taxifahrerkumpel, erzähle das mir Widerfahrene. „Ja, Scheißendreck. Hab ich neulich den Steinbrück in der Karre, für 9,80 €. Gibt er Zehn und verlangt Quittung, glaube mir Holger, deine Politiker, alles Verbrecher. Sind wie Heilige Könige, nehmen gern, aber geben gar nix.“

Es gibt auch andere. Wie den Joe aus der RTL-Show „Berlin Tag und Nacht“. Den sammle ich beim Pornoaward am Tipizelt ein. Trägt einen glitzernden Anzug, den hat ihm, weil Vorschrift, einer aus dem Fundus besorgt. Dass ich ihn nicht kenne, stört ihn nicht. Er fühle sich nicht wie ein Promi, hat Glück und verdient mal ein bisschen was beim Fernsehen. Andere Zeit, anderer Ort. Berlin Ostbahnhof. Nach Steglitz, in den Eichgarten. Hatte ich mir schon gedacht, kennen Sie nicht. Typisch! Mein Gott, die Straße ist ungefähr 30 Meter lang und ich bin nur ein Taxifahrer, nicht der Herr im Himmel mit Draufsicht wie ein Satellit. Siemens Ecke Leonoren. Als er merkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, entspannt er sich und zieht vom Leder. Er wäre bei der Schufa, kann mir Kreditauskunft geben, wenn ich will. Will ich nicht. Er liest den Namen meiner Firma, der steht ja vorn auf dem Armaturenbrett. Er holt sein iPhone raus und hält es mir unter die Nase. Ich sehe Diagramme und Tabellen rot und grün untermalt. Dann geht’s los. Name, Sitz und Bewertung unseres Unternehmens, Schulnote 2,1. Privatanschrift und mir bis dahin unbekannte Vornamen meines Chefs, Kontostand und Kreditrahmen sowie Außenstände und und und … Brauchst dir keine Sorgen machen, sagt er, Deine Firma ist halbwegs solvent. Mein Fresse, was war die Stasi bloß für ein Stümperverein.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)