Die Hufeisensiedlung

Die Hufeisensiedlung

Die HufeisensiedlungBruno Taut war ein großer Mann. Er war seiner Zeit weit voraus, denn er maß schon im zarten Alter von 3 Jahren 1m22x 47cm. Bruno war in seinen Leben nie am Meer, er kannte keine Kleckerburgen. Früh schon spielt das hochbegabte Kind mit hölzernen Bauklötzen und stand oft vor dem Problem, das jeder ordentliche Junge kennt. Wie krieg ich den Zylinder auf den Kegel, ohne das „Unten in den Buddelkastensand“ zu rammen? Bruno fand eine Lösung. Er legte Zylinder, Kegel, Pyramide und Kugel beiseite und spielte kommend nur mit Quader und Würfel.

Sein Zeichen war fortan der rechte Winkel und schon deshalb verweigerte er dem Führer die Gefolgschaft. Der „deutsche Gruß“ war ihm einfach zu stumpf und im Umkehrschluß auch noch zu spitz. Also ab inne Schweiz, viele emigrierten damals dorthin, auch das Geld der Juden mochte die Schweiz gern. Bruno hatte immer diesen einen Traum. Er ritt auf einem gescheckten Rappen volle Kanne querfeldein über eine von mannshohen Blumen bewachsene Sommerwiese. Ob er Drogen nahm, ich weiß es nicht. Seine Freunde sagten über Ihn, er mochte es schön bunt. Früh rieten sie dem jungen Architekten: Bruno, geh nach Berlin, da ist alles so grau. Geh dort hin und lebe Deinen Traum. Und so tat er. Schnell fand er Gleichgesinnte und reichlich Bauland, dem er seinen Baustil aufdrückte. Alles schön bunt und doch in der Ordnung. Gelernt ist gelernt.

Wir schreiben das Jahr 1925. Da ging der Bruno nach Britz. Was der Gute dort sah, forderte seine Fähigkeiten. Was für eine Brache muß das alte Rittergut zu dieser Zeit gewesen sein. Und all die armen, vom Glück verlassenen Menschen in ihren elenden Hütten. Friede denen. Und Zuversicht. Da hilft nur noch eins: Ich schenke euch die Hufeisensiedlung. Erstmal weg mit dem rechten Winkel, nach 8 Jahren war das Ensemble fertig und von außen schön rot, auch betitelt als „die Rote Front“ sehr zur Freude der konservativ bis reaktionär fühlenden Bevölkerung des damaligen Deutschland. Was solls – ich fühle mich auch oft missverstanden.

Bruno ging dann Mitte der 30er nach Istanbul, wurde dort geehrtes nichtmoslemisches Mitglied der türkischen Gesellschaft und starb 1938 dort im Alter von 58 Jahren. In den 60er Jahren kehrte Bruno Tauts Reinkarnation nach Deutschland zurück und erfand am Kottbusser Tor das Mehrfamilienhaus mit Dönerbude. 2011: Auf den Spuren meiner Neugier mache ich mich auf in die Hufeisensiedlung und bin erst einmal naja, hatte etwas Spektakuläres erwartet. Was ich hier zu sehen bekomme, erinnert mich irgendwie an alles – an meinen Hauseingang, an meine Wohnumgebung. Sieht alles doch sehr ähnlich aus. Ach, am Steinberg in Weißensee, dahatte ich mal ne Freundin, die ihre Bude sah von außen auch so aus, schön viereckig eben mit reichlich terrazzo.

Schnell komme ich mit Anwohnern ins Gespräch. Is weltberühmt, UNESCO und so, steht in internationalem Interesse. Ja, sagen die, die gerne da wohnen. Es war schon mal eine japanische Reisegruppe da… Und: Mußte mal rüber fl iegen. Werd ich tun. Schon wieder eine Herausforderung für die Flugrouten- Planer vom BBI. Die Hufeisensiedlung bitte nur von Osten aus überfliegen. Denn wenn die ff nung nach unten zeigt, dann fällt nämlich das Glück heraus und obendrein noch der Flieger vom Himmel, was?

Bruno Julius TautBruno Julius Taut
(* 4. 5. 1880 in Königsberg; 24.12. 1938 in Istanbul) war ein deutscher Architekt und Stadtplaner. Als Vertreter des Neuen Bauens wurde er vor allem durch die Großsiedlungen in Berlin- Britz (Hufeisensiedlung, siehe Bild unten) und Berlin-Zehlendorf (Onkel Toms Hütte) bekannt. Bruno Taut arbeitete seit 1909 mit Franz Hoff mann in einem gemeinsamen Architekturbüro, in das sein jüngerer Bruder Max Taut (1884–1967) 1912 mit eintrat, der vor allem durch seine sachlichen Bürobauten bekannt werden sollte.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)