Berlin ist Hauptstadt. Berlin ist Regierungssitz, ist Wirtschaftsstandort, ist Kulturmetropole, ist Partymeile Nr.1. Berlin ist superlativ. Am coolsten, am besten, am billigsten, am abgefahrensten, am weitläufigsten. Im Grunde genommen ist Berlin für alle die von außen komm am hippsten und für alle Berliner am Arsch. Es sei denn, du bist Dornröschen oder du gehörst zu denjenigen, die noch mit Ostgeld bezahlen mit Hauptwohnsitz St. Elisabeth Herzberge. Und aber auch für die Bewohner des Berliner Stadtteils Marzahn ist die Welt noch in Ordnung. Hier entwickelt sich alles etwas gebremster, etwa so wie auch Bitterfeld oder Mühlhausen am Rande des Eichsfeldes. Die Mieten sind relativ stabil, die Bäume wachsen, die Vögel zwitschern, statt Kaufhallen gibt`s Discountmärkte und die Kehrwochen obliegt der Hoheit der Stadtreinigung. Woran liegt´s, das Marzahn in Berlin auf Touristen und Zuziehende wirkt wie Knoblauch und Kreuz auf Dracula?

Präsent genug ist Marzahn, präsenter als vielleicht Hirschgarten oder Heiligensee, das wird es nicht sein. Fragt man einen Marzahner nach Steglitz, sagt er „Vogel“ oder „Vorort von Bielefeld“. Fragt man den Spandauer nach Marzahn gibt’s ne Ansage mit Höhen,- Breiten,- und Längengrad. Genau da, wo man nie allein hingehen darf! Voldemort sagt, sie wissen schon, wo… andere sagen: Tief im Osten, hinter Neukölln… und da natürlich rechts. Aber so wie der Gewohnheitsdeutsche den Asylanten fürchtet, so ist Marzahn eben eine Legende, die zu überprüfen nicht lohnt, weil alle wissen, dass es dort schrecklich zugehen soll. Ich kannte einen, der einen kannte, dessen Bruder hatte nen Freund und von dessen Schwager die Mutter der zweite Mann… Die Marzahner werden´s mir verübeln, aber mit solchen Mythen wird jetzt aufgeräumt.

Fakt ist: M ist eine genau so alte Berliner Siedlung wie Britz oder Dahlem, um 1230 entstanden und 1920 eingemeindet. In der Zwischenzeit genauso bedeutungsvoll. Das jedenfalls war der alte Dorfkern. Dann, irgendwann Anfang der 1970er Jahre wurde am Alex der Fernsehturm gebaut, das Ahornblatt und noch so zwei Bauwerke und es war noch ein wenig Beton übrig. Da dachten sich die Ostberliner Stadtentwickler, die waren ja auch nicht dümmer als die Kollegen im Westen,: „Bauen wir doch noch eine kleine Wohnsiedlung ins märkische Land“. Aus dem, was aus den Betonmischern tropfte, die sich mit dem Restbeton gen Norden schleppten, wurde die Märkische Allee, aus dem, was den Bestimmungsort erreichte, die berühmten Elfgeschosser. Und immer noch war Beton genug da für Marzahn eins, zwei, drei bis Ahrensfelde. The rest is history. And now for somethin` completely different. M hat hat eine für den Berliner Osten typische Wählerstruktur, 30% Linke, reichlich „Sonstige“, wenig Etablierte. Die Verbindungen in die Stadt sind nicht schlechter als anderswo, Tarifbereich B; S-, U-, Straßenbahn und natürlich Bus.

Der Verkehr von Marzahn gleicht dem des Restes der Stadt; in der Rushhour gewaltig und in den übrigen Zeiten nicht vorhanden. Ja, o.k., der Individualverkehr gestaltet sich etwas schwieriger, die meisten Straßen von M sucht man im Navi vergeblich, der Satellit schaut wohl lieber drüber weg. Das ist für mich und mein Gewerbe schon Fluch und Segen. Es hält die Konkurrenz im Zaum aber oftmals sucht man stundenlang nach den Auftragsadressen.

Das kulturelle Klima von M ist ein wenig rauher als z.B. in Schöneberg. Jazzclub, Hipsterbar und Ars Vivendi gibt’s hier ebenso wenig wie die Garantie, nach einem fröhlich durchzechten Abend in einer der vielen Trinkstuben-Imbisse die eigene Haustür wieder zu finden. Was natürlich auch nüchtern nicht ganz leicht ist, gleicht doch ein Hauseingang dem anderen und laut Statistik könnte auch in jedem Aufgang mindestens einmal ein Müller wohnen, oder Schulze, Lehmann, Meier und Nguyen Van Lang. Sind schon die dollsten Sachen passiert, „Tschuldigung, Schatz. Es ist ist nicht das , wonach es aussieht, ich dachte ich wär zu Hause.“ Ein Hoch auf die Marzahner PostbotInnen. Naja, die Platte hat auch ihr Gutes und wer schon versuchte, mit Hilfe von Bohrmaschine und Dübeln Regale, Jalousien, Gardinen oder ähnliches an Wand und Decke zu befestigen, der muss die Pluspunkte klar der Platte zusprechen. Außerdem braucht z.B. der Marzahner Nerd dank Lieferando und Müllschlucker gar nicht mehr das Haus verlassen.

Wer will, der findet genau hier die letzten wahren Berliner, freundlich, hilfsbereit, bildungsfern und trotzdem nicht auf den Kopf gefallen. Auch wenn man den Namen Colin öfter hört als auf der Warschauer zur Rush-Hour, das ukb, eines der modernsten Krankenhäuser Europas, beschäftigt viele Leute aus dem Bezirk und das nicht nur als Reinigungspersonal. Als Taxifahrer ist man ja irgendwie mittendrin und bekommt so einiges mit. Die Leutchen sind noch ein bisschen sowas wie dankbar, wenn man mit dem Vanillebomber den Winkenden von Straßenrand aufliest. Trinkgeld wird deutlich mehr gegeben als im Berliner Durchschnitt, dafür läßt die Nachfrage nach dem Taxi zum Ende des Monat stark nach. Aber alles in allem ist Marzahn nicht das, wofür die meisten es halten.

Es läuft hier eben alles ein bisschen normaler ab, man sucht den Alltag zu meistern und muss nicht jeden Tag ein Highlight erleben. Wer´s nicht glaubt, der mache mal einen Ausflug in die Gärten der Welt in der Eisenacher Straße. Ich tat es, aller Vorurteile zum Trotz, und mich hat es eines Besseren belehrt.

 


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)