Als Taxifahrer hat man es nicht leicht. Das weiß hier mittlerweile jedes Kind. Die Konkurrenz ist groß, den Mindestlohn gibt’s nur auf dem Papier, Nachtarbeit, Überfälle und und und… Kann man in jeder Zeitung lesen. In der Abendschau, bei Günther (Knauser) Jauch wird, so kommt es mir vor, über nichts anderes mehr geredet. Die Stimmung der Kutscher ist mies und so auch ihr Verhalten gegenüber der werten Kundschaft. Fällt nicht immer leicht, sich davon nicht anstecken zu lassen, besonders nicht bei dem schönen grauen Winterwetter. Aber was soll’s, ich wär‘ nicht ich, wenn ich nicht in jedem Tag einen neuen sähe, in jedem Fahrgast einen anderen Menschen.

Was soll ich sagen, 95% meiner Fahrgäste sind einfach nette Menschen, die auf bequeme Art und Weise schnell und sicher von A nach B oder auch in Ausnahmefällen nach C befördert werden wollen. So weit, so gut. Nur, dass sich viele der Menschen zur Pflicht machen, mich, den armen, geplagten Taxifahrer ein wenig aufzumuntern. Besonders beliebt bei diesen Unternehmungen ist es, mir ein Kompliment zu meiner deutschen Herkunft zu machen. So in etwa – Oooh, ein deutscher Taxifahrer, wie toll. Ach sie kennen sich hier nicht so gut aus? Egal, sie verstehen aber unsere Sprache. – Hierfür der Kundschaft ein herzliches Dankeschön! Obwohl wirklich alles, was ich dafür tat, war, dass ich einer deutschen Mutter aus dem Schoß purzelte. Was natürlich von mir eine große Leistung war. Und von meiner Mutter. Ich meine, welche Mutter auf der ganzen übrigen Welt kann das von sich behaupten? Ganz ehrlich, was unterscheidet mich von meinen schwarzhaarigen Kollegen? Ich bin genauso schlecht ausgebildet, bin oft übermüdet und nach einigen ertragslosen Tagen auch nicht unbedingt übermotiviert. Besonders stolz bin ich auf meinen Beruf auch nicht, wenn ich auch sagen muss, das er mir viel Freude bereitet. Da ist der Großteil meiner türkischen, arabischen und polnischen Kollegen doch etwas anders. Sie achten den Ehrenkodex, unterstützen sich gegenseitig, kleiden sich gut und putzen in jeder freien Minuten an ihrem Daimler herum. Bei vielen von denen kannst Du vor Antritt der Fahrt deine Musikwünsche abgeben, es gibt freies W-LAN und gerade die älteren Kollegen haben, wenn sie dann noch selber fahren, ein ausgeprägte Ortskenntnis, von der ich nur träume. Fleißig, sauber, zuverlässig: Viele von denen sind so deutsch, dass sich mir der Magen umdreht. In meiner Karre gibt’s schön Heavymetal, hab GPS an Bord und fahre einmal die Woche in die Waschanlage. By the way, die Adressen der besten Steak-Häuser der Stadt sollte sich mein Kunde vorher lieber selbst besorgen. Ich hab davon keine Ahnung und bin außerdem Vegetarier. Zum Friseur geh ich nur alle paar Jahre, den Text der Hymne kann ich nicht auswendig und der Tag der Deutschen Einheit war wohl der 7. Oktober. Gott sei Dank brauche ich mich keinem Integrationstest zu unterziehen.

Wo wir schon beim Thema sind, es gibt auch viele Fahrgäste mit Migrationshintergrund. Natürlich alles Bettler und Schwindler mit Falsch-, Schwarz- oder heißem Geld, die sich obendrein noch Sozialleistungen erschleichen. Würden wir all dem Glauben schenken, wir lebten in Sodom und Gomorrha. Alle Ausländer sind Scheiße, außer mein Döner-Türke Ali, der ist in Ordnung. Der Rest von denen ist zumindest kriminell oder auf dem Dschihad.
Ali, der Döner-Türke, ist ca. 23 Jahre, selbstständig, steht täglich 15 Stunden in seiner Dönerbude, zahlt seine Steuern beim Finanzamt pünktlich ein, damit ihm der Laden nicht geschlossen wird. Freizeit hat er, wenn er dann 40 ist und die mageren Früchte seiner entbehrungsreichen Jugend ernten kann. Dann kauft er sich einen Daimler, wenn ihm nicht irgend so ein NSU-Idiot aus Sachsen vorher in den Kopf schießt. Deutsche Wertarbeit für Schweiß und Tränen.

Tja, gefühlt ist die Stimmung in etwa so: Die Kanaken kommen hierher, kassieren Sozialhilfe, klauen, schänden, rauben und nehmen uns die Arbeit weg. Gerade den Taxifahrern. Ganz ehrlich, will doch kein anderer mehr machen, war früher ein Studentenjob, heute lohnt sich das für die nicht mehr. Die Zahl der Berliner Taxikonzessionen ist in den letzten Jahren sogar rückläufig, obwohl der Zuzug nach Berlin und damit die Nachfrage steigt. Aber gefühlt ist das eben irgendwie anders. Die gefühlte Temperatur z.B. liest man täglich im Wet- terbericht der Bildzeitung. Ich schau in gewohnter Manier aufs Thermometer. Wie früher eben, als Temperatur gemessen und nicht gefühlt wurde. Ja, in gewisser Weise ist einiges dran an dem, was die Leute so reden. Neulich hatte ich einen in der Karre, der hasste alle Juden und Schwulen. Dann einen, der von Frauen nur als „Schlampen“ sprach. Und dann noch einen, der in den Puff wollte, weil ihm die Frauen in Berlin zu emanzipiert wären. Die ersten beiden waren Türken, Letzterer war allerdings ein Deutscher, dem Blute nach und bestimmt kein Einzelfall. Abitur hatten alle drei nicht. Leider, leider gibt es auch noch ausreichend Deutsche, die Juden und Schwule hassen. Warum, das wissen die meisten gar nicht so genau zu sagen, auch nicht, dass die meisten Juden außerhalb Israels leben und Schwule nicht auf dicke deutsche Männer mit Schmerbauch in den Fünfzigern stehen. Da fehlt eben die Bildung.

Ich kann nur sagen, schon möglich, dass Deutschland überfremdet wirkt. Es gibt aber auch genug Belege dafür, das Multikulti funktioniert und das recht gut. Man muss die positiven Dinge aber auch sehen wollen. Also: Augen auf, Nachbarn! Mach ich doch auch, sonst könnte ich wohl kaum unter euch Vollpfosten leben, geschweige denn Taxi fahren.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)