Holger Claaßen

Der Hauptbahnhof

Es geht mal wieder gar nichts mehr. Kein Mensch in dieser Stadt will mit mir im Taxi fahren, so scheint es mir. Alle meine Lieblingsplätze habe ich angefahren, ausprobiert. Nichts. Wo immer ich stehe: Schnell rücke ich auf, nur noch ein Taxi vor mir und ich wäre auf der Poleposition. Da bleibe ich dann aber auch wie Vettel mit Motorschaden. Die Praline hat schon Löcher vom vielen durchlesen, die Sportnachrichten kann ich auswendig und hab schon keine Tinte mehr im Füller wegen der vielen Kreuzworträtsel, die ich löse. Kurzer Blick zur Uhr, es ist fünf vor 9. Scheiß drauf, fahr ich mal wieder zum hässlichen Hauptbahnhof, einst Lehrter Stadtbahnhof, denkmalgeschützt und doch abgerissen, dann Lehrter Bahnhof und nun ehrenvoll Berlins ultimativer, gigantischer Verkehrspilzkopf- und Turmbahnhof mit 98 Gleisen, 3x so vielen Geschäften, vielen Büros und einem zu kurzen Dach. Früher sagte man Verkehrsknoten, heute sagt man Verkehrspilz, wahrscheinlich, weil es um den Hauptbahnhof so aussieht, als wäre Oppenheimers Bombe hier explodiert, testweise.

Man nähert sich dem H. entweder malerisch von der Spreeseite übers Kapelle-Ufer mit Blick auf Angies Klo oder, wer es ein wenig umständlicher mag, über die Dauerbaustelle Invalidenstraße, an der sich neben Naturkundemuseum und BMWE auch das BMVI befinden. Letzteres war früher mal das Rathaus von Schilda, da jedoch bauten sich die Bürger, wie jedes Kind weiß, eines ohne Fenster und verkauften das alte den Trotteln in Berlin, wo es im Laufe der Zeit zum Verkehrsministerium, kurz BMVI, heranwuchs. (Das I steht für digitale Infrastruktur, keine Ahnung, was das mit gutem alten Verkehr zu tun hat, bestimmt verschlüsselt für Null Bock und Eins nach dem Anderen). Egal auch. Auf jeden Fall haben die Herrschaften Verantwortlichen das Desaster täglich vor dem Fenster. Stehen wie Spanner hinter halb zugedrehten Lamellenvorhängen und denken sich neuen Schwachsinn aus, bevor sie das Chaos vor der Tür und den Toren Berlins auf die Reihe bekommen. Und jeden Mittag, 12.30 Uhr MESZ, pünktlich wie die Eisenbahn, werden die Fenster geöffnet, um von kernkompetenten Staatssekretären und anderen bestbezahlten Mitarbeitern reichlich Milliarden von Euros hinauswerfen zu lassen. Doch, das stimmt. Fahrt hin und seht doch nach …

Zurück am Hauptbahnhof stelle ich mich an am Taxiparkplatz, liebevoll Rücke (von aufrücken) genannt. Zum Verdruss bemerke ich, dass es mal wieder mehr leere Taxen dort gibt als prall mit Reisenden gefüllte Züge und stelle mich ein auf lange Wartezeit. Wider Erwarten steh ich nur eine halbe Ewigkeit, um mir eine Tunnelfahrt zum Potsdamer Platz abzuholen. Mit 7,20 mehr im Portemonnaie kehre ich verdrossen zurück zum Hauptbahnhof. Dieses Mal habe ich mehr Aufenthalt. Es regnet. Auf der Rücke steht man im Trockenen unter den Gleisbetten der ICE’s, kann sich ein wenig die Beine vertreten, im Hinblick auf die nicht unerheblichen baulichen Mängel des Hbf. nicht ohne gewisses Restrisiko. Ich stehe genau über der Einfahrt zum Tiergartentunnel und überlege, einen grünen Willi in ein unter mir ziehendes Cabrio zu platzieren.

Zu meinen Linken sind so 10–15 andere Taxifahrer gerade beim Harnabschlagen. Da muss die Bahnhofseinrichtung mal wieder außer Dienst sein. Was soll’s, der Boden in Tiergarten ist in der Hinsicht erprobt und kann was ab. Manchmal wirft der Hbf. mit tonnenschweren Stahlträgern. Jüngst war der Eingang Europaplatz gesperrt wegen Lawinengefahr, aber das war noch im Winter. Gott sei Dank gibt es ja nur halb so viel Reisende wie gedacht bei Planung.

Diese Runde habe ich mehr Glück. Es gibt mal wieder keine andere Direktverbindung zum Flughafen Schönefeld als das Taxi, aber doch Menschen, die dort hin wollen. Ein Druck aufs Knöpfchen und da steht die rote 3,20, ein bisschen was kommt ja noch dazu.

Eines schönen Tages rumpele ich mal wieder die Invalidenstraße runter, da schreit der Taxifunk nach Taxis für den Hauptbahnhof. Na, sehen wir mal nach. Tatsächlich stehen am Europaplatz nur drei Vanillebomber und am Sack vonne Spree unten am Washingtonplatz nicht ein einziger. Weil nicht sein kann, was gerade ist, werden die Leute ungeduldig und hysterisch. Eine Asiatin schlägt sich Kung-Fu-mäßig durch das Menschenknäuel, entreißt einer älteren Dame die Klinke meiner Taxitür und wirft ihren Koffer besitzergreifend auf die Rücksitzbank. Meine Zweifel, ob sie an der Reihe wär, ignoriert sie trotzig. Du mi fahe Wullenwebestlaße. Los. Makken. Du mi fahe muss. Tja, was soll man tun bei so viel Höflichkeit.

 


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)