Entspannen im Schwebebad

Um mich herum ist es stockfinster. Ich kann nichts sehen, selbst wenn ich mich anstrenge. Alles ist schwarz. Zu hören ist auch nichts. Keine Geräusche. Es ist weder warm, noch kalt. Meinen Körper spüre ich nicht, er treibt schwerelos an der Wasseroberfläche. Wo das Wasser aufhört und die Luft beginnt, kann ich nicht feststellen. Das Gefühl für den Raum fehlt. Nur meine langen Haare streifen manchmal meine nackten Schultern. Wie lange ich hier schon schwimme, weiß ich nicht genau. Aber angenehm ist es, wohltuend und entspannend.

Neudeutsch nennt sich diese Art zu entspannen „Floating“, was aus dem Englischen übersetzt so viel heißt wie schweben oder treiben. Ich liege dabei in einer Metallpyramide, die wadentief mit Solebad gefüllt ist. Die Sole, die aus Wasser und Bittersalz besteht, gibt dem Körper Auftrieb und ist körperwarm, ebenso wie die Luft in diesem Tank. Das Flotarium ist schalldicht und dunkel. Von außen sieht diese Apparatur sehr technisch nach einer Industrieanlage aus und nicht nach einem Entspannungstempel. Das mag wohl daran liegen, dass der Tank 1954 von dem amerikanischen Wissenschaftler John C. Lilly in Zusammenarbeit mit der NASA nur für die Forschung entwickelt wurde. Er wollte herausfinden, was mit dem Gehirn geschieht, wenn es völlig von Außenreizen abgeschnitten ist. Im Schwebebad sieht, hört, riecht und fühlt man nämlich nichts. Das führt zu einer sehr tiefen Entspannung, die einer Trance zwischen Schlafen und Wachen gleicht. Lilly fand bei seinen Experimenten auch heraus, dass sich beim Floaten die Muskulatur lockert, der Blutdruck normalisiert, dass Immunsystem gestärkt wird und Stresshormone abgebaut werden.

Genau aus diesem Grund liege ich nun hier drin. Zu Beginn des 60 Minuten dauernden Bades bin ich ab und zu überraschend an etwas gestoßen – mal an die Seitenwand des Tanks, mal an meinen Mann, der mit mir im Tank liegt und dann glucksend weiter schwamm. Aber nach einigen Minuten hatte ich die perfekte Lage erreicht und von da an konnten meine Gedanken kreisen. Erst war es noch ein ziemliches Durcheinander: Die turbulente Fahrt nach Schöneberg, Erledigungen, Termine. Dann klärte sich das Durcheinander auf und ich wurde ruhiger, die Gedanken gleichmäßiger und größer. Ich hatte das Gefühl, zu träumen. Mein Körper war leicht und ebenso mein Kopf. Vielleicht bin ich dabei ein bisschen eingenickt, vielleicht habe ich nur entspannt. Kurz vor Ablauf der Stunde war ich plötzlich wieder da. Klar und ausgeruht liege ich im Wasser und genieße die letzten Minuten der Schwerelosigkeit. Das Wasser trägt mich immer noch zuverlässig und ruhig. Alles ist im Fluss.


Tatjana Rabe

Ein Beitrag von Tatjana Rabe

Betriebswirtin und Fachjournalistin, arbeitet als K arriereberaterin. Ist genau, eigenwillig und aufmerksam. Wird oft mit Friederike Hagen verwechselt. Zitat: "Ich will ja nicht streiten, aber Recht behalten schon."