Die Aßmannstraße Nr. 20

architektur_in_friedrichshagen1Inmitten historisch gewachsener Strukturen bietet Friedrichshagen und das reizvolle Umland mit seinen nahe gelegenen Seen und Wäldern vielfältige Möglichkeiten, sich sein Leben einzurichten. Ein Zuhause zu schaffen, in dem jeder seinen persönlichen Ausdruck findet und sich seinen Raum gestaltet, an dem er sein kann, wie er ist.

Wie aber kann man in Gebäuden aus längst vergangener Zeit Raum für sein heutiges Leben schaffen? Wie sieht die Verbindung aus zwischen dem was ist und dem was wird? Wie sieht das neue Architekturleben in Friedrichshagen und Umgebung aus? Ist dieser Ort dicht am Puls der Zeit oder fern jeder Wirklichkeit? Gibt es hier Raum zu entdecken, der nicht versucht, historische Strukturen im Sinne vergangener Lebensformen fortzuführen, sondern den Sprung in die heutige Zeit schafft und dem Bestand mit Respekt aber ebenbürtig begegnet?

Oftmals lohnt schon ein Blick um die Hausecke, um neue und anregende Architektur ganz in der Nähe zu entdecken. Eine neue Art zu leben mit einem offenen Blick für all das, was sich verändern kann.

Das kleine Häuschen in der Aßmannstraße Nr. 20 wirkt etwas müde und alt. Und eigentlich ist es so unscheinbar, dass man es beinahe übersieht. Ungefähr 125 Jahre ist es jetzt alt. Früher wohnten hier vier Familien jeweils in einem kleinen Zimmer und einer Kammer. Die Toiletten waren draußen auf dem Hof, nur einen Waschtisch und ein Ausgussbecken gab es im Haus.
Im unteren Geschoss war immer ein Ladengeschäft. Zuerst ein Lebensmittelladen und dann eine Drogerie. Kaum vorstellbar, doch auch Pferde gab es hier einmal auf diesem winzigen Grundstück.

architektur_in_friedrichshagen2Die Goldschmiedemeisterin Christina Brückner bekam das Haus 1989 von ihrer Großmutter geschenkt. Zunächst einmal richtete sie im Ladengeschäft ihr Schmuckstudio ein. 1992 zog sie zusammen mit ihrem Lebenspartner und ihren zwei Kindern ins Dachgeschoss. So wohnten sie zu Viert in einem Zimmer und zwei kleinen Kammern.
Die Kinder wurden größer, so wie der Wunsch nach offenen Wohnbereichen und mehr Raum für jeden. Vor allem aber sollte mehr Licht in die Räume hinein, mit Blick in den kleinen Garten.

Mit der Idee, die Treppe des Hauses nach außen zu verlagern, ging Christina Brückner mit ihrem Lebenspartner zu dem befreundeten Architekten Otto Kaplan. Dieser stellte die Frage, ob sie Geld für die Treppe ausgeben wollen oder für neuen Wohnraum. Danach entschied sich alles wie von selbst und ein völlig neues Konzept nahm Gestalt an.
Die Treppe ist noch heute an der gleichen Stelle wie vor 125 Jahren, nur wurde sie durch eine neue ersetzt. Entstanden ist ein zeitloser zweigeschossiger Anbau, der die bisherigen Funktionen des Hauses erweitert.

Christina Brückner wollte den Bruch haben, einen klaren Schnitt zwischen alt und neu, ein gleichberechtigtes Miteinander. Sie ist ein moderner Mensch, der geradlinige Dinge mag, wie sie beispielsweise das Bauhaus hervorgebracht hat.

Der Friedrichshagener Architekt Otto Kaplan beflügelte sie, nicht nur einen Blick in den Garten zu gewinnen, sondern gleich die Natur samt ihren Jahreszeiten mit ins Haus zu lassen. So wurde aus einem Teil des kleinen Gartens der neue bewohnbare Wintergarten. Die untere Ebene ist multifunktional, ist Zugang zum Garten, Eingangsbereich und Aufenthaltsraum. Die obere Ebene in Gestalt einer Galerie gibt Raum für einen großzügigen, offenen Wohn- und Küchenbereich. Die gesamte Fensterfront geht weit zu öffnen, so dass man sich gleichzeitig drinnen und draußen befinden kann.

Dass auch die Nachbarn aus dem Neubaublock gegenüber Einblicke in das Leben der Familie haben, stört wenig. Noch im letzten Jahr stand ein alter Nussbaum zwischen den Gebäuden, aber ohne ihn, so wie es jetzt ist, geht es auch. Das Leben mit den Dingen, so wie sie sind, wird zum Lebensmotto.

architektur_in_friedrichshagen3 Auch die Konstruktion des neuen Anbaus aus Holz und Stahl wird gezeigt und nicht versteckt. Das Mauerwerk entlang der neuen Treppe wurde nicht verputzt und im Laufe der Bauphase wurde ebenso entschieden, einen Teil des alten Dachgebälks sichtbar werden zu lassen. Auf diese Weise erzählt das Haus selbst seine eigene Geschichte.

Probleme mit der Südlage des gläsernen Anbaus gab es noch nie. Damit sich das Gebäude nicht allzu sehr aufheizt, sind Außenjalousien in den Bau integriert. Die obere Ebene ist zusätzlich geschützt durch einen weiten Dachüberstand. Und wenn es doch eher kalt als warm ist, wird die Fußbodenheizung eingeschaltet. Da es im Haus kein Gas gibt, entschied man sich für die Holzpalletsheizung, und warmes Wasser gibt es über die Solaranlage. Das Dach ist begrünt und gibt ein wenig davon an die Natur zurück, was für den Bau des Wintergartens genommen wurde: Den wilden Wein, der ursprünglich die hintere Fassade des Hauses umgab.

Ein ganzes Jahr musste die Familie ihr zukünftiges Heim für die Baumaßnahmen verlassen, von 2000-2001. Und immer noch ist nicht alles getan.
Die Fassade des alten Hauses soll noch saniert werden. Jedoch der Wunsch nach neuem Wohnraum hat sich bereits erfüllt. Das Haus ist hell, freundlich und luftig geworden, mit großzügigen Wohnflächen und mediterranem Flair. Vor allem in den Wintermonaten genießt Christina Brückner und ihre Familie die Wärme und das Licht, für das sie ihr Haus geöffnet hat.

Sie freut sich jeden Tag aufs Neue, hier zu wohnen und hat noch keinen Tag davon bereut. In Friedrichshagen ist Christina Brückner aufgewachsen, hat zwischenzeitlich auch mal woanders gelebt und wohnt und arbeitet heute wieder hier. Und das sehr gern. Der Ort hat Seele und sie mag die Bölschestraße mit den kleinen Cafes. Auch kulturell wird es langsam besser. Es gibt Lesungen auch außer der Reihe von DichterDran. Für Kinder ist es ein idealer Ort, die Welt zu entdecken, und mit der Bahn ist man in Windeseile in der Innenstadt. Die Kunden für ihr Schmuckstudio kommen von überall her.

Man muss sich öffnen, sich zeigen und nicht nur im eigenen Saft schmoren, dann füllt sich der eigene Raum mit Leben.