Maulbeere Dietrich

Unsere Kinder sind total tierlieb, vor allem der Kleine ist vernarrt in alles, was auf vier Beinen daherkommt. Fremde Hunde sind seine Lieblinge, zu Katzen wirft er sich auf die Straße und schmust mit ihnen. Als sich ein kleiner Fuchs in unserem Garten einen Bau gebuddelt hat, durfte ihn niemand verjagen. Und als der Rotpelz dann noch über die Mülltüten herfiel gewann er nahezu heldenhafte  Züge. Schon immer hatte er diese  innige Beziehung zu Tieren.

Umso erstaunlicher war es dann, so vor drei vier Jahren, als er mit dem Angeln anfing. Während unser Großer Modellflugzeuge und Flieger aller Art in die Lüfte steigen lässt und sich mit technischen Raffinessen beschäftigt, hatte der Kleine nun das Sportfischen für sich entdeckt. Den Großteil des Sommers verbrachte er zusammen mit seinen Freunden am See. Um die Beute ging es natürlich nicht. Die gefangenen Fische flogen alle  zurück ins Wasser.

Mir selbst ist diese Tätigkeit zu langweilig, außerdem täte es mir um die Fische leid; denn sie wieder ins Wasser zu werfen, fände ich völlig sinnlos. Dafür brauche ich den Aufwand nicht zu betreiben. Mit anderen Worten: Angeln ist ein Buch mit sieben Siegeln für mich.

Wohl darum haben meine Frau und ich immer wieder gefragt.   „Warum gehst du denn angeln? Was machst du den lieben langen Tag am See?“ Ich kann mir nur eine Antwort denken. Die Jungs wollen fern und ungestört von den Eltern miteinander abhängen (Und die meisten Männer suchen an einsamen Ufern und Stränden Ruhe vor ihren Frauen).

Unsägliche Uhrzeiten und Unbilden des Wetters hielten die Kinder keinesfalls von ihrem Hobby ab. Nachtangeln, Frühangeln, bei über 30 Grad, bei strömendem Regen – jeden Tag rief der See. Einmal hatte sich ein Kreis von etwa zehn Jungen morgens um fünf Uhr zum Frühangeln verabredet. Es war an einem Pfingstsonntag,  strömender Regen, keine zehn Grad, richtiges Sauwetter. Doch sie haben das Ding durchgezogen, immerhin.

Als es gegen Mittag an der Haustür klingelte, öffneten wir einem bibbernden Jammerchen: Unter der Kapuze tropften die nassen Haare, die blauen Lippen zitterten. „Mir ist kalt“, brachte er noch hervor. Als wir unseren Kleinen in diesem Mitleid erregenden Zustand vor uns sahen, haben wir schallend gelacht. Er nahm es uns nicht übel. Wir haben ihn ausgezogen, in die heiße Wanne gesteckt.  Den ganzen Nachmittag durfte er Fernsehen gucken. (Was sollte man sonst auch machen bei  diesem Wetter?!)

Seemüdigkeit, Fischphobie oder Angelüberdruss  stellte sich nach diesem Erlebnis nicht ein, im Gegenteil. Und ich will auch gar nicht ungerecht sein: Das Angeln macht dem Kleinen viel Freude.

Als wir irgendwann in dieser Zeit beschlossen, an die Ostsee zu fahren, gab es gar keine Frage: Die Angel musste mit. Genauso wie der Große seine Drachen mitnahm, um sie im Seewind fliegen zu lassen.

Erst sehr spät stellte sich heraus, dass für den erfolgreichen Fischzug die Köder fehlten. Der Kleine, inzwischen ein richtiger Experte was die schwimmenden Bewohner der heimischen Gewässer angeht, wusste Bescheid. Er meinte, Meeresfische seien am besten mit Würmern zu fangen. Ich hatte keine Ahnung und stellte keine Fragen. Wichtiger war ohnehin: Woher nehmen, wenn der Angelladen schon geschlossen hat und die Reise früh  am Morgen losgehen sollte?

„Du hast doch mal gesagt, Papa, im Komposthaufen leben Regenwürmer.“

Nichts leichter als das. Ich kramte die Schaufel aus dem Schuppen und schon bald  hatten wir so viele Regenwürmer zusammen, dass sie ein halbes Marmeladenglas füllten. Nicht eben lecker anzusehen, aber da haben Fische ja eine andere Meinung.

Jedenfalls meldete sich bei meinem Sohn die Tierliebe zurück. Die armen Würmer einfach so im nackten Glas dahin vegetieren zu lassen – das ging gar nicht. Also wanderte eine Handvoll guter Komposterde gleich mit ins Marmeladenglas. Um sie vor dem Erstickungstod zu schützen, bohrten wir ein paar Löcher in den Deckel. Und damit es ihnen nicht zu warm wurde, lagerten wir sie über Nacht im Kühlschrank.

Was für eine Art Tierliebe das ist, die Regenwürmer zu umhegen, auch wenn sie am nächsten Tag ihr Ende am Angelhaken finden sollen?  Naja,  man muss bedenken, sie sollten sich den Fischen von ihrer schmackhaftesten Seite präsentieren.

In der Erinnerung an den folgenden Morgen, kommt als erstes dieser Schrei vor, den meine Frau ausstieß und der lange im Haus nachhallte. Das blanke Entsetzen stand in ihrem Gesicht, kurz nachdem sie – arg- und ahnungslos – die Kühlschranktür geöffnet hatte. Überall Gewürm und Gewimmel, zwischen Quark und Gemüse, zwischen Getränken und Eiern waren sie unterwegs. Das Nest aus Erde haben die  Regenwürmer verlassen und sich durch die Löcher im Glasdeckel auf Erkundungstour begeben.

Für meine Frau war der Tag gelaufen. Wir drei Männer  nahmen es sportlich und veranstalteten einen kleinen Wettkampf, wer die meisten von den Biestern wieder einfängt. Aber alle haben wir nicht gekriegt, denn einige haben sich in einem kleinen  Ablauf für Tauwasser verkrochen. Unmöglich, sie herauszubekommen.  Damit ging der Alptraum für meine Frau weiter. „Wenn die nachher in den Kühlschrank zurückkriechen?! Ich will den nicht mehr haben! Ich will einen Neuen!“

Das Wochenende am Strand verblasste vor diesem Ereignis. Keiner weiß mehr genau, was wir dort die ganze Zeit gemacht haben. Erst die Ankunft zu Hause steht dann wieder lebhaft vor unseren Augen: Der Kühlschrank war kaputt. Wir glauben,  die Würmer, die durch den Tauwasser-Ablauf krochen, haben ihn zerstört. Später fragte uns der Haushalts-Fritze, wie uns das gute Stück nur kaputt gehen konnte. Wir haben bloß mit den Schultern gezuckt.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"