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Idylle auf dem Abstellgleis

Deutschlands größte Tageszeitung hat den Abschnitt der Straßenbahnlinie 61 zwischen S-Bahnhof Friedrichshagen und Rahnsdorf/Waldschänke als schönste Tramstrecke Berlins deklariert. Von einer Fahrt wie durch einen Wildpark ist die Rede, Wald hier, Wasser da. Aber Schönheit zählt nichts, spätestens 2017 ist Schluss mit der Idylle. Grund: Um die Strecke weiterhin zu nutzen, müsste die BVG die Gleisanlagen auf einer Länge von fünf Kilometern komplett erneuern. Das wäre zu kostspielig, da die Strecke kaum Fahrgäste hat. Damit wäre Rahnsdorf von der Stadt aus nur noch mit der S-Bahn zu erreichen. Der Hintergrund ist kompliziert: Klar ist, dass die Gleise, die 1985 von Friedrichshagen nach Rahnsdorf verlegt wurden, ausgetauscht werden müssen. Außerdem sollen in den kommenden Jahren in ganz Berlin die alten Tatrawagen durch moderne Niederflurbahnen ersetzt werden, und die sind breiter als die alten Wagen.

Artur Frenzel vom Berliner Fahrgastverband IGEB sagt, dass der einfache Austausch der Gleise gar nicht so kostspielig wäre. „Aber das Gleisbett muss verbreitert werden. Dafür ist ein Planfeststellungsverfahren notwendig, mit dem Auflagen an eine Umweltverträglichkeit einhergehen. Und die sind besonders hoch, weil die 61 durch ein Trinkwasserschutzgebiet fährt.“ Die Bahnen können unterwegs Getriebeöl verlieren, also muss unter den Gleisen noch ein zusätzlicher Betontrog angelegt werden. „Und der treibt die Kosten in die Höhe.“ Das Ergebnis einer exakten Kostenprüfung steht noch aus, vorher will sich die BVG auf keine Aussagen zur Kürzung der Linie 61 festlegen. Aber bleibt es bei der geschätzten Summe von 15 bis 20 Millionen Euro werden die Verkehrsbetriebe diese Investition wohl scheuen. Sie würde sich angesichts der wenigen Fahrgäste kaum lohnen. Es handelt sich nämlich um die am Wenigsten genutzte Straßenbahnstrecke in ganz Berlin. Im Sommer können bei Badewetter schon einmal 1.000 Fahrgäste täglich unterwegs sein, im Winter sind es nur 400.

„Dennoch sind wir als Fahrgastverband grundsätzlich gegen Stillegungen und Kürzungen von Strecken“, sagt Frenzel, der beim IGEB die Abteilung Stadtverkehr leitet. Darum hat er auch Vorschläge parat, die die Linie 61 noch retten könnten. Eine Möglichkeit sei, die Umweltverbände zu mobilisieren. „Fällt die Straßenbahn weg, kommen die Badegäste im Sommer mit dem Auto, und Autos verlieren ebenfalls Öl, mehr noch als Straßenbahnen. Daran erkennt man, was von einer Umweltverträglichkeitsprüfung zu halten ist“, meint Frenzel. „Hier können die Verbände ansetzen.“ Eine weitere Idee zielt darauf ab, die Fahrgastzahlen in die Höhe zu treiben. „Man könnte die Linie in Rahnsdorf verlängern, so dass sie bis in den Ortskern fährt.“ Dann gäbe es wieder mehr Fahrgäste auf der Linie und keinen Grund, die teure Investition abzulehnen. Ebenso hätten die Gewerbetreibenden in der Bölschestraße ein Interesse daran, wenn die Kundschaft aus Rahnsdorf direkt vor ihre Läden fährt. Allerdings räumt Frenzel diesem Vorhaben keine großen Chancen ein. Einen entsprechenden Antrag hat die Grünenfraktion von Treptow-Köpenick schon im Februar im Bezirksparlament, der BVV, gestellt. Aber der ist vom Bauausschuss abgelehnt worden. Die SPD-Fraktion hat bei derselben Sitzung einen Antrag auf Erhalt der Linie gestellt. Im Berufsverkehr sei die 61 gut besetzt und Rahnsdorfer Schüler nutzten sie, um nach Friedrichshagen in die Gerhart- Hauptmann-Schule und Bölsche-Oberschule zu kommen. Das Ergebnis hier ist noch offen. „Die Linie 61 wird bis 2017 noch bis Rahnsdorf fahren“, sagt Frenzel. „Aber wird der letzte Abschnitt eingestellt, wird die Bahn durch keinen Bus ersetzt.“ Dazu wäre die BVG nur verpflichtet, wenn es Anwohner zwischen Friedrichshagen und Rahnsdorf gäbe. Die Bürger sollten sich darum jetzt schon einmal klarmachen, was der Wegfall der Linie 61 für sie bedeuten würde. „Jetzt kann man noch etwas dagegen unternehmen.“ Eine Möglichkeit ist eine Petition, die man im Internet unter www.linie61.de unterzeichnen kann. 10.000 Unterschriften sind notwendig, damit sie wirksam wird. Bislang haben sich nicht einmal 1.000 Unterzeichner gefunden. Aber bis Ende des Jahres kann noch jeder Berliner unterschreiben.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"