Schweineöder Kiezspaziergang

Die Anzahl der aufeinander folgenden Haltestellenschilder lassen die Länge der Wilhelminenhofstraße vermuten. Ich bekomme Lust, bis zu ihrem Ende zu schlendern, doch habe ich zunächst eine Verabredung im Kranhauscafe. Um etwas über den Status Quo und die Zukunft Schöneweides zu erfahren, will ich mich mit Initiatoren dieses Stadtteils treffen. Dafür geht es erst einmal über das Industriegelände in Richtung Spree. Frisch asphaltierte Straßen geben diesem Gebiet eine neue Struktur und die fast fertigen Neubauten lassen eine baldige Belebung vermuten. Ein ungewöhnlicher, mehrgeschossiger Bau in Form eines Kranes steht nun vor mir. Ich setze mich an den Strand der Spree und bestelle mir einen Kaffee. Mein Gesprächspartner kommt bald danach auf seinem Fahrrad. Er stellt sich mir, noch etwas außer Atem, als Lutz Längert vom Kietzbüro vor und wir brauchen nicht lange Small Talk zu führen, denn er will auf den Punkt kommen – ein Realist also.

Auf meine Frage hin erklärt er die Funktion des Kietzbüros, das als Nachfolger des Quartiersmanagements im November 2007 seine Arbeit aufnahm: LL: Grob umschrieben geht es uns um die Bündelung von Informationen. Das Kietzbüro versteht sich als Schnittstelle zwischen dem Bezirksamt, den Bürgern, Vereinen und Unternehmen. Wir orientieren uns an den Wünschen und Bedürfnissen der hier lebenden und arbeitenden Menschen. Im Grunde genommen liegt es in unserer Aufgabe, die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern und eingreifende Bürgerbeteiligung in Schöneweide zu fördern.

MB: Wie hat sich aus Ihrer Sicht Schöneweide in den letzten Jahren entwickelt?
LL: Im Allgemeinen durchaus positiv. Das Interessante an Schöneweide ist ja die soziale Vielfalt, wobei zum Beispiel im Nordwest-Teil immer noch sechzig Prozent der Einwohner Transferleistungen beziehen. Trotzdem hat sich da schon einiges getan. Damit der Trend anhält, sind vorausschauende und nachhaltigere Aktivitäten unbedingt von Nöten. Kurzfristig angelegte Projekte wirken da eher behindernd auf den Genesungsprozess.

MB: Wie soll denn diese Nachhaltigkeit erreicht werden?
LL: Weil wir auch Ansprechpartner für die Realisierung von Ideen und Projekten sind, liegt es in unserer Motivation, strategischer in der Koordination vorzugehen. Blinder Aktionismus lässt oft gute Ideen verpuffen. Eine gute Planung ist nun einmal die Voraussetzung für Nachhaltigkeit. Besonders wichtig dabei ist es, sich nicht von Ideen abschrecken zu lassen, die zunächst mit einem etwas höherem Arbeitsaufwand verbunden sind und vielleicht nicht sofort Ergebnisse sichtbar machen. Impulse für die Zukunft setzen – das können wir dazu beitragen.

MB: Wie sehen Sie Schöneweide in der Zukunft?
LL, schmunzelnd: Selbstverständlich als blühende Landschaft! Nur die Bürger dürfen nicht verdrängt werden, wenn das Rad der Wertschöpfung erst einmal in Schwung gekommen ist!

Ein gutes und treffendes Schlusswort, das mich den restlichen Kaffee eher nachdenklich schlürfen lässt. Wir verabschieden uns, denn ich habe noch einen Termin am anderen Ende dieser langen Wilhelminenhofstraße. Zu meiner Linken erscheint der Campus der FHTW. Hier ist also seit dem Herbst 2006 der Fachbereich Gestaltung untergebracht. Ich erinnere mich gut an die Zeit, als der Fachbereich am Warschauer Platz in Friedrichshain angesiedelt war. Dieser Teil des Bezirks war damals eher trostlos, aber durch die Unbefangenheit und den Einfallsreichtum der dort ansässigen Studenten wurde der Boxhagener Platz und Umgebung in Schwung gebracht. Das lässt viel hoffen, denn in naher Zukunft soll der Campus in Schöneweide rund 6000 Studenten beherbergen. Die Industriebauten aus Backstein bilden zu den gegenüberliegenden, teilweise frisch verputzten Wohnhäusern einen interessanten Kontrast. Ein Blick durch die Werktore macht auf das Treiben in den Höfen und überdimensionalen Hallen neugierig. Als ich eines dieser Tore durchschreiten will, gibt mir ein Wachmann sofort und unmissverständlich zu verstehen, dass ich meiner Neugier Einhalt gebieten solle. Ich mache ihn darauf aufmerksam, welch schöne, historisch anmutende Ornamente das Werksgebäude verzieren. Während er die Wände seines Arbeitsplatzes neu entdeckt, mache ich mich zügigen Schrittes in Richtung Edisonstraße. Angekommen in den Spreehöfen, besteige ich den Lastenfahrstuhl, der mich zu meinem Gesprächstermin transportiert.

Man empfängt mich zu zweit. Zum einen stellt sich mir Sonya Winterberg als Ansprechpartnerin von Organizing Schöneweide vor, zum anderen begrüßt Gunther Jancke als Koordinator der Schöneweide- AG. Moment – man kann Wertpapiere von Schöneweide erwerben? Dieser Frage werde ich noch nachgehen. Ich nehme an einem Tisch Platz und möchte zunächst wissen:

MB: Was steckt eigentlich hinter dem Begriff ,Organizing‘?
SW: Das Konzept stammt ursprünglich aus den USA. Es wurde erstmalig in den 1920er Jahren in den Armenvierteln von Chicago angewandt. Dieses Mittel ist vorrangig entwickelt worden, um Bürger zu befähigen, selbst aktiv und mündig für ihre Interessen einzutreten. Leo Penta, Professor an der katholischen Hochschule für Sozialwesen, kommt selbst aus New York und hat dort viele Jahre als Organizer gearbeitet, bevor er nach Deutschland kam und es hier etablierte.

MB: Wie funktioniert Organizing Schöneweide ?
SW: Wir sind eine selbstständige Plattform, die Bürger dabei unterstützt, sich für die Belange und Zukunftsvorstellungen ihres Umfeldes stark zu machen und die Bürgerinteressen durchzusetzen. Erste Aktionen in diesem Rahmen gab es schon 1999. Zur Zeit besteht diese Plattform aus achtzehn Gruppen und zahlreichen aktiven Einzelbürgern. Wir sind konfessionell, ideologisch und parteiunabhängig und stellen die breite bürgergesellschaftliche Basis vor Ort dar. Dabei erhalten wir keine Zuwendungen oder Finanzierung vom Staat.

MB: Wie finanziert ihr euch, wenn ihr keinerlei Förderung erhaltet?
SW: Ein Viertel beziehen wir aus Mitgliedsbeiträgen, ein weiteres Viertel über Stiftungen und rund die Hälfte von den sogenannten Wirtschaftsverbündeten: lokalen Unternehmen, die unsere Arbeit gut finden.

MB: Welche Erfolge konntet ihr denn bisher verzeichnen?
SW: Beispielsweise haben sich die Gruppen unserer Bürgerplattform für die FHTW-Ansiedlung in Schöneweide und den Bau des Kaisersteges stark gemacht. Selbstverständlich stehen auch aktuelle Projekte an. So setzen wir uns für die Reduzierung des Durchgangsverkehres durch Schöneweide ein, um eine positive Belebung dieses Stadtteils zu fördern.

MB: Herr Jancke, kann man in der Tat Wertpapiere von Schöneweide erwerben und sind Sie demnach der Vorstandsvorsitzende der Schöneweide- AG? Und wenn ja, wie kann ich dem Aufsichtsrat beitreten?
GJ: AG steht hier für Aktionsgemeinschaft, jedoch ist der Bezug zur Aktiengesellschaft nicht ganz unbeabsichtigt, denn so soll schon ein wirtschaftlicher Akzent gesetzt werden. Dabei sind die Grundstückseigentümer, Industrieunternehmen, Wohnungsbauunternehmen, das Bezirksamt Treptow-Köpenick und die FHTW angesprochen, als ,Aktionäre‘ symbolisch einen ,Aktionsschein‘ zu zeichnen.

MB: Was genau ist die Hauptaufgabe dieser Aktionsgemeinschaft?
GJ: Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie es nach der FHTW-Ansiedlung weiter gehen soll. Schließlich ist die Ansiedlung allein kein Garant für eine Belebung des Bezirks. Hier liegen neunzig Hektar Industriefläche brach, die es zu bewirtschaften gilt! Dabei ist es überaus wichtig, bei deren Vermarktung keine Bauchladenmentalität an den Tag zu legen. Deshalb legen wir schon ein Augenmerk darauf, wer zum Profil der FHTW passt und nicht zuletzt wer Arbeitsplätze schafft.

MB: Ich bedanke mich für dieses Interview!

Wir schütteln uns die Hände und vereinbaren, miteinander in Kontakt zu bleiben. Während ich über die heutigen Eindrücke nachdenke, fällt mir auf, dass der Enthusiasmus der Initiatoren in mir die Lust geweckt hat, mich näher mit diesem „Schweineöde“ zu befassen. Ich bin gespannt, wie sich die Dinge entwickeln werden und möchte zusehen können, wie es gedeiht und wächst.