Der Ausblick aus seiner neuen Wohnung war einfach atemberaubend. Über den alten Stadtkern bis hinunter zur Flußbiegung reichte das Auge. Auch wenn heute alles wie in Watte gepackt war – der Herbst zeigte sich von seiner düsteren Seite, kein Sonnenstrahl durchbrach die Wolkendecke. Die Zugvögel formierten sich zu dem gewohnten V, dessen Spitze in die Richtung des Winterdomizils wies – der euphorischen Stimmung tat das kein Abbruch. Seit Jahresbeginn hat er recherchiert und tagelang die Anzeigen gewälzt um endlich dieses Kleinod zu finden. Glücklicherweise waren alle Erstsemester bereits mit Wohnraum versorgt, hatten in den Studentenheimen um unlängst geräumten Zimmer gekämpft und sich einquartiert oder schließlich doch noch zur Untermiete bei einer der älteren Damen eine Bleibe gefunden, die damit ihre Rente aufbesserten und sich mit dem Winterurlaub in den nahegelegenen Alpen auf der französischen Seite den Lebensabend verschönerten.
Daß der frühere Mieter, ein pensionierter Amtsarzt anch dem Ableben seiner Gattin vor zwei Jahren gerade jetzt seiner langjährigen heimlichen Urlaubsliebe aus demNorden einen Antrag machte, den diese erlöst aufatmend annahm, war eine äußerst glückliche Fügung des Schicksals. Zwei Wochen früher und die drei Zimmer wären für sehr lange Zeit die Basis einer kiffenden, party-affinen Studenten-WG geworden, deren Einrichtung sich fast ausnahmslos aus irgendwelchen pseudo-niedlichen Smörebröds oder Leksvik-Utensilien aus dem blau-gelben Wohnst-Du-noch-oder-lebst-Du-schon-Möbelcontainer hinter der Stadtgrenze zusammengesetzt hätte. So hatten sie beide Glück gehabt, die Wohnung und Peter. So sah er es jedenfalls. Es blieb noch die Frage wie er sich im Sommer vor dem all zu starken Sonneneinstrahl schützen würde. Gardinen wollte er nicht, konnte sich noch nie richtig mit ihnen anfreunden, sie erinnerten ihn an die vom Zigarrenrauch vergilbten Spitzengardinen seiner Großeltern aus der Vorstadt seiner Kindheit. Alles schien davon umhüllt gewesen zu sein, als hätten sie versucht ihre Möbel zu konservieren wie Rauchschinken. Nur sie selbst verkürzten dabei ihre Zeit – ihre Möbel hätten sie noch um Jahre überlebt, wenn sich jemand ihrer erbarmt hätte, aber die rustikale Eiche fand keine Interessenten.

Also auch in dieser Wohnung keine Gardinen – natürlich nicht. Der Prospekt des Rolladenhandels Creon, den er aus seinem alten Briefkasten gefischt hatte, fiel ihm wieder ein. Die Webadresse des Onlineshops hatte er sich noch mit dem Handy abfotografiert, bloss nie mehr mitnehmen als unbedingt notwendig. Im Laufe der Jahre hatte er sich seine Einrichtung sorgfältig zusammengestellt – mit stilsicherem Auge die Angebote der Tageszeitungen und Möbelmagazine unter die Lupe genommen, Wochenendflohmärkte durchforstet, den Nachlaß diverser anderer Absolventen gesichtet, wie er selbst damals einer war, nur mit dem Unterschied in dieser Stadt ein neues Heim gefunden zu haben. Sollten die anderen ihre Jahre an der Uni hinter sich lassen, wie eben ihre Möbel auf dem Markt. Peter wußte um den wahren Wert, den diese Gegend für ihn hatte, abseits der großen Metropole mit ihrer Anonymität und unpersönlichen Geschäftigkeit, ein Bienenstocksummen das noch Blöcke von den Hauptstraßen entfernt zu vibrieren schien. Diese entlang der Abhänge gewachsene Ansammlung von Häusern unterschiedlichster Stile und Alter war mit der nicht zu kleinen und nicht zu großen Anzahl ihrer Bewohner wie geschaffen für ihn. Als hätten sie auf ihn gewartet um ihn in sich aufzunehmen, so als wäre auch er ein mit stilsicherem Auge Auserwählter sich an diesen Ort zu begeben und ihn durch seine ganz eigene Art zu vervollkommnen wie ein Mies-van-der-Rohe-Stuhl neben einem Rockoko-Spieltischchen und einem Louis-Quinze-Sessel mit der charmanten Patina rissiger Goldfarbe und abgewetztem Sitzbezug. Als ein Sammlerstück seiner Kollektion, begonnen zwei Wochen nach seiner Ankunft am Hort seines lehrreichen und intensiven Studiums, der Ort wo er das erste Mal das Gefühl hatte, wirklich dafür zu leben was ihn schon immer antrieb: Die Liebe zum Gestalten und Formen.
Zwar hatte er in seiner Schulzeit immer seinen wohlwollenden Kunstlehrer gehabt, der sich gern in den Pausen nach dem Unterricht Zeit für ihn nahm und ihm Austellungen und Bücher empfahl, dennoch waren diese Begegnungen und Anregungen wenig, zu wenig für seinen Wissensdurst. Seine Eltern interessierten sich mehr für Sport und Tanzen, sind ihrer eher einfachen Herkunft nie wirklich entwachsen. Sie verbrachten ihre Freizeit jenseits des Werkes für Lebensmittelchemie, in dem sie arbeiteten und wo sie sich auf einer Betriebsfeier kennenlernten, mehr vor dem Fernseher oder am Wochenende auf dem vereinseigenen Fußballplatz, als in Bibliotheken oder im Städtischen Kunstgewerbemuseum,was wenigstens als Einstieg in Peters Welt fungierte, die er dann ohne erwachsenen Beistand betrat. Doch erstaunlicher Weise fand er sich ganz gut zurecht, er schien einen sechsten Sinn zu haben, einen Instinkt für das Schöne und Außergewöhnliche…

Er wußte nicht, daß er am Anfang einer Reise stand, eher folgte er einem inneren Bedürfnis sich seine ganz eigene Welt zu schaffen, eine ästhetische Welt jenseits des kleinbürgerlichen Mikro-Kosmos seiner Kindheit. Peter ahnte oder besser spürte nicht, daß er zaghaft eine Tür aufgedrückt hatte, deren dahinterliegender Raum ihn in sich aufsog und nie mehr loslassen sollte.

Fortsetzung folgt