oder Ach, eigentlich haben wir alle etwas zu erzählen

Die Arbeitsvermittlerin schaut mich über ihre Brille hinweg an und kann mit meinem Bachelor Abschluss (BA Hons Creative Writing) nichts anfangen. Als ich ihr versuche zu erklären, dass es sich dabei um eine akademische Autorenausbildung handelt, ist sie auch nicht viel überzeugter – ‚Sowatt kann ma studieren?

2001 war das. 2009 als ich Berlin Muse gründe, um Kurse im Kreativen Schreiben anzubieten, ruft mich eine entrüstete Berlinerin an, und versucht mich eine ganze Stunde lang versucht davon zu überzeugen, dass sie da schon viele Erfahrungen gemacht hat mit solchen Kursen und, dass das alles Blödsinn ist. Schreiben kann man nicht lernen. Entweder man kann das, oder eben nicht. Egal was ich sage, sie ist sich ihrer Sache sicher und ich danke ihr für ihren inspirierenden Anruf und lege auf.

 

Darf nur schreiben und erzählen, wer das schon kann? Und ab wann kann man das? Keine Ahnung! Es gibt so viele verschiedene Geschichten und Schreibstile, wie es Leser gibt. Auch ich erzähle oft und gern meine eigenen Gründe für das Schreiben – ich habe so viel zu erzählen, dass ich gar nicht so viel und oft reden kann. In Schreibkursen versammeln sich Menschen, die vor allem eins gemeinsam haben – ihre Geschichten zu teilen. Was sind das für Leute, die sich die Zeit nehmen an einem Schreibkurs teilzunehmen? Es sind Jugendliche, die ihre eigene Stimme entdeckt haben und nun diese ausprobieren wollen, weil es so viel zu sagen gibt und die einfach ein bisschen festgehalten werden wollen, während sie sich kreativ weit aus dem Fenster lehnen.Es sind Menschen jeden Alters, die Bewegendes erlebt haben und durch ihre geschriebenen Geschichten, Zeugen finden wollen, für das, was ihnen widerfahren ist. Es sind Menschen, die ihre beruflichen Fähigkeiten durch fließendes und lebendiges Schreiben von Texten erweitern wollen. Es sind Menschen, die das Geschichtenerzählen alleinig als Werkzeug nutzen, um sich mit einem Thema (z.B. ihrer DDR-Vergangenheit, ihrer Schwangerschaft etc.) während eines Wochenendworkshops mit Gleichgesinnten tiefer auseinander zu setzen. Es sind Menschen, die reich und berühmt werden wollen mit ihrem Drehbuch oder Roman. Es sind Menschen, die schon lange schreiben und sich weiterbilden wollen in ihren sprachlichen und dramaturgischen Fähigkeiten. Es sind Menschen, die den Austausch mit anderen Schreibenden suchen. Es sind Menschen, die einfach neugierig sind, was dabei herauskommt, wenn sie endlich den Mut finden und los schreiben

Ach, eigentlich haben wir alle etwas zu erzählen. Die jüngsten Teilnehmer des FDD Schreibwettbewerbs waren unter 12 Jahren, der älteste Teilnehmer war 68 Jahre alt.

Aber kann man das nun lernen? Was passiert da eigentlich in so einem Kurs? Einstein meinte, dass er seine Studenten weniger unterrichte, als viel mehr Bedingungen schaffe, unter denen sie lernen können. Schreiben entsteht nur durch Schreiben und verbessert sich vor allem durch bung.

‚Verbessern heißt, dass das was im Kopf ist, dem auf dem Papier immer ähnlicher wird – dass das was ich erzählen will, so oder ähnlich auch beim Leser ankommt. Daher wird auch vorgelesen, aber das Feedback sollte keine Liste von Verbesserungsvorschlägen sein, sondern Fragen, mit denen die Schreibenden weiterarbeiten können, statt vor Scham über ihren unperfekten Text völlig zu stagnieren.

Vor dem ‚Verbesser kommt aber erstmal das Sammeln von Ideen ohne den Druck von Richtig & Falsch. Daher schreibt man manchmal auch einfach ohne definitive Ambitionen, sondern einfach nur so aus Spaß an der Freude und aus Neugier auf das Ergebnis.

Wer selbst Lust hat, sich aus Spaß an der Freude auszuprobieren:

Dichter.dran 2010 – Berlin Muse Schreiben im Wasserwerkmuseum 12. September 12.30-14 Uhr (Anmeldung und Info: info@berlin-muse.de oder Tel. 43202869), Berlin Muse Kurse in Friedrichshagen: 25.&26. September (Aller Anfang ist schwer?) und 20.&21. November (Weihnachtsschreiben) – mehr auf www.berlin-muse.de. Für die Ergebnisse des diesjährigen Schreibwettbewerbs siehe das Rahmenprogramm des Dichter.dran Festes – es gibt einen Publikumsliebling zu wählen