Marcel Piethe

Leander Haußmann im Maulbeerblatt-Interview über den Film im Allgemeinen und die Filmstadt Berlin im Besonderen, das Theater, seinen Vater und die Weihnachtsgans.

Leander Haußmann, 1959 in Quedlinburg als Sohn des Schauspielers Edzard Haußmann geboren, wuchs in Berlin-Friedrichshagen auf, wo er auch heute wieder lebt. Er absolvierte eine Druckerlehre, besuchte danach die Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Ab 1990 führte Haußmann Regie am Deutschen Nationaltheater in Weimar, bevor er 1995 für fünf Jahre Intendant des Schauspielhauses Bochum wurde. Dem theaterfremden Publikum wurde Haußmann durch die Filmkomödie „Männerpension“ von Detlef Buck (1995) bekannt – und nicht zuletzt durch sein Filmregiedebüt, den mittlerweile als „Kultfilm“ bezeichneten Streifen „Sonnenallee“ (2000). Mit der Verfilmung von Sven Regeners „Herr Lehmann“ feierte er drei Jahre später einen weiteren bemerkenswerten Erfolg – wieder mit einem Berlin-Film. Nun ist in den kommenden Tagen Kinostart für seinen neuesten Streifen: „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“.

MB: Herr Haußmann, was bedeutet Berlin für Ihre Filme?
LH: In Berlin bin ich eben zu Hause, das ist für mich ein Heimspiel, ich kenn hier die Ecken, weiß, wo ich was drehen kann in dieser Stadt. Und Berlin ist ja mittlerweile eine Stadt – vielleicht nur zu vergleichen mit New York, eine Stadt, die durch Filme immer populärer wird.?

MB: Berlin – New York?
LH: New York und Berlin haben eine Menge Gemeinsamkeiten. Ich komme ja nun aus dem Osten und für mich setzte sich New York erst einmal durch Filme zusammen, ist irgendwie eine riesengroße Filmkulisse an sich. Ich sehe die Stadt immer von außen, von oben – aus Perspektiven, die du als Normalbürger nicht einnehmen kannst.?

MB: Gibt es Filme, die Ihr New York-Bild geprägt haben?
LH: Schlesingers „Asphalt-Cowboy“ und die Kriminalfilme von Don Sigel. Und natürlich „Einsatz in Manhattan“ mit Kojak. Für uns Ossis war das zumindest damals das New York. Ich will nicht sagen, dass ich desillusioniert war, als ich dann da war. Aber im Film sah es schon irgendwie geiler aus – sieht aber fast jede Stadt.

MB: Jede? Auch?
LH: Ja, ich habe auch schon mal in Friedrichshagen gedreht. Letztes Jahr mit Henry Hübchen. Leider ist das nicht erschienen, nicht RTL – kompatibel. Es war der Pilot für eine Geisterserie, über Grenzerfahrungen – aber ganz lustig. Ist nicht durch die „Marktforschung“ gekommen. Aber es gibt eben schon alles oder wie es in einem Bogdanovich-Film heißt: Alle guten Filme sind schon gedreht.?

MB: Gibt es in New York ein Pedant zu Friedrichshagen?
LH: Da fiele mir nicht viel ein. Eher in Seattle, mit seinen vielen Hausbooten und so. Friedrichshagen, das finde ich so angenehm, ist noch so unbekannt. Ein Westler sagt: Friedrichshagen – Müggelsee? Den Wannsee kennt man. Ich empfinde das ehrlich gesagt als großen Vorteil.?

MB: Welcher Berlin-Film hat Sie geprägt? Gibt es einen?
LH: Klar – Sonnenallee. Nein, im Ernst: In den letzten Jahren eigentlich nicht. Und auch nicht „Himmel über Berlin“ oder so. „Die Legende von Paul und Paula“ ist gut, hat starke Metaphern für Vergänglichkeit. Aber so richtig gut sind eigentlich für mich nur die ganz alten, zum Beispiel der Lang-Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Es gibt bestimmt auch andere gute Berlin-Filme – „Sommer vorm Balkon“. Interessante Frage; habe ich so noch nie drüber nachgedacht. Aber ich bin ehedem nicht so sehr von deutschen Filmen geprägt.?

MB: Wie hat sich der Drehort Berlin seit 1989 verändert?
LH: Das Interessante ist: Man muss kaum noch Straßen zum Filmen absperren. An jeder Ecke steht ein Drehteam. Die Leute gucken nicht mehr hin. Und jeder Berliner empfindet sich schon als Statist in der eigenen Stadt. Bei unserem neuen Film kann man sehen, wie wir Benno Fürmann über eine große Straße rennen lassen. Da war nichts abgesperrt. Zwei Ordner. Aber glauben Sie nicht, dass sich irgendwer um die gekümmert hat. Das ist natürlich sehr angenehm, wenn man nicht immer 300 Statisten mitbringen muss. Wir nehmen ein paar, mischen die unter die Leute – und fertig ist das normale Stadtleben.?

MB: Warum ist Berlin mittlerweile für internationale Produzenten und Regisseure so interessant?
LH: Das liegt vielleicht auch daran, dass die Mentalität der Deutschen mittlerweile gegenüber Amerika und speziell gegenüber dem Hollywood-Kino eine sehr unterwürfige geworden ist. Ich werde häufig zu Premieren und so etwas eingeladen. Man kann sich aber sicher sein, wenn da über einen roten Teppich ein amerikanischer B-Schauspieler läuft, dass dich irgend ein Deutscher, meist ein Pressemann, der dich vorher freundlich gegrüßt hat, anrempelt und wegschubst. Ich pflege dann immer zu sagen: „Pass auf Du, der ist morgen weg, aber ich bin morgen noch da!“ Auch werden Orte und Gelder an Hollywood verscherbelt. Es gibt eine Reihe von Leuten, die jeder hier auch kennt, die sich sehr eitel darin gefallen, sich ein bisschen im Glanz von Künstlern oder Hollywood-Stars zu spiegeln. Wir hatten auch einmal Stars: Marlene Dietrich, Curt Jürgens, Hans Albers. Nur waren viele gute und große Schauspieler ab einem gewissen Zeitpunkt im Exil oder tot. Man hatte dem deutschen Film unter anderem vorgeworfen, im Krieg Boulevard-Kino gemacht zu haben. Aber ich bitte Sie, was hätten Ihrer Meinung nach die Soldaten da draußen im Schmutz in den Schützengräben sehen wollen: Problemfilme von zu Hause? Die waren meist nicht freiwillig zum Sterben dahin gekommen. Das war eine Form von Lebenshilfe, die Künstler da gegeben haben – wozu sie durchaus verpflichtet sind.? Mir geht diese Kontrolle und diese „Polizei“ ziemlich auf den Keks, die ununterbrochen schaut, ob man alles richtig macht, richtig sagt. Meist sind das Leute, die gar nicht einschätzen können, wie es im Faschismus oder in der DDR war. Kann man wirklich einschätzen, wenn man es nicht erlebt hat, wie man sich unter Folter oder ähnlichem verhalten würde? Viele sagen: Kameraden kann man nicht verraten. Ich neige immer eher zum Verständnis und gehe davon aus, dass Menschen in der Regel feige sind. Feigheit ist nichts Schlimmes, Feigheit ist eine Form von Klugheit. Die Feigen überleben meist. Nehmen Sie Gründgens, entsetzlich denunziert durch seinen Mephisto – wo wir aber wissen, dass er doch auch Leute gerettet hat. Es war wohl mehr wert, dass er Intendant war, als irgendein bekennender Nazi. Vor allem ein selbst ständig gefährdeter homosexueller Intendant – was man heute gerne vergisst. So verhält es sich auch mit Rühmann. Schauspieler sind keine Helden. Hans Otto ist da eine Ausnahme, die er mit dem Leben bezahlt hat.?
Schauspieler sind Spieler. Wenn man ihnen die Bühne wegnimmt, nimmt man ihnen das Leben weg. Insofern kann man auch Heinrich George nicht mit den gemütlichen Plüschpantoffeln aus dem Wohnzimmer heraus einen Vorwurf machen, dass er unter den Nazis spielen wollte. Er brauchte doch das Land, seine Sprache, sein Publikum. Man muss Verständnis haben, um zu verstehen. Es ist das Gleiche jetzt mit den Stasi-Leuten. Da heißt es: Du warst Stasi – Arschloch – Punkt. Aus! Wir als Künstler sind verpflichtet, das subjektiv und differenziert zu sehen. Insofern ist „Das Leben der Anderen“ ein guter Versuch, dem Thema mal von der anderen Seite zu begegnen. Was passiert mit Menschen? Warum sind sie so? Meine Sympathie gehört immer den Nicht-Helden, denen, die moralische Fehler machen. Deshalb war mir – obwohl es eigentlich vollkommen egal ist – als „es“ passierte, Eva Herrmann sehr sympathisch, obwohl ich sie eigentlich nicht leiden kann. Und mir gehen diese Leute auf die Nerven, die aus der Prominentenecke kommen und sich so feige wohlfühlen nach dem Motto: Ich habe jetzt mal keinen Fehler gemacht – und mit dem Finger dann auf andere zeigen, aus der Masse heraus schießen. Und jeder weiß, dass Frau Herrmann kein Nazi ist. Aber man arbeitet sich an solchen Leuten gerne ab.?

MB: Herr Haußmann, in welchen Personen des Filmschaffens sehen Sie Ihre Vorbilder?
LH: Das sind in der Hauptsache amerikanische Regisseure – lustigerweise deutscher oder österreichischer Herkunft. Obwohl: Bei Billy Wilder weiß ich das nie so genau. Irgendwo ist er für mich ein Berliner – aber dann doch wieder Wiener. Auch Ernst Lubitsch. Auch so vielseitige Regisseure wie Sydney Lumet, der für fast jeden seiner Filme einen Oskar bekommen hat. Immer Leute, die ein sehr praktisches Verhältnis zum Erzählen haben. Wenn ein Kritiker schreibt: „Der Film war hm – aber tolle Bilder“, gehe ich da nicht rein. Ich hasse tolle Bilder. Bei Leuten wie Wilder oder Lubitsch würde man nie über Bilder sprechen. Da spricht man über Dramaturgie und die Ökonomie von Effekt und Wirkung, wie man emotional am ökonomischsten eine Geschichte erzählt.

MB: Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Vater?
LH: Er war ja auch eine zeitlang Schauspieler bei mir, da sind Konflikte nicht auszuschließen. Im Ernst: Wir haben uns immer sehr intensiv miteinander auseinandergesetzt. Ich vor allem mit der kritischen Betrachtung seiner Haltung zur Kunst und seiner Art, mit Kunst umzugehen, auch mit seiner Darstellung auf der Bühne und im Film natürlich. Was ich an ihm – und generell an Schauspielern – dabei sehr schätze ist, wenn sie eine konventionelle Herangehensweise an ihr Spiel haben, die Rollen 1:1 spielen, nicht jene, die kaum erwarten können, sich die Klamotten vom Leibe zu reißen und sich mit Dingen zu bewerfen und einzuschmieren. Ich mag eher den anderen Schauspieler, der in seiner Konventionalität in eine verrückte Welt eingebunden ist, der seinen Widerspruch im Spiel findet. So ein Grand Signor, der durch eine zusammenbrechende Welt geht und dabei die Etikette bewahrt. Mein Vater ist für mich so einer. Und wenn man sich seine Rollen anguckt, wurde er meist mit den zwielichtigen Rollen besetzt. In jungen Jahren spielte er in dem Film „Das Lied vom kleinen Trompeter“ natürlich den, der ihn erschossen hat. Was dazu führte, dass Pioniergruppen ihn auf der Straße teilweise anspuckten. Mein Vater war sich trotz 10 Jahren Berufsverbot in der DDR immer treu – und das ist, was für mich immer Vorbild war. Treue zur eigenen Ansicht – er war immer Antikommunist und Antifaschist, ist es bis heute. Alles was radikal ist, lehnt er ab – ich, als überzeugter Demokrat, im Übrigen auch.

MB: Themenwechsel. Sind Sie ein guter Einparker?
LH: Ich habe gar keinen Führerschein. Bin aber trotzdem ein guter Einparker – denn ich habe immerhin 40 Fahrstunden hinter mir. Ich schaffe es einfach nie, zur Prüfung zu gehen. Mir ist die Zeit auch zu wichtig.

MB: Prüfungsangst?
LH: Wie sollte ich die haben? Dann könnte ich kein Regisseur sein, nie zu einer Premiere gehen. Ich nehme mir wohl nur einfach nicht die Zeit dazu. Aber sie brauchen als Regisseur und Produzent schon ein Gespür für den richtigen Moment, wenn man sich präsentiert. Es ist schließlich nicht so, dass die Leute schreien: Oh, Haußmann macht einen Film – und mich mit Geld beschmeißen. Ich muss das Geld ja irgendwo locker machen. Und da kommt es manchmal in einem Moment sehr wohl darauf an, das Richtige zu tun. Auch muss ich lange mit Risiko arbeiten, weil Projekte, die ich in der Regel selber entwickle, auch von mir finanziert werden müssen. Und du wirst kaum einen Regisseur treffen, der nicht blank ist. Am Ende jeder Produktion bin ich erst einmal pleite. Muss sehen, dass sich die eben gemachte Sache gut verkauft und dann ein neues Polster da ist.

MB: Warum Friedrichshagen?
LH: Ich habe in Friedrichshagen meine Kindheit verbracht, meine Großeltern waren hier schon, besaßen in der Scharweberstraße ein Haus. Hier habe ich meine Bohème-Tage verbracht. Ich hatte hier meine erste Wohnung – auch in der Scharnweber, unterm Dach, mit Loch drin – natürlich – und
Toilette auf dem Hof, dort, wo heute das RABU ist. Für mich haben sich mit Friedrichshagen einfach immer schöne Erinnerungen verbunden. Auch, als ich in der Stadt (sagt der Friedrichshagener nach wie vor für alles, was sich in Berlin innerhalb des S-Bahn-Rings befindet – Anm. d. A.) gelebt habe oder woanders war. Im Winter immer in der Stadt – im Sommer in Friedrichshagen. Und jetzt bin ich eben wieder zurückgekehrt – zu meiner Schwester, meinen Eltern. Die leben alle hier. Aber es ist auch der See und die Jahreszeiten, die man hier so ganz besonders erleben kann. Und es ist eine Legende, dass man hier so lange brauchen würde bis in die Stadt – zumindest nicht länger als von anderswo, natürlich nur, wenn Sie mit der Bahn fahren. Früher habe ich viel mehr Geld für Taxi in der Stadt ausgegeben, als wenn ich heute hierher fahre.?

MB: Ein Lieblingsort in Friedrichshagen?
LH: Schwer. Vielleicht, wenn man die Bruno-Wille-Straße zum See runter kommt, die kleine Bucht (Kaisersteg – Anm. d. A.). Der Blick dort, wenn die Sonne untergeht, ist einmalig. Da sitzen auch heute immer noch die Liebespaare. Auch ich war da früher mit meiner Freundin oft. Aber nicht zu verachten: Gummiwiese, Hirschgarten, Erpetal, an der Ravensteiner Mühle ganz besonders.?

MB: Ihr schönstes Weihnachtsgeschenk?
LH: Habe ich noch hier. Ein Buch von Loriot, den ich mittlerweile im Übrigen kennenlernen durfte. Ein absoluter Grand Signor und einer der lustigsten Menschen, die ich kenne, von dem ich gern Ratschläge für meine Arbeit entgegennehme.?

MB: Weihnachten verbringen Sie wie?
LH: Hier, wir sitzen hier bei mir. Die ganze Familie – meine Eltern, mein Sohn, meine Tochter, die Neffen, meine Schwester und wer alles dazugehört. Der Tisch wird erweitert und dann gibt es Gans. Die wird schon diverse Wochen vorher trainiert. Dazu lade ich mir Freunde ein – die erste Trainingsgans war schon Klasse. Und Weihnachten bringt jeder – also meine Eltern und meine Schwester – eine Gans mit. Dazu gibt es Grünkohl in der ostpreußischen Art, also ganz süß, auch Rotkohl, Klöße – dazu teuren und guten Rotwein, klar. Und dann wird abgestimmt, wer die beste hatte (an dieser Stelle verrät uns LH Details aus seinem Rezeptarium, die wir hier leider nicht weitergeben dürfen – und möchten ; Anm. d. A.)

MB: Letzte – die obligatorische Frage: Welche guten Vorsätze hat Leander Haußmann für das neue Jahr?
LH: Ich arbeite an einem neuen Film, gehe zum Schreiben ein paar Wochen nach Hollywood, weil man da gut schreiben kann. Von dem einen oder anderen vielleicht ein bisschen weniger – Rauchen vielleicht; das eine oder andere würde ich mir etwas mehr wünschen: Tantiemen vielleicht.

Herzlichen Dank, Herr Haußmann!

Das Interview führte Marcel Piethe und Matthias Vorbau


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“