Warum es uns ins Grüne zieht

„Wenn die Nonnen schwitzen in den Klostern, dann ist Ostern“, hat mein Opa immer gesagt. Wenn man vier Jahre alt ist, glaubt man sowas noch und ganz andere Sachen auch; z.B. dass, wer an Karfreitag kein Fleisch ist, den ganzen Sommer nicht von Mücken gebissen wird.
Ich liebte solche Weisheiten und weil diese Liebe zum Erzählen, zum gesprochenen Wort bis heute angehalten hat, beschenke ich mich jeden Tag aufs Neue. Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen. In jeder solchen ist ein Samenkörnchen Wahrheit und Geschichte kommt von „Schicht um Schicht“, welche dieses Korn einhüllt, wie eine alte Zwiebel – pelle sie und mir kommen die Tränen. Zwiebelschalen gehen auch zum Eierfärben.
Was nun aber hat Eierfarbe mit dem zu tun, was ich Euch erzählen möchte? Na ja – nach dem Färben ist das Ei immer noch ein Ei, aber es lässt sich besser verstecken. Und um das Verstecken und Wiederfinden geht es auch in meiner Geschichte.
Im Garten meiner Großeltern gibt es eine massive Abdeckung, die den letzten Rest der Kellertreppe und den Eingang in selbigem schützt. Alle unserer Familie nennen das Konstrukt Podest; an Ostern kommen da immer die gefundenen Geschenke drauf. Es ist diese unscheinbare Platte, die die Zeiten überdauert hat und obwohl sie die Tiefen verbirgt, ist sie eine wunderbare Brücke, auf der ich ins Reich meiner Kindheit gelange.
Bei allem technischen Fortschritt kommen wir nicht umhin zuzugeben, dass die Natur Wandlungsprozessen unterliegt: von Frühjahr zu Sommer zum Herbst in den Winter und wieder ins Frühjahr. Und obwohl scheinbar alles beim Alten blieb, ruft uns jede Krokusblüte zu: „Ich bin neu hier!“ Das Knallen der Knospen verspricht: „Ich bin neu hier!“ Die Bäume singen mit jedem einzelnen sich entfaltenden Blatt: „Ich bin neu hier!“
Auch ich werde es an Ostern in die Welt rufen: „Ich bin neu hier!“
Die Euphorie über das sprießende Grün will sich mit fortschreitendem Jahr wieder verkrümeln. Aber manchmal hilft jemand nach (und ich gebe es ungern zu – dann sag ich immer: Zufall) und schickt mich auf einen wirklichen Abenteuerspielplatz. Meiner heißt Geomantie. Der Weg dahin ist ein Lehrpfad. Was kann man auf diesem lernen?
Es ist wie beim Memoryspiel: Karte aufdecken, noch eine, kieken, nicht das gleiche Bild, umdrehen, neuer Versuch. So ähnlich verhält es sich auch mit der Geomantie: Ein Bild eines Paares ist in uns, das Andere in der Landschaft. Und einer von beiden – wir oder die Landschaft, muss aufdecken, sich dem Anderen zu erkennen geben.
Der englische Begriff für Landschaft ist landscape. Geomantie hilft uns dabei, den Umhang/Mantel zu lüften, das Verborgene hinter dem Offensichtlichen (wieder) zu entdecken.
Dies ist der Schatz, den wir suchen, wenn wir uns bewusst oder unbewusst „ins Jrüne“ begeben. Er wirkt heilend und ist in diesem Sinn heilig. Die heilende Kraft der Landschaft ist jedem zugänglich und erkennbar, der sich darauf einlassen will.
Im Grunde meines Herzens baue ich Brücken in das Land der eigenen Kindheit, um mich zu heilen – wie innen, so außen – und bin erstaunt, wie sehr mich die Landschaft unterstützt und diesem großen Abenteuer Leben Raum gibt, es immer neu inspiriert.