Elvis was here…
Eine ganz wahre Geschichte aus der Ausgabe Nummer 3. Zum ersten mal veröffentlicht am 18. September 2007 …

„Was soll das heißen: ich weiß nich, wo er is!??! Darin besteht dein verdammter Job! Du solltest nur… ach, Scheisse!!!“
„Ich weiß doch auch nich”, wie das passieren konnte… er is gleich nach dem Konzert in die Limo – wie immer – und is abgerauscht. Im Hilton hab ich gewartet – aber da is er nich angekommen…“
„Du bist so dämlich… der King ist verschwunden. Tolle Schlagzeile. Ich könnte dich killen, wenn ichs könnte…“
Georg lenkte den Wagen souverän, auch wenn sein Herz fast explodierte. Hinten im Volga saß Elvis. Der King. Im Rückspiegel konnte er sehen, daß „der King“ nichts königliches mehr an sich hatte.
„Fahr mich irgendwo hin.“ hatte er gesagt. Georg hatte nicht gleich verstanden.
„Ins Hilton, Sir!“
„Pass auf! Nenn mich nicht Sir. Nenn mich Elvis – oder Aaron. Und fahr mich weit weg. Fahr mich da hin, wo mich keiner kennt…“
„Das wird schwer werden, Si… ähm… Jeder kennt … Dich.“
Elvis lies sich in den Rücksitz fallen und flüsterte kaum hörbar: „Genau das ist das Problem…“
Da kam Georg eine Idee.

Als das Auto Friedrichshagen erreichte, war die Sonne bereits seit einigen Stunden untergegangen. Georg war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Seit Stunden hatten Elvis und er kein Wort mehr gewechselt. Möglich, das der King nicht mehr ganz nüchtern gewesen war, als er seinen Wunsch nach einer kurzen Auszeit äußerte.
„Wir sind da.“ sagte Georg. Im Rückspiegel konnte er sehen, dass Elvis nicht schlief, sondern vielmehr verwundert aus dem Fenster sah.
„Wo sind wir?“
„Im weitesten Sinne in Berlin. Am Rande von Berlin. In Friedrichshagen – gehört zu Köpenick.“
Elvis sah immer noch aus dem Fenster, als er fragte:
„Das ist Berlin? Die Grossstadt? Ich war schon mal in Berlin. Das hier sieht ganz anders aus. Bist Du Dir sicher?“
„Ich bin hier aufgewachsen – kenne alles wie meine Westentasche! Wenn ich mal abschalten muss, komm ich hier her und setz mich ans Wasser. Oder laufe durch den Wald…“
„Ok, buddy. Lets go into the woods…“

Das Auto unauffällig zu parken erwies sich als recht schwierig – auf der Bölschestrasse hätte es keine zehn Minuten unbeobachtet stehen können. Die ewig betrunkenen Studenten waren natürlich auch diese Nacht im Bräustübl eingekehrt und hätten den Anblick einer derartigen Limousine lautstark zu honorieren gewusst. Einige Meter weiter – am Müggelpark – kam das Auto unbeobachtet in einer ruhigen Seitenstrasse zum Stehen.
Der leicht abschüssige Weg zum Spreetunnel führte durch einen kleinen Park, der nahezu im Dunkeln lag. Nach der langen Fahrt tat die Bewegung gut. Georg streckte sich und musste gähnen.
Fast hätte er vergessen, das er hier mit Elvis stand – mit ELVIS! – dem King… Aber schließlich waren sie nahezu im selben Alter; Georg war 25 Jahre alt – Elvis gerade erst 23 – genau genommen trennte sie nicht so viel, wie es im ersten Moment schien.
„Laß uns durch den Tunnel da unten gehen.“ sagte Georg „Meine kleine Schwester Ingrid und ich haben da früher immer ganz laut geschrieen, um die Leute zu erschrecken. Wirst sehen. Die Akustik hat was…“
Elvis lächelte. „Aber ich darf nicht schreien – wegen meiner Stimme. Und gesungen habe ich heute genug… „
„Ach, komm einfach mit. Wirst sehen, es geht gar nicht anders…“
Und Georg sollte Recht behalten. Erst hörte Elvis nur seine Schritte hallen. Dann fing Georg an, eine Melodie zu pfeifen – und schließlich setzte Elvis ein: „Blue Moon, You saw me standing alone, Without a dream in my heart, Without a love of my own… “

Auf der anderen Seite des Tunnels setzten sie sich schließlich ans Ufer und sahen aufs Wasser. Georg war müde. Sehr müde.
„Weißt Du, Georg – ich bin froh, das wir hier sind. Mir geht in letzter Zeit einfach alles zu schnell. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo ich bin und wieso alles so aus dem Ruder läuft. Und ich kann absolut nichts dagegen machen… Aber der Tunnel da – der wird da immer stehen… Verstehst Du? Georg?“
Aber Georg war eingeschlafen.

Die Sonne war bereits aufgegangen, als Georg davon aufwachte, dass der Morgentau seine Kleidung durchnässt hatte. Ihm war kalt. Und er war allein. Nur langsam begriff er, was passiert war. Er hatte Elvis hierher geführt – und nun war er weg.
„Oh nein, oh nein, oh nein – shit, scheisse…. die reissen mich in Stücke….“
„Entspann Dich, Buddy!“ Elvis lehnte lässig an einem Baumstamm. „Hab mir Dein Friedrichshagen mal n bisschen genauer angesehen… Ich hab uns Kaffee besorgt. Steh auf! Wir müssen los…“
Um sich nicht zu verbrühen hatte der King ein Damentaschentuch um den Kaffeebecher gewunden.
Merkwürdig,` dachte Georg, während er den Wagen anließ, hatte Ingrid nicht erst letzte Woche ein ebensolches gekauft? …

Was Elvis in Friedrichshagen gemacht hat, während sein Fahrer am Ufer der Spree schlief? Georg hat es nie erfahren. Elvis hat darüber nie mehr gesprochen – und lachte nur, wenn er auf diese Nacht angesprochen wurde.
Am Spreetunnel allerdings hätte man es noch eine ganze Weile lesen können: Elvis was here – 16.08.58 – wenn nicht… Aber das ist eine andere Geschichte…


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