tresckowEine Passage zu Henning Hermann Robert Karl von Tresckow

Der Legende nach kamen sie aus Sachsen, das Burglehn Tresckow bei Belgern war ihr erstes Eigen. Im November 1336: Hinricus Treskowe auf Buckow, die erste urkundliche Erwähnung der Familie im Brandenburgischen. Das Stammhaus der von Tresckow im Ruppiner Land ist heute ein Ortsteil der Stadt Neuruppin. Als Herren saßen sie viele hundert Jahre auf Schlagenthin und Wusterwitz, auf Mangelsdorf und Wassersuppe. Im Zeichen der rechtsgekehrten schwarzen Entenköpfe auf silbernen Grund bewirtschaftete die Familie manche Ländereien im Magdeburgischen und in der Neumark, in Ostpreußen, in Pommern und im Niederbarnim. Die meisten der Söhne wurden Offiziere. Als solche dienten sie dem König von Polen und dem König von Preußen – und wer immer ihrer Dienste gerade bedurfte. Als Oberster über die fränkischen Kreistruppen oder königlich polnischer Hauptmann in Warschau, als Kommandant der Festung Stettin, preußischer General der Infanterie oder Chef des Militärkabinetts in Preußen: Tresckows waren auch immer Soldaten.

Nicht nur wer Fontane las, kannte die Tresckows. Die Gutsherrschaft Friedrichsfelde wurde von ihnen bewirtschaftet und das dortige Schloss von ihnen bewohnt. Im heutigen Tierpark Berlin findet man eine Erbbegräbnisstätte der Familie. Gräber auch am Straßenrand, wo Friedrichshagener Chaussee und Bundesstraße 1 sich queren. Als Gutsherren fand man die Tresckows in Rahnsdorf und in Wilhelmshagen auch. Das Gutshaus daselbst, seitlich der Fürstenwalder Allee, Ecke Kuckuckssteig, ging im April 1945 beim Einmarsch der Roten Armee in Flammen unter.

Als begeisterter Pferdesportler und Mitglied des Berliner Vereins für Pferderennen verpachtete 1866 ein von Tresckow das Gelände in Hoppegarten seinem Verein. Der errichtet in Hoppegarten eine Galopprennbahn nach internationalem Zuschnitt, zu dessen ersten Mitgliedern renommierte Herren vom Schlage eines Otto v. Bismarck oder (Bela Rethy wird’s nicht grausen, denn er kennt ihn nicht) der Sportjournalist, Verleger und Husaren-Reserve-Offizier Fedor André gehörten. – –

Mit seinem Mut zur Tat und mit seinem Freitod hat einer den Namen seiner Familie bis weit hinein in die vergessende Gegenwart geworfen: Henning von Tresckow, geboren am 10. Januar 1901 in Magdeburg. Der Vater Hermann ist im Range eines Oberst Brigadekommandeur in Magdeburg, war als junger Leutnant einer der Anwesenden bei der Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles. Später brachte Hermann von Tresckow es in der preußischen Armee zum General der Kavallerie. Die Mutter Henning von Treskows ist die Tochter des Grafen Robert von Zedlitz-Trützschler, preußischer Kulturminister, sie selbst gebildet, musisch, zur Schwermut neigend. Die Familie und das Leben im Hause: streng protestantisch. Pflichtbewusstsein und Glauben sind die Pfeiler dieses alt-märkischen, dieses preußischen Hauses. Als Patrioten bekennen sie sich jedoch zu Bismarcks Reich, und ihre Loyalität gehört dem Kaiser. Tageslektüre im Hause von Tresckow ist die Kreuzzeitung. Drei Söhne, zwei Töchter werden in diesen Zwischenzeiten geboren. Revolten und Revolutionen künden vom Chaos und das neue Jahrhundert an.

„Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte … es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“

Auf Gut Wartenberg in der Neumark, zwischen Hafer- und Kartoffeläckern träumt ein stilles Leben. Kindertage. Henning ist ein fröhliches Kind. Sonnenvogel – so rufen ihn Eltern, kosten ihn die Geschwister. Als Elementarschüler besucht Henning von Treskow in Stettin dann eine Schule. Später gibt ein Hauslehrer den Unterricht. Brennender Ehrgeiz, zuallererst im Lernen, fähig zu leidenschaftlichem Schmerz, wenn er einen Fehler begeht – so ist der Junge auch.

1914 kommt der Krieg. Der Krieg, den alle wollten. Dem sie zujubeln, die Schmiede und die Schnitter, die Dichter und die Denker – alle: die Franzosen, die Russen und die Deutschen. Henning macht noch das Notabitur am Realgymnasium des Alumnats des evangelischen Klosters Loccum. Sechzehnjährig meldet sich Tresckow als Freiwilliger zum traditionsreichen Potsdamer 1. Garde-Regiment zu Fuß. Ausgebildet in der Döberitzer Heide kommt v. Tresckow als Fahnenjunker im Frühjahr 1918 an die Westfront, dort ist er Zugführer einer Maschinengewehr-Kompanie, wird im gleichen Jahr zum jüngsten Leutnant des Heeres befördert, steht nach Ende des Gemetzels wieder in der Heimat auf der Seite der Regierungstruppen gegen die roten Revolutionäre, scheidet 1919 aus dem Militärdienst aus, beginnt ein Studium. Rechtswissenschaft an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Vorlesungen zu moderner Staatstheorie sowie Geld- und Börsenwesen. Die goldenen 20-er Jahre: Für das Potsdamer Bankhaus Wilhelm Kann spekuliert von Tresckow erfolgreich als Börsenmakler. Und im Januar 1926 heiratet er Erika von Falkenhayn, Tochter des früheren preußischen Kriegsministers Erich von Falkenhayn.

Im selben Jahr tritt Henning von Tresckow in die Reichswehr ein, versieht seinen Dienst im Potsdamer Infanterie-Regiment 9. Doch eigentlich kennt die Republik allein sein Missfallen. Ihr lastet er die Schmach der Niederlage im vorigen Krieg und den Verlust der Ordnung und des Reiches an. Die Verachtung für die Republik ist so tief, dass er selbst mit dem Nationalsozialismus und all dem braunen Pöbel im Gepäck sympathisiert. Er begrüßt die Machergreifung Adolf Hitlers, doch ändert sich diese Haltung 1934 in der „Nacht der langen Messer“, als sich die braunen Brüder gegenseitig an und mit den Messern durch die Kehlen gehen.

Aber noch macht von Tresckow Karriere. Am 1. Mai 1934 zum Hauptmann befördert, absolviert von Tresckow die Kriegsakademie in Berlin-Moabit, gilt als Jahrgangsprimus. Als Major zieht er im September 1939 wieder in den Krieg. Zeit der Revanche. Als erstes geht es auf Polen. Mit  Betreiben des Generalleutnants Erich von Manstein wird v. Tresckow umgehend in die Führungsabteilung der Heeresgruppe A versetzt.

Dann: Krieg gegen die Sowjetunion. 1941. Als Erster Generalstabsoffizier der Heeresgruppe Mitte erfüllt von Tresckow seine militärische Pflicht als Offizier. Als Patriot, als Preuße von Verstand und Haltung, aber da sind ihm seit langen schwere Zweifel an der Richtigkeit des ganzen Tuns gekommen. Von Tresckow lehnt all das, was fürderhin Vernichtungskrieg genannt werden wird, und jede überzogene strategische Kriegsführung rigoros ab.

Vergeblich bemüht er sich bei seinem Onkel, dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, Generalfeldmarschall Fedor von Bock, den völkerrechtswidrigen Kriegsgerichtsbarkeitserlass zurückzunehmen. Und von Tresckow avanciert zu einem der maßgeblichen Akteure im militärischen Widerstand gegen Hitler. Er befasst sich mit der Attentatsoption. Mit Goerdeler und Olbricht in Berlin will er den Umsturz koordinieren.

Von Gersdorff beauftragt er, einen geeigneten Sprengstoff für ein Attentat auf Hitler zu besorgen. Am Dnjepr machen sie die Tauglichkeitserprobungen und entscheiden sich für eine britische Haftmine, eine „Clam“. Doch Hitler lässt sich am geplanten Tatort nicht sehen. Der Plan scheitert.

Zusammen mit von Schlabrendorff schmuggelte Tresckow am 13. März 1943 eine als zwei Flaschen Cointreau getarnte Kiste, gefüllt mit Sprengstoff, in Hitlers Flugzeug. Der Plan scheitert.

Tresckow bewegt von Gersdorff, sich bei der Eröffnung einer Ausstellung russischer Beutewaffen am 21. März 1943 im Berliner Zeughaus an Hitlers Seite in die Luft zu sprengen. Der Plan scheitert.

Anfang 1944 requiriert v. Treskow den Rittmeister Eberhard von Breitenbuch als Hitler-Attentäter. Der Plan scheitert.

Auf Schloss Neu-Hardenberg arbeiten sie einen weiteren Attentatsplan vor. „Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte … es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ – –

Am 20. Juli 1944, 12 Uhr 42, Rastenburg, Ostpreußen, in der „Wolfsschanze“, streng abgeriegeltes Führerhauptquartier, beugt sich Adolf Hitler während einer Lagebesprechung über den schweren Eichentisch. Um ihn herum stehen mehrere Generäle. Eine ohrenbetäubende Explosion zerfetzt die Lagebaracke. Adolf Hitler überlebt. – –

Um nicht unter Folter die Namen weiterer Beteiligter preiszugeben, fährt von Tresckow am Morgen des 21. Juli an die Front nahe Ostrow. Ein Überlauf zur Roten Armee steht für ihn nicht zur Debatte –  und so nimmt er eine Gewehrgranate und sich damit das Leben.

Einen Partisanenüberfall annehmend meldet der Wehrmachtbericht, dass der Generalmajor „in vorderster Linie den Heldentod“ gestorben sei. Doch die Gestapo durchschaut das Manöver, lässt im August 1944 den auf Gut Wartenberg zur Ruhe Gebetten ausgraben und im Krematorium des KZ Sachsenhausen vor den Augen des zuvor schwer misshandelten von Schlabrendorff verbrennen.

An den hatte Henning von Treskow am Tage seines Todes geschrieben: „Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben zu geben.“

Foto: Maulbeerarchiv

 


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“