Rasputin
Bizarre Phantasien eines Bärtigen

Rasputin segnet dich!Der Schädel eingedrückt, das Gesicht grässlich entstellt, ein Auge ausgeschlagen, mit Wundmalen übersäht: So trieb der Tote im Packeis der Kleinen Newa an den Ufern des alten St. Petersburg. Als die Leiche geborgen wurde und der Fund bekannt ward unter den Leuten, kamen viele, viele Menschen an den Fluss, mit Eimern und mit Krügen, und sie schöpften das Wasser, aus dem man den Toten gezogen hatte. Die Polizei hat es in ihrem Bericht extra vermerkt!

Wunderdinge wurden erwartet. Wunder sollte selbst das Wasser tun, in dem sein lebloser Körper gelegen. Der Zar selbst hatte sich seiner Wunder versichert und seine Jünger waren in diesen Tagen beinahe Legion: Rasputin, der Heiler und Seher.

Doch  welch eine bizarre Figur: „Er spricht stoßweise, verstümmelt Worte, verknüpft die Sätze nicht, aber sein rednerischer Schwung schlägt selbst Skeptiker in Bann. Manchmal unterbricht er seine Rede, macht ein paar Schritte, stellt sich an ein Fenster und betet“, berichtet der Dichter Lew Tarassow. Ausgesehen hat der Mann ganz schrecklich: Fettig die Haare bis zu den Schultern, verfilzt der bis über die Brust herabhängende lange schwarze Bart. Hager, hoch aufgeschossen, staksig daherkommend in seinen Schmuddelklamotten. Doch Erinnerung schwankt. Den Einen galt er nachmals als verwahrlost, andere sahen ihn gar adrett. Manche berichteten von schwarzen Stummeln in seinem Mund und schlechtem Atem, andere rühmten seine weißen, starken Zähne.

In einem Dorf, 400 Kilometer östlich des Urals – Pokrowskoje heißt der Ort – wurde 1869 Grigori Rasputin als Sohn eines freien Bauern geboren. Ein wenig Lesen hat er dort gelernt und etwas Schreiben. In seinem sibirischen Kaff galt Rasputin als Tunichtgut: Er stahl, trank und wurde mehrfach angezeigt. Mädchenschändung hielten sie ihm auch vor. 1895 heiratete er, drei Kinder kamen zur Welt. Irgendwann aber wendete er sich Höherem zu, fand seinen wahren Glauben und die Mission, wanderte von Kloster zu Kloster. Er predigte das Evangelium. Er tat Wunder. Rasputin heilte.

“Eine dunkle Wolke aus Unglück und Leid wird sich auf Russland herabsenken“

Die erst Marienerscheinung, wird berichtet, soll er bereits im Alter von etwa acht Jahren gehabt haben. Da stürzten der kleine Grigori und sein Bruder Michail beim Spielen in den Fluss. Michail fand dabei den Tod, Grigori aber wurde aus dem Wasser gerettet und erkrankte an einer Lungenentzündung. Damals erschien dem jungen Rasputin zum ersten Mal die Heilige Jungfrau. Hernach las er die Heilige Schrift, wurde ein geistlicher Autodidakt. Reisen führen ihn dann irgendwann auf dem Berg Athos in Griechenland und auf die Solowetzki-Inseln im Weißen Meer. Geistliche, die er traf, erkannten in ihn den „Seher“. Auch der Beichtvater des Zaren war darunter. Es verbreitete sich sein Ruf als der eines Mannes, der wundertätig wird, wo Not groß ist. Und im Frühjahr 1903 traf dieser Wundermönch, Grigorij Rasputin, in der Hauptstadt des Zarenreichs ein.

In St. Petersburg wimmelte es von Mystikern, Wunderheilern und frommen Spinnern. Die wachsende Abneigung der Menschen gegen die orthodoxe Hierarchie bescherte gute Geschäfte. Revolution lag in der Luft. In Peterburg bescheinigte ihm der dort hochangesehene Pope Johann von Kronstadt einen „wahren Glauben“. Andernorts heißt es von dem Mann Gottes, er führe ein lasterhaftes Leben. Weiber, Sex und Alkohol – und alles zusammen und in rauen Mengen. Eine der Gespielinnen soll es dann gewesen sein, die Rasputin bei Hofe einführte.

Auch am Zarenhof grassierte seinerzeit ein endzeitlich ausgeprägter Hang zu Heilsverkündern. Im Jahre 1905 also lernte Rasputin den Zaren und die Zarin kennen. Ungeniert nannte er den Zaren „Batjuschka“ (Väterchen), die Zarin „Matjuschka“ (Mütterchen). Vertrautheit stellte sich ein. Und Rasputin erfuhr von der Bluterkrankheit des Zarewitsch, des Infanten der Romanows. Die Krankheit war ein Staatsgeheimnis, den solcherlei Malus war für einen Thronfolger unstatthaft.

Als der Junge im Oktober 1907 stürzte und an seinem Bein eine offene Wunde klaffte, waren die Ärzte machtlos. Die Zarin rief Rasputin. Der setzte sich ans Bett des Kleinen, betete und blickte das Kind lange mit seinem hypnotisierenden Blick an. Am nächsten Tag ging es Alexej besser. Rasputins sagenhafter Aufstieg am Zarenhofe war vollendet. Auf den Zaren, Nikolai II., machte Rasputin einen „bemerkenswert starken Eindruck“. Und die Zarin sah in ihm den Gottgesandten. Der Zarenfamilie diente er fortan als Beichtvater, Gesundbeter – und Berater auch.

Doch bald kursierten Gerüchte. Blind vor religiösem Eifer und Verehrung für den Begnadeten, ignorierte die Zarenfamilie jene Berichte über Rasputins liederliches Leben, über sexuelle und alkoholische Ausschweifungen in den Badehäusern der Stadt. „Ich weiß“, sagt der Zar, „aber auch dort predigt er die Heilige Schrift“. Ein Verhältnis mit der Zarin selbst sagte man ihm nach. „An den Eiern kitzelte“ die Alexandra Fjodorowna den Rasputin und bat lispelnd um seinen „langen Bauernschwanz“. (Und noch ein halbes Jahrhundert später sangen sie: „RARARASPUTIN … LOVER OF THE RUSSIAN QUEEN“ und haben seine Genitalien, 28,5 cm vermessen der Penis, in einer musealen Phallus-Kollektion ausgestellt.) Rasputin soll es in diesen besagten Tagen gewesen sein, der Ämter und Würden und sogar Ministerposten vergab in Zarskoje Selo. – –

Im Jahr 1914 warnte Rasputin den Zaren eindringlich vor dem drohenden Krieg: “Eine dunkle Wolke aus Unglück und Leid wird sich auf Russland herabsenken“, schrieb er ihm in einem Brief. „Lass nicht zu, dass Du Dein Volk verlierst. Man mag Deutschland besiegen, aber was wird aus Russland? Es wird in Blut ertrinken.“

Die Minister opponierten, die Hofkamarilla war zutiefst beunruhigt. Auf Weisung des Zaren musste sich Rasputin mehrfach vom Hofe entfernen. Bei erneuten Verletzungen des Zarensohnes wurde der Wundermönch wieder gerufen. Im Juni 1914 stach ihm eine Frau ein Bajonett in den Bauch. Rasputin überlebte. Aus dem Krankenhaus warnte er den Zaren wieder vor drohenden Krieg:

„Lieber Freund … Ich weiß, dass alle den Krieg von dir wollen, selbst die Treuen, sie wissen nicht, dass es den Untergang bedeutet … Kummer ohne Ende. Grigorij.“

Der Zar ließ trotzdem mobil machen. Und Russland stand im Krieg.

Im November 1916 eskalierte der Konflikt um den umstrittenen Propheten. Dem Parlament, der Duma wurde er zum Thema – und zum Schuldigen für die katastrophalen Niederlagen der Armee. Rasputin sollte schuld sein an zwei Millionen Toten. Sein fataler Einfluss auf den Zaren habe all dies angerichtet, sagten sie. – – Da beschlossen der Fürst Felix Jussupow  und der Großfürst Dmitri Pawlowitsch, dem Spuk ein Ende zu machen. Jussupow hasste Rasputin auch, weil der ihn hatte verführen wollen, sagt die Legende. Die aristokratische Elite, allen voran Wladimir Purischkewitsch wusste Bescheid: „Finstere Kräfte sind es, die das Land regieren und den Willen des Herrschers in Fesseln legen … Dies alles geht von Rasputin aus. Die Existenz des Reiches ist bedroht.“

Unter einem Vorwand lud Jussupows Rasputin zu einem nächtlichen Diner. Dort warteten eine mit Zyankali garnierte Torte und ein geschmackvoll kontaminierter Wein auf den finsteren Heiligen. „Mir brummt der Schädel, und im Bauch habe ich ein brennendes Gefühl“, soll der nach dem Verzehr gesagt haben. Und: „Geben Sie mir noch ein Glas Wein.“ Dann fiel sein Blick auf ein kristallenes Kruzifix in einem Ebenholzschrein. Die Antwort ging in die Geschichtsbücher ein: „Grigori Jefimowitsch, am besten sehen Sie sich das Kruzifix genau an und sprechen ein Gebet.“ Dann zog der Gastgeber eine Browning und schoss dem Mönch in die Brust.

Des Mordes schwere Tat vollbracht, wuchteten die Gesellen den leblosen Körper in die Nacht hinaus und fort vom Hof. Da schlug Rasputin sein „grünliches, schlangengleiches Auge“ auf. Er, der vermeintlich Tote, er schlug und kratzte und biss mit unmenschlicher Kraft und entfloh nach heftigem Gemenge. Der Großfürst aber holte ihn ein und feuerte mit der Pistole mehrmals auf ihn. Ein Schuss, direkt in die Stirn, streckte Rasputin nieder. In einem Eisloch in der Kleinen Newa versenkten sie ihn.

Foto: Archiv

 

 


Marcel Piethe
Ein Beitrag von

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“


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