wolf biermann

Es sei beinahe infam, ihn nicht zu kennen, mögen einige sagen. Es ist der Ausweis von gutem Geschmack, ihn nicht zu mögen, werden andere meinen. Er sei ein personifizierter Augenblick der Geschichte unseres vorigen Jahrhunderts, verkünden Elogen. Er selbst betrachtet sich und sagt: „Ich bin ein Wolf – und bin bis jetzt nie Hund geworden.“ Biermann, 80 Jahre alt, war nicht lautlos, war sogar zu vernehmen in all dem Toben und Stürmen und Wirbeln und Brechen großer Geschichte. Die fängt für ihn an irgendwo um den Hamburger Hafen, der Kommunist Dagobert Biermann, sein Vater, der den Waffengang für Führer, Volk und Vaterland sabotiert. Der Saboteur Biermann wird dafür im Gefängnis Fuhlsbüttel an die Kette gelegt und als er die Genossen nicht verrät, wird er als Jude in Auschwitz abgeliefert.

In früher Kindheit kein Garten – allein ein „Grundkummer um die Kommunisten, den Arbeiter, den Juden Biermann“den er bei kurzen Besuchen im Zuchthaus kennengelernt. Wolf ist sechs Jahre alt, als die Prätorianer der Herrenrasse am 22, Februar 1943 den Vater Biermann meucheln in „Auschwitz, Karsernengasse“, am gleichen Tag wie in München die Geschwister Scholl.
Wolf überlebt. Zuerst die Verwüstung Hamburgs, den Feuersturm der Operation Gomorrha, und dann überhaupt den Krieg. Aus diesem Kummer, um den Vater und all das, wurde „all mein Singen, mein Mut und Übermut“, wie er heute sagt. Fortan ist Wolf unterwegs im Leben mit dem Auftrag, das unvollendete Lebenswerk des Vaters fortzusetzen, skandiert im „Großen Gebet der alten Kommunistin Oma Meume in Hamburg: O Gott, lass Du den Kommunismus siegen!“ Bringt er schlechte Noten aus der Schule, schwingt seine Mutter die „Auschwitzkeule“: „Dafür ist dein Vater in Auschwitz gestorben, dass du jetzt eine Fünf in Mathe hast!“ Und weil er meinte, nichts weniger erhalten zu haben, als den „Auftrag, die Menschheit zu retten, meinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen … und weil ich meiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging ich eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger“. Stalin ist tot – und in der DDR revoltiert das Volk gegen die kommunistischen Herrscher. Doch Wolf geht unbeeindruckt davon seinen Weg und findet sein rosarotes Vaterland. Er, als OdF, als „Opfer des Faschismus“, wird zum kleinen Prinzen – und ein junger Staatsbürger der jungen DDR. Als solcher legt er sein Abitur ab, in Gadebusch, Nordwestmecklenburg.

Regieassistenz an Brechts Theater in Berlin und ein zweites Studium der Philosophie und der Mathematik absolviert er. Wolf schreibt. Gedichte und Lieder auch. In Anlehnung an Brechts Wort vom „Stückeschreiber“ setzt Biermann das Wort „Liedermacher“ in die Welt. Mentor und Vorbild wird Hannes Eisler. Und eine junge Freundin lockt ihn, er könnte mit seinen Gaben noch der größte Dichter werden, aber „wenn du den falschen Weg gehst, werden wir Feinde“. Margot Honecker hat ihm das Wort gehalten.

Dann bauen die Genossen im August 1961 einen Antifaschistischen Schutzwall. Der Wolf gründet und leitet vorerst unbesorgt ein Hinterhoftheater im Prenzlauer Berg. Seine Oberen, die Partei, die Genossen verbieten es ihm, schließen es 1963. „Die Drahtharfe“ nimmt er nun in die Hand und im Westen legt Klaus Wagenbach dem erstaunten Publikum die Texte des Zonenbarden zur Lektüre vor: „wenn ich mal tot bin/werd‘ ich Grenzer und bewache/die Grenz‘ zwischen Himmel und Höll‘“. Rums. Ein neues Deutsches Wintermärchen à la „meinen Cousin/den frechen Heinrich Heine“ meint der Biermann zu dichten und empört sich östlich der Mauer über die selbige, an der „Manch einer warf sein junges Fleisch/in Drahtverhau und Minenfeld/durchlöchert läuft der Eimer aus/wenn die MP von hinten bellt“. Die Genossen werfen ihn aus der Partei. Und die Stasi sagt: „In den letzten Jahren schrieb Biermann fortgesetzt Gedichte und Lieder, die sich gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR, die sozialistische Staatsmacht, die führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse und den proletarischen Internationalismus sowie gegen führende Repräsentanten unseres Staates richten.“
Seine Texte haben „politisch-ideologisch zersetzenden Charakter“. Die Stasi weiß, wovon sie spricht. Denn Biermann spricht, wenn er es tut, mehr oder minder freiwillig, coram publico und zwar auf Schritt und Tritt. Am Ende haben sie auf mehr als hunderttausend Blättern Monologisches und Dialogisches und Ungesagtes aufgezeichnet, mit vielen Wanzen und noch viel mehr als zweihundert Angebern, haben den Biermann mit ihrer Sorge umsorgt, mit einer ständigen Wache im Lada vor Dem Anfgang in der Chausseestraße 131 behütet und ihm die Frauen sogar hinterlegt, ins Bett und in den Sand am Nacktbadestrand auf Usedom: Biermann dem singendem Staatsfeind.

Menschlich fühlt er sich „verbunden mit den armen Stasi-Hunden“. Auch mit den Frauen. Die persönliche Bilanz bis 1989: zwei Ehen, Vaterschaft für neun Kinder. Trotz alledem und alledem geht er wacker durch diktierte Leben in der DDR, verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen und diktiert den Kundschaftern des MfS ins Balladenbuch: „… nehmen wir zum Beispiel/meinen sexuellen Freistil/meine Art, die so fatal war/und für meine Frau ne Qual war/nämlich diese ungeheuer/dumme Lust auf Abenteuer/ – seit ich weiß, daß die Genossen/wachsam sind, ist ausgeschlossen/daß ich schamlos meine Pfläumen/pflücke von diversen Bäumen“ usw.

Streitlust führt ihn an. „Waffen in diesem Streit waren der Bleistift und die Weißgerber-Gitarre“. Und Biermann dichtet und singt, saftig und prall und in protzigen Tonfall hier – und dort auch nachdenklich: „Manchen hör ich bitter sagen ‚Sozialismus – schön und gut/Aber was man uns hier aufsetzt/ Das ist der falsche Hut!‘“ Und er ruft durchs Land und alle miteinander und jeden einzeln auf: „Wartet nicht auf bess‘re Zeiten/wartet nicht mit eurem Mut.“ Und fügt hinzu: „Du, laß dich nicht verhärten/in dieser harten Zeit/die all zu hart sind, brechen.“ Es wird nicht gewartet und es kommt zum Bruch. Sie werfen ihn raus aus Utopia. Schluss damit, Feierabend mit dem Palaver. Gefeiert wird zunächst noch mal in Köln. Dorthin darf er reisen, November 1976. Er, der Biermann, den sie haben in der DDR seit damals elf Jahren nicht mehr auf die Bühnen gelassen, denn seine „feindlichen Aktivitäten“ sahen die Genossen als einen schweren Fall staatsfeindlicher Hetze an. Und so suchten sie nach einer „Konzeption für den Abschluss der operativen Bearbeitung Biermanns“. Und sie fanden ihn: Als er draußen war, da haben die drinnen, in der gemütlichsten aller Deutschen Demokratischen Republiken, die Riegel zugeknallt und zwar die ganz großen und ganz laut. Da stand der Wolf vor der Tür im bitterkalten Westen.

Und einige haben daheim um ihn geweint: Hermlin, die Wolf, der Müller und der Heym, und manche waren zornig und sind ihm gefolgt: der Krug und die Kirche und die Hagen auch. Und hinterhergeschmissen, also raus aus der real Existierenden, haben sie den Fuchs und den Kunert. Und haben begonnen, sich damit selbst abzuschaffen, wussten es nur noch nicht, die Genossen. Den Wolf im Westen, den haben die dort auch erst nicht gemocht und ihn einen singenden Rudi Dutschke und ein „knallrotes Kuckucksei“ genannt.
Auch das alles hat er ausgehalten und selbst immer fleißig ausgeteilt. Wo ein Biermann ist, da gibt es immer auch Keile. Er hatte nur „Angst vor Leuten, die immer nur die Menschheit lieben und niemals einzelne Menschen“. Als die Mauer 1989 gefallen war und die Deutschen ihr Vaterland wieder in Reparatur hatten, fiel Biermann über die Daheimgebliebenen her, denn „ohne Gorbatschow würden manche heldenmütigen DDR-Schriftsteller heute noch den Stiefel küssen, der sie tritt. Und die Ausländer-raus-Faschos in Hoyerswerda würden noch immer brav ihre FDJ-Lieder brüllen.“ Es störte ihn durchaus nicht in seinem Tun, als Bob Dylan den Biermann singen hört und es ihm entfährt: „Who the fuck is that? Some tortured frog?“

Biermann ist nun 80 Jahre alt geworden. Neulich nannte er den globalen Dechiffrierstimulus Edward Snowden einen Feigling. Biermann lebt, es geht ihm gut. Und wo alle reden und wenige so viel zu sagen haben, sich vorstellen können wie ein Biermann, da wollen wir „es nicht verschweigen/in dieser Schweigezeit/das Grün bricht aus den Zweigen/Wir wolln das allen zeigen/ dann wissen sie Bescheid.“ Alles Gute Dir, Wolf.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“