churfuerst

Köpenicker Kriminalhistorie

„Das ist gewisslich wahr. Die Moritat vom Kurfürsten Joachim II, der in Köpenick sein schrecklich Ende fand – und was hernach Fürchterliches noch geschah.“

Die Vorgeschichte Das Sagenbuch des Preußischen Staates gibt zu Protokoll: „Churfürst Joachim jagte einst in der Haide bei Köpenik, da kam ihm ein überaus großer wilder Keuler in den Weg, der Churfürst wollte ihn abfangen und stieß ihm sein Fangeisen in den Rachen. Da fuhr eine große Flamme dem Thiere aus dem Halse, so daß der Heft des Fangeisens abbrannte, der Churfürst aber dadurch ins Bloße gestellt, jedoch von seinen Bedienten gerettet ward. Anderthalb Jahre darauf war der Churfürst todt.“ Schloss Köpenick ist eines der vielen Hohenzollern- Schlösser im Spree- und Havellande. Wo heute das Schloss zwischen vielbefahrenen Wasser- und Autostraßen steht, befand sich in grauer Vorzeit bereits eine alte Wendenburg. Bevor die Deutschen unter Albrecht dem Bären ins Land kamen, hauste hier der Wendenfürst Jaczko, von dessen Bekehrung die Schildhornsage berichtet. Das Waldrevier und die fischreichen Flüsse und Seen der Umgebung lockten seit jeher. Auch den Kurfürsten Joachim II. Der hatte hier so viel Freude im Köpenicker Revier, dass er anstelle des alten Kasten, einer gotischen Burg, im Jahr 1558 von seinem Baumeister Wilhelm Zacharias ein prächtiges Renaissance- Jagdschloss errichten ließ.
Prunkvoll und lebensfroh ging es zu bei Joachim. Und das verschlang eine Menge Geld, ließ er doch sein Berliner Schloss großartig umbauen und machte die heruntergekommene Burg Spandau zur Festung, wofür er gar zweihundert Facharbeiter aus Italien anheuerte; ließ er auch das Jagdschloss Grunewald errichten und führte zu alledem eine üppige Hofhaltung. Das Geld dafür nahm Joachim, wo er es nur bekommen konnte. Es lieh sich Bares von den märkischen Adelsfamilien und die Bürger der Städte mussten immer höhere Steuern aufbringen, ja er ging so weit, Schmuck und Bargeld bei den Berlinern zu beschlagnahmen. Den Unmut zu begrenzen, gab sich der Fürst mit großer Geste volksnah, hielt in Berlin fröhliche Schlittenfahrten „mit Bürgerfrauen und Töchtern“ und ließ es mächtig krachen, wenn er feuerwerkte. So auch um die Jahreswende 1571. Am dritten Tag des neuen Jahres residierte der Kurfürst Joachim II. dann in Köpenick, wo er tagsüber auf die Jagd ging und abends tafelte.

Die Tat
Es war der 3. Januar 1571. Vom Hörensagen berichtet der Zeuge Fontane: „Eine Wolfsjagd sollte abgehalten werden, trotz der bittren Kälte, die herrschte, und der fünfundsechzigjährige Joachim freute sich … des edlen Weidwerks, dran zeitlebens sein Herz gehangen hatte. Gegen Abend kehrte er aus den Müggelsee-Forsten nach Schloß Köpenick zurück und versammelte seine Räte und Diener um sich her. Distelmeyer, der Kanzler, Matthias von Saldern, Albrecht von Thümen, der Generalsuperintendent Musculus, alle waren zugegen. Man setzte sich zu Tisch und speiste in christlicher Fröhlichkeit. Der Diskurs ging bald von geistlichen Dingen, und der Page wurde beauftragt, Dr. Lutheri Predigt über die Weissagung des alten Simeon vorzulesen. Nach der Vorlesung wurde viel von Christi Tod und Auferstehung gesprochen, von seiner großen Liebe und seinen bittren Leiden; dabei zeichnete der Kurfürst ein Kruzifix auf den Tisch, betrachtete es andächtiglich und ging dann zu Bett. Als er einige Stunden geruht, überfiel ihn eine Pressung auf der Brust, mit einer starken Ohnmacht. Der Kanzler und die Räte wurden geweckt, aber das Übel wuchs rasch, und nach einigen Minuten verschied der Kurfürst mit den Worten: ‚Das ist gewißlich wahr.‘“ Der Täter schien schnell ermittelt: Das war der Jude Lippold. Denn was der Zeuge Fontane verschweigt, berichten andere: Bevor sich das Opfer gegen zwei Uhr nachts zur Ruhe begeben hatte, reichte ihm sein Kammerdiener im Schlafgemach den üblichen nächtlichen Trunk, einen Becher spanischen Weins. Dieser Kammerdiener und enger Vertrauter des Kurfürsten war also Leupolt Ben Chluchim, kurz eben Lippold genannt. Im Schlaf überfiel den Kurfürsten ein böser Husten, der schließlich den Erstickungstod herbeigeführt haben soll. Prompt gerät Lippold in Verdacht, seinen Herrn ermordet zu haben. Und Giftmorde haben Tradition. Die Medici und die Borgias sind wahre Lehrbeispiele für junge Toxikologen und Kriminalisten und aus dem alten Venedig sind Preislisten hauptgewerblicher Vergifter überliefert. Wenn es also nicht der Schlag, wenn es das heimtückische Gift – welcher Natur auch immer – war, das den märkischen Kurfürsten in Köpenick dahinraffte, befand er sich mit seinem trüben Schicksal so doch wenigsten in weltläufiger Gesellschaft. Es wurde vergiftet und gemordet, was das Zeug hielt und hergab. In Schlössern und in Katen. Gesche Gottfried soll es in Bremen zwischen 1813 und 1827 mit „Mäusebutter“ auf stattliche 15 Anwendungserfolge gebracht haben. Und als die Königin der Gifte, das Arsen, aus der Mode kam, behalf man sich, wie Christel Lehmann, anno 1950 in Worms, mit Zeitgemäßem und verabreichte unbeliebten Lebenswegkreuzern ein E 605, Pflanzenschutzmittel. Die Liste ist lang – und auch Köpenick weiß davon. Aber dazu ein andermal mehr vielleicht. Zurück zum Kurfürsten.

Das Opfer
Joachim II. gilt als echter Renaissancefürst und als das Gegenteil von Sparsamkeit und Fleiß. Ein Porträt von Lucas Cranach d. J., um das Jahr 1555 entstanden, zeigt einen jovialen, in seiner Üppigkeit die Lebensfülle im wahrsten Wortsinn verkörpernden Mann. „Milde und freundlich“, schrieb König Friedrich II., sei der Vorfahr gewesen, zu dessen politischen Lebensleistungen nichts weniger als die Einführung der Reformation in der Mark Brandenburg gehört. Das war im Jahr 1539. Seiner (zweiten) Gemahlin machte er damit alles andere als Freude. Denn die als polnische Königstocher geborene Hedwig war und blieb mit Überzeugung dem alten, dem katholischen Glauben anhängig. Mindestens ebenso wenig Freude dürfte der Kurfürstin das ausschweifende Leben ihres Gemahls gemacht haben. Zumal an dem Punkt, wo der Kurfürst Joachim II. für handfesten gesellschaftlichen Aufreger sorgte und in die Geschichtsbücher mit einer nicht standesgemäßen Beziehung einging, seiner Liaison zu Anna Sydow. Die war Frau des Zeugmeisters der kurfürstlichen Gießhütte in Berlin – und ihr Verhältnis zum Kurfürsten brachte ihr sowohl weltliche Lust wie poetische Verklärung: „In weichen Kissen am Kamin/ Schmiegt sich die schöne Gießerin/ … Beneidenswerte, treu und warm/Umschlingt Joachims Heldenarm/Dich, Anna Sydow“ wurde über sie gedichtet. Die ‚schöne Gießerin‘ gebar dem Kurfürsten zwei Kinder. Später wollte man Anna als „Weiße Frau“ im Berliner Stadtschloss umgehen sehen, die einer anderen Überlieferung zufolge im Jagdschloss Grunewald lebendig eingemauert worden sein soll.

Der Täter
Als Joachim II. in Köpenick so unsanft aus dem Leben geschieden, wusste sein Sohn, Johann Georg, Gericht zu halten und Rache zu nehmen. Sogleich nach Bekanntwerden des väterlichen Ablebens ließ der künftige Kurfürst die Stadttore von Berlin und Cölln schließen und die Günstlinge des Verstorbenen verhaften, deren Eigentum und Papiere in Beschlag nehmen. Unter den Inhaftierten befand sich Lippold ebenso wie der Berliner Bürgermeister Thomas Matthias – und Anna Sydow. Den Bürgermeister und die Sydow ließ man laufen. Dem Lippold dachte man den Prozess zu machen. Womit ein Mann zu Fall gebracht wurde, der viele Jahre nah an den Schalthebeln der brandenburgischen Macht gesessen hatte. Dieser Lippold soll in Prag geboren und, bereits bevor er nach Brandenburg kam, wegen Münzfälschung „an beiden Seiten des Leibes gebrannt“ worden sein. Wann und wie Lippold in kurfürstliche Dienste trat, ist ungewiss. Am 20. Januar 1556 bekam Lippold von Kurfürst Joachim II. jedenfalls „eine Bestallung zum Obersten aller Juden in der Mark Brandenburg“. Er versorgte mittels allerlei Geschäften den verschwenderischen Herrscher mit Geld und tat ihm manchen Dienst. Am 6. Januar 1571 wurde Lippold verhaftet und die Anklage lautete zunächst auf Diebstahl, Untreue und Unterschlagung. Der Giftmord wurde nur beiläufig behandelt. Entscheidender galt die Verhaftung als Fanal für den Ausbruch eines Progroms unter den Brandenburger Juden. Schon bevor ein Ergebnis der Untersuchung vorlag, kam es in Berlin und Cölln zu schweren Ausschreitungen, wobei in der Klosterstraße die Synagoge zerstört und Juden öffentlich misshandelt, ihre Häuser erstürmt und sie beraubt wurden. Zunächst ließ man die Anschuldigungen gegen Lippold wieder fallen, nahm ihn aber keine zwei Jahr später wieder fest, wo er am 16. Januar 1573 gestand, „seit seiner Prager Zeit im Besitz eines ‚Zauberbuches‘ zu sein, mit dem er den ‚Teufel beschworen‘ und ihm versprochen habe, alles das mit des Teufels Hülfe auszurichten, was dieser zum Schaden der Leute thun wolle.“ Lippolds Frau legte dazu Zeugnis ab: „Wüßte nur der Kurfürst, was Du für ein böser Schelm bist und welche Bubenstücke Du mit Deinem Zauberbuch kannst, so würdest Du schon längst kalt sein!“ Auszug eines netten Ehelebens. Lippold gestand nun alles – auch den Giftmord. In besagter Nacht in Köpenick habe er in den Nachttrunk „Muskatennuß, langen Pfeffer, Oel, Hüttenrauch und Mercurium sublimatum gemischt“, um den Kurfürsten zu morden. Nach seinem Motiv befragt, gab er an, der Kurfürst Joachim II. habe ihm, dem Juden Lippold, „eine 750 Kronen werthe, stattliche Kette, eine kleinere Kette und drei Kleinode gestohlen“. Diese habe er sich zurückgenommen und, um nicht entdeckt zu werden, seinen Herrn vergiftet. Der Scharfrichter, Meister Balzer, hatte auf dem berlinischen Rathaus mit Gründlichkeit die peinliche Befragung vollzogen, so sehr, dass Lippold „das Bluet zum Halse ausgelauffen“ sei und der Gemarterte „frei und öffentlich“ seine Geständnisse ablegte.

Das Urteil
Am 28. Januar erging das Urteil, das da lautete auf Rädern und Vierteilen. Lippold wurde auf dem Karren des Schinders durch die „vornehmsten Straßen“ von Berlin gezogen, „10 mahl mit glüenden Zangen grieffen oder gerissen, gezwacket, darnach auff dem Neuen- Markt mit 4 Stößen gerädert, darnach off ein Tisch gebunden, den bauch aber auff, die Brust aufgehauen mit einem Beil, das Herz ihm aufs maul geschlagen, die Hertina in ein Zuber geworfen, den Kopf ab, der Koerper in viertel zerhawen, die Vißera sambt dem Zauberbuch ofm Newenmarkt verbrandt, und an die wegstraßen an galgen bei den Fuesszen und henden aufgehenket, der Kopf auf St. Georgens Thor aufgestecket“.

Die Nachgeschichte
Der neue Kurfürst, Johann Georg, verfügte die Ausweisung aller in Brandenburg lebenden Juden zum 1. Februar 1573. Dabei wurde ihr Bar- und Sachvermögen eingezogen. Der Witwe Lippolds wurden 750 Taler Barschaft belassen, bevor sie mit ihren neun Kindern ausgewiesen wurde und nach Wien zog. Den Juden wurde jedoch jegliche Niederlassung in Brandenburg untersagt und erst der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm, revidierte dies durch sein Edikt im Jahre 1671. So nahm in Köpenick eines der scheußlichsten Verbrechen in der Geschichte der Mark Brandenburg seinen Lauf.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“