Marcel Piethe

Der Maulbeerbaum

Vielfältig ist der Maulbeerbaum. Wollte man die Geschichte des Maulbeerbaums schreiben, könnte man ebenso gut eine kleine Enzyklopädie der Kulturgeschichte Asiens oder auch Europas verfassen. In den Mythen altorientalischer Völker verheißt der Maulbeerbaum Reichtum und Nahrung. Die alten Griechen sahen in den Maulbeeren Götterspeise und bei den Römern galt der Baum als Sitz der Weisheit. Aber der Reihe nach: Der Maulbeerbaum gehört zur Familie der Moraceae – der Maulbeergewächse. Nicht weniger berühmt in unseren Breiten sind zwei nahe Verwandte: der Feigenbaum und der Gummibaum.
Knapp dreißig Arten zählt man unter den Maulbeeren, wovon die Weiße, die Schwarze und die Rote in Europa am häufigsten anzutreffend sind. Vielfältig ist der Maulbeerbaum – wir sagten es bereits –, vielfältig sind beispielsweise seine Blätter. So können an einem einzigen Baum die Blattformen variieren. Seine Früchte sind süß und saftig. Sirup, Saft und Tee von der Maulbeere gelten als heilsam. Beliebt ist das gute, feste Holz des Baumes, der weit über 200 Jahre alt werden kann: Es wird zu Fußbodengarnituren, als Möbeln und Hockeyschlägern verarbeitet.
Seit mehr als 4500 Jahren baut man in China die Weiße Maulbeere als Futterpflanze für die Seidenraupe an. Und dieses possierliche Tierchen half den Menschen in erster Linie zu einem intensiven Miteinander. Denn die Fähigkeit der Raupe, Seidengarn zu erzeugen, machte man sich zunutze. Vor allem die schönen (Seiden-) Kleider, die erst richtige Leute machen, waren es, die das Begehr nicht nur im Reich der Mitte erregten, sondern auch im fernen Europa. Der Legende nach soll der sagenumwobene chinesische Kaiser Fu Xi als Erster die Idee gehabt haben, aus dem Faden der im Maulbeerbaum nistenden Seidenraupe Gewänder anzufertigen. Bald war es bei Todesstrafe verboten, die kostbaren Raupen oder das kostbare Gewächs außer Landes zu schaffen. Irgendwann erkannte man dann doch den wirtschaftlichen Wert. Und so entstand die heute noch sprichwörtliche Seidenstraße, die kontinentale Handelsroute zwischen China und Europa. Nun konnten sich auch die alten Römer in Gewänder aus edler Seide kleiden – sofern sie wohlhabend genug waren.
Bevor man hierzulande jedoch auf den Trichter oder besser die Seidenraupe selbst kam, dauerte es noch manche tausend Jahre. Erst unser Großer Kurfürst, Friedrich Wilhelm I., ließ ab 1663 erste Pflanzungen des Maulbeerbaums in der Mark Brandenburg vornehmen, nachdem zuvor bereits im Mittelalter ganze Landstriche in Südeuropa mit Maulbeerbäumen überzogen worden waren. In brandenburgischen Städten und Dörfern wurde nun also die weiße Ausgabe des Gewächses gepflanzt – oft an Kirchen und Marktplätzen, an Alleen und auf Schulhöfen. Doch noch einmal hundert Jahre sollte es dauern, bis ein anderer Großer, nämlich Friedrich, etwas mehr Schwung in die Sache brachte und aus den kleinen Produktionsstätten ein landesübergreifend florierendes Gewerbe machte.
Und hier sind wir also in Friedrichshagen angekommen. Die große Welt der Seidenraupe und ihres Maulbeerbaums hatte den verschlafenen Flecken am Müggelsee spätestens um 1753 erreicht, gab ihm nun ihr Gepräge. Einst flankierten über 1000 Maulbeerbäume in vier Reihen die Dorfstraße, die heutige Bölschestraße. x Exemplare dieser Gattung sind heute noch in Friedrichshagen zu finden, drei als Naturdenkmal gekennzeichnet. Im Zuge der Raupe und des Baumes kamen Menschen aus vieler Herren Länder hierher, brachten Ideen und Entschlusskraft mit sich, aus der märkischen Öde einen lebendigen Ort zu machen. Was daraus geworden ist: Wir wissen es.
Vielfältig ist der Maulbeerbaum und wenn er gesund und lebendig ist, schmückt ihn am besten manches Maulbeerblatt. Ein ganz besonderes Maulbeerblatt ist nun wieder in Friedrichshagen heimisch geworden. In der Scharnweberstraße 6 wird die neue Plantage gebaut. Ein Maulbeerblatt nach dem anderen soll hier wachsen, ein feines Gewebe von Ideen möchte es entstehen lassen und manch hiesiges Talent angemessen damit bekleiden und auch ein Zeichen sein: für die Lebensfreude am Müggelsee


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“