Wölfe Schorfheide

Ein Wolf tritt auf die Lichtung

Der einsame Wolf, der reißende Wolf, der Isegrim, der Wolf im Schafspelz, der Werwolf – der Wolf steht immer für den Täter. Das elegante Tier hat es nicht leicht, sein Negativbild abzulegen, das ihm seit Jahrhunderten von der Menschheit angedichtet wird. Sicher, er steht in der Nahrungskette ganz weit oben, das wissen nicht nur die sieben Geißlein. Bei der „Vollmond-Wolfsnacht“, die im Wildpark Schorfheide einmal im Monat organisiert wird, kommen Wolf und Menschen dort zusammen, wo sie beide herkommen: in der Natur. Ein magischer Moment.

Seit dem Kinohit vor 27 Jahren mit Kevin Costner, der sich mit einem Wolf anfreundet, hat sich in der Kunst, der Literatur, der Musik nicht allzu viel getan für eine positivere Wahrnehmung des Wolfes, der in Europa, in Deutschland, in Brandenburg, einheimisch war. Wenn er doch nur sprechen könnte! In der Natur dagegen hat der wilde Räuber mittlerweile viele Fürsprecher: Naturschützer, Tierschützer, Förster, Brandenburger, naturverbundene Menschen mit Weitblick. Eine der Naturverbundenen ist Imke Heyter. Sie ist Chefin des Wildparkes in der Schorfheide. Es ist 18 Uhr im Spätsommer, im Kletterpark krabbeln die Letzten von den Bäumen und entfesseln sich von den Gurten. Die Sonne malt lange Baumschatten auf die Wiesen, es ist sehr still in der Schorfheide. Nicht mal ein laues Lüftchen. Es riecht nach Rauch. Im Besucherzentrum des Wildparkes nahe Groß Schönebeck haben sich etwa 30 Naturfreunde versammelt, viele in gedeckten Farben, mit Wanderschuhen, Fernrohr, aber auch ein quietschgelber Mantel ist dazwischen aus der Stadt und krakeelende Kinder. Doch nicht mehr lange. Imke Heyter begrüßt ihre Gäste zur Vollmond-Wolfsnacht und erklärt, wie der Abend abläuft. Langes naturgewelltes Haar, jugendliches Gesicht, Typ Anpackerin, Kapuzenshirt, Jeans, praktisch. Und doch ist sie auch sehr spirituell. Auf dem Buffett im Nachbarraum Rustikales zum Verzehr, danach folgt ihr Vortrag über das Mysterium Wolf. Sofort bildet sich eine Essensschlange, als war es nie anders. Nach Eiersalat, Bratwurst und Muffin suchen wir uns einen Platz in der ersten Vortragsreihe.

Ich habe dort erst gemerkt, wie schön Brandenburg ist.

Der Wildpark ist das Unternehmen ihres Vaters. Der promovierte Landwirt habe nach der Wende neue Aufgaben gesucht und sich zunächst mit der Konzeptentwicklung ländlicher Regionen über Wasser gehalten. Sie, die Tochter, verbrachte die Nachwendezeit bis 1996 im Westen. In der Wendezeit war plötzlich alles möglich und auch wieder nichts, viele Bildungsstrukturen wurden zerstört. Die 1972 in Eberswalde geborene Brandenburgerin studierte Tourismus mit Geografie, Wirtschaft und Sprachen und ist im Westen nie angekommen:„Ich habe dort erst gemerkt, wie schön Brandenburg ist.“ 1996 war die Grundsteinlegung für den Wildpark nach vier Jahren Genehmigungsverfahren, der Vater hatte zunächst eine Auftragsarbeit für 60 Hektar im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin angenommen, die Mutter als Physiotherapeutin die ganze Familie über Wasser gehalten. Als Förster und im Dienste der Forschung unterwegs, verstand der Vater was von großen Tieren und er überlegte sich, was er tun könne. „Wir hatten immer Tiere zu Hause, in Niederfinow bin ich im Wald groß geworden. So entstand die Idee des Wildparkes, der inzwischen etliche Standortwechsel hinter sich hat. „Wir haben damals auf dem Gelände geschaut, was an Biotopen schon da ist. Wir wollten alles naturbelassen und so wenig wie möglich verändern, also auch die Tiere in ihrer Umgebung lassen, da wo sie herkommen und sich wohl fühlen.“ Behutsamkeit nennt man das und es steckt das Verb „behüten“ darin, schützen, schätzen.

Seit zwölf Jahren ist Imke Heyter nun die Geschäftsführerin des Wildparkes in der Schorfheide. Seit 19 Jahren leben hier zwei Wölfe. Im Juni sind drei Wolfsjunge aus dem Gothaer Tierpark dazugekommen. Die beiden Leitwölfe nehmen die fremden Kinder an, was andere Tiere, zum Beispiel Wildschweine, nicht unbedingt tun. Zwei Leitwölfe, zwei Männer in diesem Fall und Brüder, eine „Männer-WG sozusagen“, ziehen hier drei Kinder groß, die nicht ihre eigenen sind. Imke Heyter räumt mit uralten Klischees vom einsamen Wolf auf: Der Wolf ist ein weibliches Wesen, er agiert sehr mütterlich, er ist ein Rudeltier und damit in seinem Sozialverhalten vorbildlich für uns Menschen.

 

Sozialer als wir Menschen

Nur die beiden Alphawölfe, ein männlicher und ein weiblicher, dürfen sich innerhalb des Rudels paaren. Alle anderen Wölfe erziehen dann gemeinsam den Nachwuchs. Was unter Wölfen üblich ist, klappt unter Menschen viel zu selten. „Wölfe haben ein sehr hohes Sozialverhalten. Allein ihre sehr klare Körpersprache hilft uns, sie zu verstehen. Auch das ist sozial. Was wir Menschen mit Kommunikation schaffen sollten, uns gegenseitig zu verstehen, und was unnatürlicherweise nicht so oft gelingt, macht der Wolf mit seiner Körpersprache. Unsere Körpersprache ist oft viel authentischer als unsere Sprache, denn sie ist gefühlsorientiert und nicht zuerst durch den Kopf gesteuert. Mit unserer Körpersprache zeigen wir Ängste, Freude, Mitgefühl. Wir verschränken unsere Arme vor dem Körper, wenn wir distanziert sind, oft aus Angst. Wir öffnen die Arme, wenn wir offen sind und umarmen jemanden, wenn wir mitfühlend sind. Das macht der Wolf auf seine Weise genauso. Er wendet sich ab, wenn er sich bedroht fühlt. Er legt die Ohren nach vorn, wenn er aufmerksam ist und nach hinten, wenn er Angst hat. Wenn er sein Fell sträubt, bedeutet dies Abwehr, wenn er sich größer macht, zeigt er Dominanz. Alle seine Sinne sind sehr gut ausgeprägt.“ Imke Heyter weiß das und sie bewegt im Land Brandenburg sehr viel, um den Wolf zu bewegen, um Vorurteile um das Tier, das zurückkommt zu uns, aus dem Weg zu räumen.

Nach ihrem lebendigen unprätentiösen Vortrag rüsten sich alle für die Dunkelheit, wir zücken unsere Taschenlampen für die Wölfe, von denen wir noch nicht wissen, ob wir sie hören und sehen werden. Wir wechseln unsere Schuhe in trittfeste Treter, verstauen unsere Taschen in einem Jeep nebenan, der auf der Ladefläche rohes Fleisch und Fackeln geladen hat. So viel rohes, unverpacktes Fleisch auf einem Haufen haben wir noch nie gesehen. Wir fühlen die nahende Wildnis und nur das Geschrei der Kinder, die hier einen Geburtstag feiern wollen, erinnert uns daran, dass wir auf einem Ausflug sind, der bald ein Ende hat. Eine kurze pädagogisch wertvolle Erinnerung daran, was die Tiere und wir brauchen, um einander zu begegnen? Ruhe, das wissen die Kinder doch und rufen es aus.
Kaum einer hat einen Fotoapparat. Manche filmen den glutroten Himmel mit dem Handy und gleich danach das Wisent oder die Wildpferde auf der endlos erscheinenden, also archaischen Wiese. Viel Platz haben die einheimischen Tiere hier, es fühlt sich frei an dieses Leben, zumindest das, was wir sehen. Wir laufen auf Wegen zwischen den Wiesen, die durch Elektrozaun („Wir wollten die Landschaft nicht verbauen“) begrenzt sind. Den Menschen wird hier ein sehr begrenzter Platz eingeräumt, ein Statement für die Tiere: „Manchmal müssen wir die Menschen vor den Tieren bewahren und auch die Tiere vor den Menschen“, sagt Imke Heyter augenzwinkernd. Der Weg für die Besucher sei ja im Verhältnis sehr schmal. Manchmal frage sie sich auch, wer hier wen beobachtet.

 

Der Wolf und seine Weiblichkeit

Wir stehen am Weg und lauschen der Parkchefin. In der Ferne der aufsteigenden Nacht mischen sich Laute zwischen ihre Ausführungen. Wie bestellt, denke ich kurz. Und kann es nicht fassen. Es sind die Wölfe. Imke Heyter ermahnt wieder zur Ruhe. Und so lauschen 30 Großstädter den Urlauten einheimischer Tiere. Sie spüren, dass sie, dass wir in der Nähe sind. Denn den Mond sehen wir nicht. „Es ist eine Mär, dass der Wolf bei Vollmond heult. Der Wolf heult morgens, mittags und abends, also eigentlich immer. Der Mond unterliegt einem 28-tägigen Zyklus so wie der Zyklus der Frau. Der Mond steht demnach für Weiblichkeit, la Luna, der Mond. Und auch der Wolf steht für Weiblichkeit. Sein Sozialverhalten ist weiblicher Natur. Er ist ein Rudeltier, kein Einzelgänger, kein einsamer Wolf, es sei denn, er wird ausgestoßen wegen mangelndem Sozialverhalten. Der Wolf heult zum Neumond wie zum Vollmond, man kommt zusammen, man schwingt sich ein. Das Rudel singt zusammen, es dient dem Gruppenleben, dem Zusammenhalt. Es ist vergleichbar mit Hausmusik, die wir Menschen gemeinsam machen.“

Wir hören die Wölfe heulen, wir sehen sie nicht, dafür auf dem Parallelweg den Pickup mit dem Abendessen für Isegrim. Das spüren die Wölfe auch, sie riechen es. Nun „betreten“ wir den Wald, wir wissen nicht, wo die Wölfe sind und erkennen es an einem vier Meter hohen Metallzaun, vor dem wir plötzlich stehen. Wir verharren vor einer Eingangstür. Imke Heyter begrüßt die Wolfsjungen in der bläulichen Dunkelheit. Stille. Sie sieht ein Wolfsjunges, sagt es uns – und nun erblicke ich das helle weiße Gesicht hinter einem Gehölz. Sie betritt das Gehege. Wir stehen wie die Affen im Käfig. Und plötzlich ist er da. Der kleine Wolfswelpe. Geräuschlos. Wartet auf sein Futter und bekommt es bald. Imke Heyters Taschenlampenstrahl ist wie ein Spot. Es dauert nicht lange, da posiert das kleine Kerlchen für uns. Es sitzt auf dem kleinen Hügel im Wald und schaut in den Kegel der Lampe. Wir sind ganz still, dabei ist es zum Kichern. Plötzlich, ganz behende kommt der Rest des Rudels, einer der Leitwölfe schwebt fast durchs Waldbild, so leise bewegt er sich vorwärts. Es ist so friedlich hier im Wald. Ein bisschen warte ich auf Rotkäppchen, dieser Wolf sieht aus wie der im Märchen und auch der Wald und das Moos und der Farn, absolut märchen-authentisch. Imke Heyter kommt zurück zu uns und beleuchtet für uns unsere Tiere. Sie sieht sich als Vermittlerin, sie will Bewusstsein wecken für die Tiere, die von Polen zurück zu uns kommen. Mittlerweile sind es etwa 200 in Brandenburg. „Wahrscheinlich hat jede brandenburgische Kleinstadt allein 200 Hunde.“

 

Vertrauen ist die Grundlage für alles

„Ich bin eine Befürworterin, keine Verhinderin. Ich suche eher nach Möglichkeiten, wie etwas geht und nicht Gründe, warum etwas nicht geht. Ich bin lebensbejahend und sage: Alles hat seine Existenzberechtigung. Wir hier im Wildpark ernähren uns gegenseitig. Ich ernähre die Tiere, sie aber eben auch mich und meine Familie und meine Angestellten. Ich bin schließlich auch Unternehmerin.“ Nachts um drei Uhr kommt sie aus dem drei Kilometer entfernten Groß Schönebeck, um den kleinen Welpen ihr Fläschchen zu geben.
Es ist mittlerweile stockduster im Wald, ein richtiger Pilzesammelwald. Imke Heyter sitzt in der Eingangstür, zwei, drei Taschenlampen sind auf das Rudel gerichtet, das mit Beute im Maul hin und her läuft, mal zu einer Besuchergruppe an der einen Seite des Zaunes, mal zu uns. Imke Heyter dreht sich eine Zigarette, während sie in der Eingangstür sitzt. Sie gibt uns so viel Sicherheit, nicht nur, dass sie durch ihren Körper direkten Kontakt zwischen uns und dem Wolf verhindert, der plötzlich links aus der Schwärze der Nacht auftaucht und fast auf Kuschelkurs geht. Etwa 30 Minuten dauert die Begegnung. Den Wölfen scheint’s zu gefallen, dass sie im Rampenlicht stehen. Wir müssen erst verdauen, was wir sehen, es ist ergreifend. Wie anders das hier auf uns wirkt als ein Wolf im Tierparkkäfig auf sechs Quadratmetern! Der Zaun hier fühlt sich fast unsichtbar an und es liegt mit Sicherheit auch daran, dass Imke Heyter großes Vertrauen, die Grundlage für ein gutes Miteinander, in uns und den Tieren weckt.

Zum Schluss stecken wir uns alle noch eine Fackel an und müssen aufpassen, dass wir weder herabhängende Zweige noch das Polyester unseres Vorgängers abfackeln. Wir sind so viele. Und während uns die Nacht die ganze Zeit verschluckt hielt, zeigt uns das Feuer nun wieder in einer leuchtenden Kette an. Wie ein langer Tross laufen wir zurück zum Besucherzentrum, zum Lagerfeuer. Und da steht plötzlich ein Elch vor uns mit einem riesigen Kopf. Sachte bewegt sich das Tier, schaut uns aus drei Meter Entfernung an. Ein Märchen? Wo ist Ronja Räubertochter? Imke Heyter versteht auch etwas von Dramaturgie, sie hat ihn uns verschwiegen. Wir beleuchten das Urtier mit unseren Fackeln. So mit offenem Feuer in der Natur zu laufen, wo gibt es diese Ursprünglichkeit schon? Und so war es doch am Anfang: Es gab das Feuer und den Mensch werdenden Menschen. Da müssen wir wieder hinkommen: zurück zur Natur. „Der Wolf hat uns Menschen ein schönes Geschenk gemacht. Wir sollten ihm dankbar sein. Wenn es nicht den wilden Stammvater gäbe, hätten wir heute nicht den Hund, der für viele Menschen zum Sozialpartner geworden ist. Und viele vergessen, dass wir alle Natur sind, wir sind ein Teil der Natur. “

 

Wildpark Schorfheide, Prenzlauer Straße 16, 16244 Schorfheide
www.wildpark-schorfheide.de, Telefon: 0333 93 – 658 55
Fotos: Patrick Pleul, dpa