Ins gemachte Nest der Weltrevolution geschaut

Jenny war die große Liebe seines Lebens. Jenny war eine von Westphalen, wurde im altmärkischen Salzwedel geboren und wuchs in Trier auf: Ihr Vater ein liberaler Aristokrat, ihre Mutter Caroline stammte aus dem Bürgertum. Jenny war gebildet, las philosophische Texte, lernte Englisch und Griechisch. Die Familie nahm am gesellschaftlichen Leben in Trier teil, die hübsche Jenny war sogar einmal Ballkönigin. Die Bekanntschaft mit dem vier Jahre jüngeren Karl reichte bis in die Kindheit der beiden zurück. Heimlich verlobten sie sich. Das war 1836 und Jennys Vater war partout gegen die Verbindung. Erst nach seinem Tod heirateten die beiden. Karl sonnte sich gern im Glanz seiner schönen Frau. Sieben Kinder bekam das Paar; nur drei Töchter erreichten das Erwachsenenalter: Jenny, Laura und Eleanor. Tragik einer Bilderbuchgeschichte.

Eine andere Geschichte: St. Wendel, saarländische Landidylle, an der Stadtmauer steht heute das bronzene Abbild einer jungen Frau. Schwanger ist sie. Und ein Porträt hält sie in der Hand. Wer ihr nahe tritt und darauf schaut, erkennt: Karl Marx.
Recordatio: 1818, 5. Mai: Karl Marx wird als drittes von neun Kindern des Rechtsanwalts Heinrich Marx (bis 1808: Hirsch Mordechai) und dessen Frau Henriette in Trier geboren. Sowohl väterlicher wie auch mütterlicherseits stammt die Familie von Rabbinerfamilien ab. Kurz vor Karls Geburt war sein Vater unter für ihn demütigenden Umständen vom Judentum zum evangelischen Glauben übergetreten, um seinen Beruf als Rechtsanwalt weiter ausüben zu können. Karl selbst wurde 1824, im Alter von sechs Jahren, christlich getauft. (Die Mutter Henriette konvertierte erst rund zehn Jahre später.) Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier, Studium der Rechtswissenschaften in Bonn und Berlin, „Junghegelianer“, 1841 Promotion in absentia an der Alma Mater Jenensis, seine Dissertation: „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“; Redakteur und Herausgeber liberaler Zeitungen und lebenslange Freundschaft mit dem Fabrikantensohn Friedrich Engels. 1845 von der preußischen Regierung ausgewiesen, bleibt Marx Zeit seines weiteren Lebens staatenlos. In der Vita folgen die Stationen: Paris, Brüssel und London – und der „Bund der Kommunisten“ und der „Deutschen Arbeiterverein“ werden gegründet und 1849 erscheint das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Die Präambel: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ – und es endet mit dem Aufruf „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ – die Gesamtausgabe aller Werke meterlang. Und dazwischen: Helena Demuth, am 31. Dezember 1820 geboren, als fünftes von sieben Kindern des Bäckers Michel Demuth und zwar in: St. Wendel. Ohne jede Berufsausbildung kam sie 1837 als Dienstmädchen in die Familie des Trierer Regierungsrates Johann Ludwig von Westphalen, dessen Tochter Jenny wenige Jahre später eben jenen Karl Marx heiratete. Ab 1845 gehörte Lenchen Demuth dann 38 Jahre zum Haushalt der Familie Marx.

Bald schon sollte sie neben ihrer Tätigkeit als Haushälterin zu einer engen Vertrauten der Familie und zur politischen Gefährtin des Karl Marx werden, Jenny und Karl auch nach Paris, Brüssel und ins endgültige Exil nach London begleiten. Mit ihrem Ordnungssinn, ihrer Sparsamkeit und mütterlichen Fürsorge für die vielköpfige Familie Marx trug sie zu deren wirtschaftlichem Überleben bei. Ihr Dienstherr spielte aber auch gelegentlich Schach mit ihr – meistens verlor er dabei – oder diskutierte mit Lene seine politischen Thesen, da er ihr Urteilsvermögen schätzte. Jenny – die Gattin: opferte sich für ihren Mann auf, schrieb seine fast unleserlichen Manuskripte ab – als „sein Sekretär“ bezeichnete sie sich selbst. Und sie selbst verfasste eigene Zeitungsartikel und Theaterkritiken für die Frankfurter Zeitung und andere – anonym.

Im Jahr 1851 gebar Helene einen Sohn, Harry Frederick Demuth. Den Namen des Vaters gab sie nie preis. Obwohl der Frederick dem Karl Marx „lächerlich ähnlich“ sah – wie eine Freundin der Familie an August Bebel schrieb – kümmerte sich Karl Marx um Frederick nie. Und Jenny wird in ihren Erinnerungen von einem Ereignis aus jenem Jahr 1851 berichten, „welches ich nicht näher berühren will“, von dem sie aber weiß, dass es zu ihrem seelischen und körperlichen Niedergang beigetragen habe.
Frederick wurde von einer Pflegemutter aufgezogen, durfte seine leibliche Mutter nur in der Küche der Familie Marx besuchen, lernte dürftig schreiben – und zwischenzeitlich soll der Freund des Hauses, Friedrich Engels, die Vaterschaft anerkannt haben. Frederick jun. verdiente dann sein Brot als ungelernter Arbeiter und verscholl schließlich. Ein unglücklicher Mensch …
Für die Vaterschaft käme Marx wohl in Frage, Beweise gibt es keine, auch – so wird geschrieben – weil hernach Stalin um das Jahr 1934 alle Dokumente der Forschung entzog. Der Grund: Kein Schatten sollte auf die Lichtgestalt des Kommunismus fallen.

Nun ist unter dem Büchergebirge der Marx-Literatur nur Weniges zu finden, das die Psyche des Heroen mit dessen philosophischem Werk in Zusammenhänge stellt. Kaum ein Biograph ist dem Verhältnis Marxens zu seinen Eltern, seiner familiären Situation, seinen Krankheiten, seiner psychischen Veranlagung nachgegangen. Wer aber sucht, findet Verheerendes unter dem Geröll: Marx sei eine Mischung von Genie und Neurotiker, ein Prophet mit einem „infantilen“ Gefühlsleben und einer „paranoischen Grundstimmung“ gewesen, heißt es da, sein Werk eine Folge vulkanischer Eruptionen von Hohn und Hass, von Affekten und Verdrängungen, bei denen die „Fragmente seiner Gedanken herausgespuckt“ wurden, seine Gefühlswelt überhaupt „unentwickelt, minderwertig, auf einer infantilen Stufe steckengeblieben“. Eine Neurose als Motor gewaltiger Gedanken?
Marx litt häufig an Krankheiten, welche die psychosomatische Medizin gern auf verdrängte seelische Konflikte zurückführt: Hämorrhoiden, Verstopfung, nervöses Erbrechen, Durchfall, Leberbeschwerden und Gallenkoliken. Obwohl von robuster Natur, war Marx fast ständig krank, wich vor großen Aufgaben gern ins Bett zurück. Es stimmt: Sein Briefwechsel – zumal mit Engels – ist gespickt mit vulgären Bemerkungen über die sexuellen Verhältnisse von Freunden. Und mit Vorliebe berichtete er von obszönen Fundstellen bei Dante, Pietro Aretino oder anderen Schriftstellern.

In das Poesiealbum von Tochter Jenny schrieb Karl Marx jedenfalls: „Lieblingstugend: Einfachheit; Lieblingstugend beim Mann: Kraft; Lieblingstugend bei der Frau: Schwäche; Das Laster, das Sie entschuldigen: Leichtgläubigkeit; Lieblingsheldin: Gretchen.“ Auch das ein feines Psychogramm. Und einer, der um die Vaterschaft des kleinen Fredericks wissen konnte, Wilhelm Liebknecht, gehörte in der Londoner Zeit zum engsten Kreis um Marx, urteilte rückblickend: „Man hat gesagt, vor seinem Kammerdiener ist niemand ein großer Mann. Vor Lenchen war Marx es bestimmt nicht.“


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“