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An der Großen Krampe liegt Kuhle Wampe. Die Große Krampe ist eine lang gezogene Bucht der Dahme nahe Müggelheim. Der Zeltplatz am Ufer der Großen Krampe trägt den Namen Kuhle Wampe. Einen Zeltplatz gibt es dort seit beinahe 100 Jahren. Bereits um 1920 übernahmen Köpenicker Naturfreunde zwei ausgediente und noch heute erhaltene Fischerhütten an der Großen Krampe, bauten diese zu einem beliebten Wanderstützpunkt aus, so heißt es. Später in der DDR entstand hier ein Kinderferienlager, gehörte das Gelände als „Station junger Naturforscher“ zum Pionierpark „Ernst Thälmann“, wurde das Areal erweitert zu einem Jugendcampingplatz mit dem schmissigen Namen „I/10“, auf dem im Jahre 1972 bis zu 750 junge Menschen ihre Zelte aufschlagen konnten. Heute residieren der Zeltsportverein Seddiner Zeltler Köpenick, die Sportgemeinschaft Empor Hohenschönhausen und die Krampenburger Wasser- und Naturfreunde an der Großen Krampe, dazu die Dauercamper: Jahresbeitrag Erwachsene: 35,00, Gästecamper: 6,00 je Nacht.

Vielleicht wäre all das nicht der Rede wert, denke ich mir, als ich auf der Straße zur Krampenburg und am Eingangstor zu diesem Vorstadtidyll stehe, trüge der Ort nicht eben jenen Namen: Kuhle Wampe. Und Kuhle Wampe, denke ich mir, klingt es da nicht wie von Ferne: Vorwärts und nie vergessen, worin unsere Stärke besteht! Beim Hungern und beim Essen, vorwärts, nicht vergessen: die Solidarität! Schwarz-weiß-Bilder ziehen herauf: Fenstersturz – ein junger Mann endet in Verzweiflung selbst sein Leben. Düstere Mietskasernen in Berlin. Irgendwann. Lange her. 1931? 315.000 Arbeitslose in der Reichshauptstadt. Weltwirtschaft in der Krise. Krise Kapitalismus. Brotlos hungern, arbeitslos hungrig. Alte Menschen, junge Menschen. Gesichter aschfahl. Und dann ein Ausweg, eine neue Gemeinschaft im Wohnen und im Leben: Kuhle Wampe. Wasser, Licht, Luft. Solidarität.

Slatan Dudow hat den Film damals gedreht: 1931. „Erster proletarischer Sprechfilm.“ Bert Brecht hat Texte für das Drehbuch gemeinsam geschrieben mit Ernst Ottwalt. Hanns Eisler hat komponiert. Und ich suche in der Erinnerung und finde: Der historische Ort war doch ein anderer. Nördlicher gelegen von hier, weit über den Gosener Damm hinaus, einige Kilometer Luftlinie, am Ufer des Müggelsees: Dort war Kuhle Wampe. Ich suche und ich finde. Eine Tafel im Wald verrät: Arbeiterzeltplatz „Kuhle Wampe“ 1913–1935.

In einer kleinen Bucht, forstamtliche Bezeichnung Kuhle Wampe, heute zwischen dem Hotel „Müggelsee“, damals Prinzengarten, später Müggelseeperle, und dem Restaurant „Müggelhort“, entstand auf den Lichtungen des schattigen und sumpfigen Geländes am Müggelsee ein kleines Zeltdorf, anfänglich nicht mehr als zwanzig Zeltstellplätze. In wenigen Jahren dehnte sich die Kolonie aus, umfasste schon bald mehr als einhundert Zelte, in denen über dreihundert Personen – Arbeiter, Arbeitslose, Familien am Rande der Glitzerwelt – billig Unterkunft fanden und bald organisiert im Turnverein Fichte, im Tourismusverein Naturfreunde oder dem Arbeiterturnverein Friedrichshagen ihren Hunger nach Licht, Luft und Sonne stillen konnten. Wem gehört denn die Welt?

Zu Himmelfahrt wurde gepackt und nach Kuhle Wampe umgezogen. Hinaus aus Oberschöneweide. Arbeiterjugend voran. Und um 1925 entstanden hinter Kuhle Wampe, Richtung Müggelhort, zwei weitere Zeltstädte. Die trugen die Namen Kleen Kleckersdorf und Tsinmulpo. Der Interessenverband Kuhle Wampe war dem Zentralverband der Freibäder-Vereine Groß-Berlin e.V. angeschlossen und galt bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1935 als eine der ältesten Zeltkolonien Deutschlands.

Wer heute im Gelände nach Spuren sucht, wird sie finden: Reste der alten Wasch- und Toilettenanlage ragen aus der Erde. Legendenort. Filmstoff. Drehort.

Zu den Aufnahmen für „Kuhle Wampe – Oder wem gehört die Welt“ wurde die Zeltstadt am Kleinen Müggelsee, unweit ihres historischen Standortes, und am Flugplatz Johannisthal nachgebaut. Die Herstellung des Films war von ständiger Geldnot überschattet. Die teuren Filmapparaturen mussten gegen hohe Mieten geliehen werden – und die Filmemacher waren stetig auf der Suche nach neuen Finanzquellen. Die mitwirkenden Laienschauspieler stammten zum überwiegenden Teil von Kuhle Wampe, verdienten sich als Komparsen ein paar Mark hinzu. Hunderte Arbeitersportler, Arbeiterchöre und Agitpropgruppen traten vor die Kameras.

„In dem Gebiet, in dem wir drehten, waren Nazi-Sturmtruppen gewesen, und wir baten die Kommunisten, unseren Standort zu sichern”, berichtet der Produktionsleiter Georg Hoellering über die Drehzeit. Auf Kuhle Wampe „waren viele Proletarier, aber hätten Sie dieses Proletariat gesehen, sie wären überrascht gewesen. Wenn das deutsche Proletariat und die deutschen Mittelschichten zusammen waren… sahen sie alle gleich aus. Verglichen mit Kuhle Wampe, hätte Brighton einem Slum ähnlich gesehen. Die Bewohner waren alle sauber und ordentlich, hatten ihre kleinen Gärten usw. und wollten nicht, dass all die Filmleute hier herumtrampelten.”

Als der Film fertig war und Mitte Mai 1932 in Moskau uraufgeführt wurde, entging derlei den sowjetischen Genossen nicht. „Wie können wir diesen Film hier zeigen? Ihre armen Leute haben Motorräder und diesen herrlichen Ferienort. Hier haben wir nichts dergleichen. Deshalb können wir den Film hier nicht zeigen“, hieß es da. Deutsches Proletariat: Jammern auf hohem Niveau?

Als der Film seine Berlin-Premiere im Kino „Atrium” vor fast 2000 Zuschauern erlebte, war das jedoch der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Allein in der Premierenwoche sollen mehr als 14 000 Besuchern den Film gesehen haben, später war er auf den Leinwänden in Europas Hauptstädten und selbst in New York zu sehen. Im Juni 1932 kam der Film nach Friedrichshagen in die Union-Lichtspiele. Und dann wurde er in Deutschland auch schon bald verboten. Nicht weil er in Friedrichshagen aufgeführt wurde, vielmehr weil der Herr Reichspräsident und die Religion beleidigt wurden und geradeso „die öffentliche Sicherheit und Ordnung und lebenswichtige Interessen des Staates“ gefähret waren.

Und weil das so ist mit der Kunst, erinnerte sich manch einer auch in späteren Tagen noch an Kuhle Wampe, diesen Jugendfilm, dieses cineastische Plädoyer für die radikale und optimistische Jugend, revolutionär. Im Land der Arbeiter- und Bauern wurde er Folklore, war bald vergessen und wenig beliebt bei beruflich etablierten Revolutionären im Staate DDR. Im Westen des nach 1945 geteilten deutschen Vaterlandes fand er um 1968 revolutionäre Bewunderer. „In den Motorradclubs Kuhle Wampe organisieren sich seit über 40 Jahren politisch interessierte Motorradfahrer jeglichen Geschlechts … Wir wollen dem Treiben alter und neuer Nazis nicht einfach zusehen. Der MC Kuhle Wampe unterstützt antifaschistische Aktionen und Initiativen und wird auch in vielen Fällen selbst aktiv. Der braune Terror darf in unserer Welt keinen Platz mehr haben!“

Man spielt Theater zwischen Großer Krampe und Kiefernwald, wenn im Juni die Berliner Sophiensäle ihre Basis in den äußersten Südosten der Stadt verlegen: auf den Zeltplatz Kuhle Wampe. Dann wird an manchen Abenden der Campingplatz zum Experimentierfeld der Solidarität: Kuhle Wampe als Performanceparcours und ein gemeinsames Abendessen – eine ebenso „poetische wie diskursive Verhandlung der Frage, wie solidarisches Handeln angesichts von Schuldenkrise, Prekarisierung und Zwangsmigration“ heute aussehen kann. Aber das schauen Sie sich besser selbst an.

 


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“