Meistens steht irgendwo Wodka rum

Tag 2 der 73. Berlinale 2023
Am Ausgang des Saals werden Kärtchen verteilt. Das Publikum darf in der Sektion Panorama seinen Favoriten wählen.
Zwei ältere Herren vor mir lehnen dankend ab, wobei einer verkündet: „Wir haben schon genug abgestimmt in letzter Zeit.“ Allgemeines Schmunzeln.
KI-Illustration von B. Hofmann
Wobei der Vergleich mit der Berlin-Wahl insofern hinkt, als dass bei der Berlinale der Film mit den meisten Stimmen auch tatsächlich gewinnt. Ob bei Gleichstand ähnlich wie in Lichtenberger Wahlkreisen das Los entscheidet?  Ich sehe die ganze Abstimmerei positiv. Man bleibt in Übung. Schon Ende März geht es in Berlin mit dem Klima-Volksentscheid weiter. Und das muss es für dieses Jahr nicht gewesen sein. Auf der Berlinale wird ja auch jeder Film mehrfach wiederholt. Neben Wahlen gibt es auf dem Festival weitere Formen der politischen Beteiligung. Bei der Eröffnung kleben sich Leute von der Letzten Generation fest. Ich dachte vorher an einen Kinovorhang, eine spektakuläre Abseil-Aktion, irgendwas Neues. Aber es ist dann ganz erwartbar der Rote Teppich. Stören tut es keinen, die Stars sind längst im Saal. Aber die BILD hat ihre Chaoten-Schlagzeile und die Aktivistin ihr Foto. Auf einem Filmfestival verkommt politischer Protest zur Pose.  Ähnlich ist es bei der Panorama-Eröffnung. Bevor der animierte Film „La Sirène“ über den Iran-Irak-Krieg in den 80ern startet (sehr sehenswert!), befiehlt die iranische Regisseurin den 700 Leuten im Zoo-Palast aufzustehen. Auf Farsi sagt sie die Worte „Frauen, Leben, Freiheit“, die nachzusprechen die wenigsten in der Lage sind und peinlich bedrückt zu Boden schauen. Die Revolution startet nicht in bequemen roten Kinosesseln. Große Hoffnungen hatte ich in die Doku über den ukrainischen Präsidenten Selenskyj gesetzt. Doch in „Superpower“ ist Regisseur Sean Penn vor allem von sich selbst ergriffen. Er sitzt rauchend in Zügen, setzt Sonnenbrillen auf und ab und meistens steht irgendwo Wodka rum, Prost. Viel bewegender ist für mich die Doku „Sieben Winter in Teheran“, über die junge Iranerin Reyhaneh Jabbari, die in Notwehr einen älteren Mann ersticht, als der sie vergewaltigen will. Reyhaneh landet selbst im Knast, wird gefoltert und nach einem politischen Prozess hingerichtet.  Wenn es irgendwann wieder freie Wahlen im Iran geben sollte, inshallah, dann leider ohne Reyhaneh. Ich muss wieder an die beiden Männer denken, nach dem Kinobesuch. Müde vom Wählen sein, das muss man sich leisten können.
Berlinale 23

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