Unbenannt-1x

Unser Urlaub ging zu Ende. Die malerische Umgebung von Miranda langweilte uns gehörig. Die Hitze machte uns müde. Wie oft konnte man Liebe machen im Dunst einer kurzen südlichen Nacht, wie oft im Frühlicht schwimmen gehen, zum Frühstück einen und noch einen Kaffee trinken, tagsüber in sonnenverdorrten Tälern herumziehen, von den Ruinen des einen Schlosses zu denen des anderen, ständig den Sturz in tiefe Gruben riskierend, auf deren Grund irgendwelche glitschigen Vipern leben, wie oft noch sollte man auf der Suche nach hauchzarten Orchideen Eidechsen verschrecken, beim Kraxeln über poröse, rötliche Felsen, in deren Ablagerungen, wie man so sagt, tausend versteinerte Ungeheuer ihrer Erstentdecker harren; und an den Abenden alten, sauren Muskateller trinken, zusammen mit bitterem einheimischem Brot und gerösteten Champignons?

Meine Freundin war angeödet von der Stadt, dem Supermarkt, dem Fauchen der Klimaanlage. Und mein Elektrorasierer war defekt, ich rief im Reisebüro an – und man erlaubte uns gnädig, eine Woche vor dem geplanten Termin abzufliegen. Unsere Sachen waren gepackt und wir waren erschöpft, wie es alle Leute vor einer weiten Reise sind. Die Sonne stand im Zenit, unser Flieger ging um fünf, halb vier sollte das Taxi kommen. Ich wollte noch einmal im Meer baden. Schwimmen und ein paar Saltos schlagen im lauen Mittelmeerwasser, vor dem vierzehnstündigen Eingesperrtsein im vibrierenden Sitz der Touristenklasse der Boing-Sardinenbüchse, wie meine scharfzüngige Freundin dazu sagte. Noch einmal wollte ich es mir Wohl sein lassen an der frischen Meeresluft, an Weite und Freiheit, bevor ich mir für ein weiteres Jahr die längst widerwärtige Maske des zutiefst am Erfolg der Firma interessierten, disziplinierten und kreativen Mitarbeiters aufstülpen und zulassen würde, mich an sechs Tagen der Woche für zehn Stunden wegzusperren zu lassen im fünfzigstöckigen Rattenloch.

Auf meinen Vorschlag, noch einmal baden zu gehen, antwortete meine ungeduldige Freundin folgendermaßen: Ich hege nicht den Wunsch, in dieser dämlichen Betonscheune erst im letzten Moment anzukommen und im Laufschritt durch den Zoll zu hasten. Entschuldige, aber ich möchte allein sein … Und sie entschwand in Richtung Busstation. Leichtfüßig, über der Schulter ihre geliebte Handtasche aus Schlangenleder, in der sie ihren Pass, das Kleingeld und ihren Schmuck aufbewahrte. Drei gewaltige rosafarbene Koffer mit Klamotten und eine Tasche mit tropischen Souvenirs, gekauft in Miranda, musste ich nun allein schleppen. Mit meinem Feldstecher verfolgte ich ihre dahinschwingende Figur von der Höhe des Hügels, wo wir gewohnt hatten, im von blühendem Wildrosengesträuch umstandenden Wohnheim für Bergarbeiter – jetzt umgebaut in ein Bungalow für Touristen von jenseits des Ozeans – den Weg, der davonführte in ein goldenes August-Trugbild, in welchem runde Türme aus Luftspiegelungen flammten, den langsam zwischen ihnen dahinkriechenden Autobus, mit einer in dieser Gluthitze unsinnigen Weihnachtsreklame auf der silbrigen Flanke.

Im Türkensitz auf einem Teppich saß ein beleibter Santa Claus im kastanienbraunen Pelz mit zwei kleinen betauten Flaschen in den Händen und schaute lüstern in eine Glaskugel, in der eine halbentkleidete Schönheit posierte, die der jungen Marylin Monroe ähnelte. Neben ihr, schneeüberzuckert, ein blumenbuntes Häuschen, ein Spielzeug- Elch, gekrönt mit einer schimmernden Krone; ein grinsender Gnom mit einem Hämmerchen in der Hand und ein kraftstrotzender Schneemann, umwunden mit einer elektrischen Girlande. Bevor sie in den Bus stieg, winkte mir meine Freundin zum Abschied mit ihrer weißen Handtasche. Zuvor hatte sie mit dem Finger auf ihre Schläfe gezeigt und die Schultern gezuckt. Nach ihrer Abfahrt wurde mir traurig zumute, ich saß in einem Korbsessel und schloss die Augen. Als ich erwachte, erfasste mich wie ein wütendes Echo eine böse Vorahnung – du siehst sie niemals wieder, niemals wieder, niemals wieder … Die Lust zum Baden war mir vergangen, trotzdem ging ich los, hügelab, ins Uferstädtchen Miranda, hinter dem das blendende, betäubend blaue Meer schwappte. … Es wäre besser gewesen, nicht hinunter zu gehen! Konnte es sein, dass es da noch nicht zu spät war, mein Schicksal zu ändern? Ich hätte auf meine vernünftige Freundin hören, das Taxi eher bestellen und bis zum Abflug warten sollen, im weichen Sessel des Flughafens, mit einem Tässchen Cappuccino, unter der Air-condition. Sie wollte allein sein? Nichts leichter als das. Wir hätten im Sessel sitzend in verschiedene Richtungen geguckt. Aber nein, ich schritt schnurstracks meerwärts … und da wurde mir klar, wie schlimm meine Sache stand.

Jemand hatte den ordentlichen, mit roten Ziegeln gepflasterten Weg aufgerissen, der sich in wunderlichen Serpentinen von unserem Bungalow bis ins Zentrum Mirandas geschlängelt hatte, der Hang war bewachsen mit stacheligen Sträuchern, allenthalben übersät mit zerbrochenen Ziegeln, Glasscherben, verrosteten Konservendosen, Nadeln, spitzen Gegenständen, Messern, Sägen, Angelhaken … Jemand zerrte mir meine Sommerkleidung vom Leib und steckte mich in einen warmen roten Pelz, eine unförmige Mütze mit einem Rand aus weißem Fell, schweinslederne Handschuhe, ausladende Wattehosen, nahm mir die Sandalen ab und zog mir grobe Stiefel an, gürtete mich mit einem breiten Lederriemen. Verwandelte im Handumdrehen meine einwöchigen roten Bartstoppeln in einen grauen Vollbart. Warf mir einen Sack voll glühender Kohlen auf den Rücken.

War ich womöglich verrückt geworden? Nein, verrückt geworden war eher die mich umgebende Welt. Und so, schnaufend und murrend, ein frischgebackener Santa Claus, stapfe ich bergab nach Miranda hinein, breche durch Gesträuch zum schwarzblauen Meer. Unter meinen Füßen knirscht es. In den Ohren schießen Kanonen. Vor meiner Nase flattern alle möglichen Kreaturen. Mein Kopf ist leer. Auf dem Rücken – der schwere Sack. Aber ich gehe, gehe, stur wie ein Wahnsinniger … Dornen bohren sich in meine Haut, biegsame Zweige peitschen mir übers Gesicht, Scherben und Messerklingen zerschneiden meine Hände, rostige Blechdosen hängen wie Blutegel an Ärmeln und Kragen. Ich stolpere und falle. Rutsche, gleite. Krieche. Erhebe mich, gehe. Gleich … gleich, so versuche ich mich zu überreden, gleich gehst du diesen Abhang hinunter und gibst den verfluchten Sack in der Gepäckaufbewahrung ab, wirfst diesen Pelz-Plunder von dir, diese billige Maskerade, und stürzt dich ins kühle, klare Nass!

Das wird deine Wunden heilen, dir frischen Mut geben, dich beruhigen. Nach dem Bad klaust du am Strand von irgendwem die Shorts und besuchst die alte Wahrsagerin, die dir vor drei Tagen für hundert Grüne ein langes, glückliches Leben prophezeit hat und deiner Freundin – die baldige Erlösung vom Einfluss negativer Konstellationen, sie breitet ihre Karten aus und erklärt dir, was mit dir geschehen ist. Danach gehst du in den „Blauen Papagei“ zu deinem Bekannten, dem Barmann, borgst dir Ge l d , trinkst Sherry und fragst ihn über all diese Wunderdinge aus. Kann sein, dass du nicht der Erste bist, dem all das widerfährt. Miranda – ja, das ist schon ein ungewöhnlicher, befremdlicher Ort, mit dem der Teufel keine Scherze macht. Barkeeper wissen alles. Zu schlechter Letzt wendest du dich an die Polizei oder setzt dich mit dem Konsulat in Verbindung. Schnappst deine Koffer und fährst zum Flughafen. Und alles ist wie zuvor. … Sehr bald konnte ich mich davon überzeugen, dass es keinerlei „Zuvor“ mehr geben würde.

Das Städtchen Miranda war verschwunden. Anstelle des lärmenden Fischmarkts, wo wir des Öfteren glänzende Fische mit dunkelblauen Augen und lila Flossen gekauft hatten, anstelle der mit bunten chinesischen Lampions geschmückten Straßen, der gemütlichen kleinen Restaurants und Bars, wo uferauf, uferab der erlesenste Kitsch angeboten wurde – nichts als leere, mit Kopfsteinen gepflasterte Fläche, breit und rund wie der Platz vor der Peterskirche in Rom. Ohne Häuser, Bäume, Menschen. Ohne Haltestellen und ohne die romanische Kirche des Heiligen Martin, in welche meine Freundin unbedingt jedes Mal eingetreten war, bevor wir uns zum Strand begaben. Ich heulte auf vor Enttäuschung und Schmerz und lief über die holprigen Steine Richtung Meer wie ein alter Zentaur aus dem berühmten Roman, mit Konservendosen scheppernd wie ein Hochzeitsauto. Ich sprintete so schnell, dass ich mich beinah mit dem eigenen Bart erwürgte.

Da waren die vertrauten Dünen … Aber … wo war das Wasser, der Strand, die Liegestühle, die Schwimmerinnen, wo die Apfelsinensaft- und Eisverkäufer? Wohin waren die tausende Tonnen schimmernden schneeweißen Sands, wo die berühmten zwanzig Meter hohen Wellen, verursacht von einander sich kreuzenden Stömungen? Wo waren die Umkleidekabinen, in denen es so scharf nach Menstruationsblut roch? Wo noch am Morgen Touristen schmorten und badeten, gähnte ein Abgrund. Von seinem Grund, aus dem stinkenden Leib der Erde, erhob sich, direkt vor meinen Augen, ein donnernder, kilometerhoher Tornado. Ich hatte nicht Zeit, ihn richtig wahrzunehmen, als er mich schon erfasste, umherwirbelte und in den Himmel schleuderte. Seitdem bin ich ein Sputnik. Kreise im Orbit. Kälte, Einsamkeit, Langeweile. Mein früheres Leben habe ich vergessen, den Beruf, die Heimat. Nur eine Erinnerung ist geblieben – die von der Glaskugel mit der Marylin- Monroe-Schönheit – sie geht mir irgendwie nicht aus dem Kopf. Ich träume davon, dass sie irgendwann meine Einsamkeit mit mir teilen wird. Ich werde ihr meinen atlasglänzenden Pelz umhängen, einen Halsschmuck aus funkelnden Sternen schenken. Und ihre eisigen, saphirnen Augen lecken.

Erzählung von Igor Schestkow, aus dem Russischen – Günter Saalmann | Illustration von Martin Claus