
Inzwischen ist der Sexappeal längst verflogen, Wohnraum knapp, die Mieten unbezahlbar. Die einstigen kreativen Freiräume sind gentrifiziert, und das vorherrschende Bild von Berlin im Rest der Republik: Chaos mit Hundescheiße. Die öffentliche Infrastruktur ist seit über zwanzig Jahren auf dem Status Arm hängen geblieben. So fehlt es an sanierten Straßen und Fahrradwegen, einem funktionierenden ÖPNV, digitalisierten Ämtern, renovierten Schulen und eben auch Bädern. Es braucht keinen Gang mit der Wünschelrute, um verborgene Missstände ausfindig zu machen – sie sind überall sicht- und fühlbar.
Nun hat ein Theater weder den Auftrag noch die Mittel, fehlende oder mangelnde kommunale Infrastruktur zu ersetzen. Dennoch entschied sich Matthias Lilienthal, quasi als erste Amtshandlung, für den Bau eines Schwimmbades vor der Volksbühne, dessen Intendant er seit August ist. Sein Motto zum Spielzeitbeginn: Drinnen fault die Obermaschine, draußen badet der Feingeist. Nicht um das Offensichtliche in Frage zu stellen, nein, um es zu belegen.
Mit seinem Hang zum Event-Urbanismus hätte er ebenso umstehende Autos anzünden können, um auf die astronomischen Benzinpreise aufmerksam zu machen.
Oder besser noch: gemeinsam mit dem Publikum bei einem immersiven Stadtrundgang durch Berlin-Mitte Molotow-Cocktails in offene Fenster werfen lassen, um dem Ruf nach einem Mietendeckel Nachdruck zu verleihen.
Natürlich weiß Lilienthal, dass ein temporäres Open-Air-Becken auf dem Rosa-Luxemburg-Platz nicht ein einziges Problem der maroden, überfüllten oder geschlossenen Berliner Schwimmbäder löst. Aber längst sind auch Theater-Flaggschiffe wie die Volksbühne in den Zwängen der Aufmerksamkeitsökonomie angekommen.
Wenn Theater jedoch nur noch dann relevant ist, wenn es nach deren Gesetzen handelt, macht es sich selbst bald überflüssig. Lilienthal schmückt sich mit einem realen gesellschaftlichen Problem, konsumiert es als aktivistisches Event im öffentlichen Raum und überlässt die echten, unsexy Infrastrukturprobleme der Stadtverwaltung.
Es lohnt sich, etwas in der jüngsten Geschichte zurückzuspulen, um den Hang zum Spektakel des Berliner Kulturbetriebs wirklich zu verstehen. Ich weiß nicht, was peinlicher ist, das große Stühlerücken im Kultursenat oder die Personalien nach dem gewaltsamen Bruch mit der Ära Frank Castorf, mit dessen würdeloser Dethronisierung ein giftiges Erbe geschaffen wurde, das man einfach immer an den Nächstfolgenden weitergeben kann.
Bis heute unbeantwortet geblieben ist die zentrale Frage, warum man das verstörende, anstrengende und ästhetisch kompromisslose Ensemble- und Repertoiretheater unbedingt loswerden wollte. Um was zu gewinnen – ein potemkinsches Freibad mit Online-Reservierung und Pommesbude?
In den letzten zehn Jahren konnte man förmlich dabei zusehen, wie in der Volksbühne aus Vision Schadensbegrenzung wurde. Im Außen walten strukturelle Selbstgefälligkeit und politische Orientierungslosigkeit; man will unbedingt den Eindruck erwecken, eine strahlende, subkulturelle und hochkarätige Metropole zu sein, aber überall regiert der Rotstift: Fördergeld-Affären, Etatkürzungen, Club-Schließungen, die Freie Szene knabbert am Hungertuch.
Volksbühne – Volksbad – Volksfeind – Volksbote.
Hier kocht der Chef noch selbst und uns ein ganz besonders fades Süppchen. Man nehme eine Prise real existierende Probleme – nicht etwa, um sie strukturell zu lösen oder künstlerisch zu transzendieren, sondern um sie medial zu inszenieren und daraus politisches Kapital und maximale Aufmerksamkeit zu schlagen.
So geht echter Gute-Laune-Kompromiss: ein Gratis-Schwimmbad tut niemandem weh, es riskiert absolut nichts. Lilienthal liefert mit seinem Sommer-Coup die perfekte Simulation von Partizipation. Brot und Spiele, verkleidet als soziale Plastik mit urbaner Diskursbeilage. Virtue Signalling als moderner Ablasshandel. Dem zu entkommen, würde wohl nur ein verbal-zorniger Arschbombenkontest helfen.
Es scheint im Berliner Kulturbetrieb ein Muster zu sein, dass man ausgerechnet derjenigen nicht mehr habhaft wird, die weitreichende kulturpolitische und Personalentscheidungen getroffen haben. Wenn dann Aufmerksamkeit die einzige Währung ist, heiligt der Zweck jedes Mittel und rechtfertigt offenbar auch institutionelle Selbstbedienung.
Was am Rosa-Luxemburg-Platz der Öffentlichkeit als soziale Plastik verkauft wird, ist in Wahrheit die Verdichtung eines anhaltenden Entfremdungsprozesses zwischen Theater und seinem Publikum. Es ist der Irrglaube, dass die, die da im Sommer baden gehen, im Winter in den Saal als Zuschauer zurückkehren.
Dass sich der in Neukölln sozialisierte Lilienthal nun ausgerechnet auf die DDR-Kulturhaus-Tradition beruft – die er weder erlebt hat noch, ganz offensichtlich, ausreichend kennt – und dabei vermeintlich großherzig auf »Amüsement für das Volk« verweist, das hebt die Biene auf die Blüte. Wie viel intellektuelle Hybris und kollektiven Irrsinn braucht es eigentlich noch, bis eine Marketing-Abteilung auf die Idee kommt, nach dem Ende der Badesaison das Wasser in Flaschen abzufüllen und unter dem Label »Berlin – Arm, aber nass« zu verkaufen?
