Die gebürtige US-Amerikanerin Prof. Dr. Debora Weber-Wulff entschied sich 2005 für die Deutsche Staatsbürgerschaft. Seit 2001 ist sie Professorin für internationale Medieninformatik an der HTW in Schöneweide. Dem Aufdecken, der Dokumentation und der wirksamen Vermeidung von Plagiaten in der Wissenschaft gilt seit Jahren ihre besondere Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff

Warum wurden Sie Plagiatsjägerin? Ich bin keine „Jägerin“. Das ist eine Beschreibung, die die Presse mag, ich nicht. Ich bin Plagiatsforscherin und dokumentiere Plagiate in Dissertationen bei VroniPlag Wiki.

Packt Sie dennoch gelegentlich das Jagdfieber? Nein. Aber mir wird schlecht, wenn ich Doktorarbeiten sehe, die platt plagiieren und keiner tut was dagegen. Und ich bin richtig ärgerlich, wenn Studenten plagiieren. Das raubt mir Zeit. Ich will gerne deren Texte lesen, nicht die Texte von Anderen.

Viele Ihrer Mitstreiter bleiben lieber anonym. Warum kämpfen Sie mit offenem Visier? Pseudonym. Sie verwenden immer dieselben Namen. Daher weiß man, welche Rolle sie spielen, welche Fälle sie bearbeiten. Wenn man die Wut sieht, die uns namentlich Bekannten bei VroniPlag Wiki entgegen geschleudert wird, ist es zu verstehen, warum es einige vorziehen, anonym zu bleiben. Es ist aber egal – es geht um Texte, um Fakten – egal, ob das ein Taxifahrer oder ein Professor dokumentiert. Und: ich kämpfe nicht – trage kein Visier. Das sind platte sensationslustige Bilder.

Gab es Versuche, Sie unter Druck zu setzen, Sie von Ihrem Weg abzubringen? Natürlich. Ich blogge seit 2006 über wissenschaftliches Fehlverhalten (copy-shake-paste.blogspot.com). Viele Leute mögen nicht ihren Namen im Zusammenhang mit ihren Taten sehen. Jemand hat zudem versucht, mich „haftbar“ zu machen, weil er das Impressum von VroniPlag Wiki nicht fand. Interessant war, dass ich von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg abgemahnt wurde, da sie vom Berliner Datenschutzbeauftragten(!) gesagt bekommen haben, dass ich für die Site verantwortlich sei und es kein Impressum gäbe. Da habe ich denen ein Link zum Impressum geschickt und erklärt, wie ein Wiki funktioniert. Und dann habe ich mich beim Datenschutzbeauftragten beschwert, wie man auf die Idee kommt, falsche Daten weiterzugeben. Man hat mir geantwortet, dass sie auch nur ihren Job machen, dass sie das Impressum wohl übersehen hätten und aus der Presse wüssten, dass ich für VroniPlag Wiki verantwortlich sei. Ich finde es sehr problematisch, dass eine Behörde für Datenschutz nicht versteht, wie ein Wiki funktioniert – dass jeder dort editieren kann – und dass diese Behörde dann noch persönliche Daten weitergibt.

Können Ihre Studenten verstehen, weshalb Sie gegenüber Plagiaten so unnachgiebig sind? Das weiß ich nicht. Ich versuche zu begründen, warum es wichtig ist, die Quellen zu nennen. Das gehört sich so in der Wissenschaft.

Haben sich die wissenschaftlichen Standards in den letzten Jahrzehnten verändert? Nein, überhaupt nicht! Und Plagiatoren hat es auch vor 100 Jahren gegeben, weil es Leute gibt, die meinen, eine Abkürzung nehmen zu dürfen. Nur, sie fliegen jetzt verstärkt auf.

Wird heute mehr kopiert oder haben sich lediglich die Möglichkeiten der Kontrolle verbessert? Wir wissen es nicht. Es gibt keine Zahlen.

Politiker erfreuen sich besonderer Aufmerksamkeit – gelten für sie andere Maßstäbe? Nur etwas über ein Viertel aller Fälle bei VroniPlag Wiki sind PolitikerInnen. Was mich sehr beunruhigt, sind die in der Wissenschaft tätigen Personen, auch Professoren, die plagiiert haben! Wie können sie ihre Studenten geeignet ausbilden?

Folgen Sie selbst einer politischen Zielsetzung, wenn Sie Politiker auf den Prüfstand stellen? Nein, das ist eine mediale Ente. VroniPlag Wiki hat zur Zeit 44 Fälle dokumentiert. Dort stehen nicht nur Politiker auf den Prüfstand. Es gibt zwar jemanden, der bereits 2011 aus VroniPlag Wiki ausgeschlossen wurde, der groß rumposaunt, welche Politiker er gerade untersucht. Bei VroniPlag Wiki geht es weder um Geld noch um Politik. Aber die Medien berichten nicht über die „no names“, obwohl mich Fälle wie Nr. 42 richtig aufregen. Die Doktorarbeit wurde wegen Plagiat an der Humboldt Universität abgelehnt. Der Promovend ist dann nach Innsbruck gegangen und hat dort promoviert. Jetzt ist er FH Professor. Das finde ich skandalös, denn die Arbeit in Innsbruck (zum selben Thema wie an der HU, nur ein Jahr später eingereicht) ist bereits mit Plagiaten auf über 50% der Seiten dokumentiert.

Welche Handlungsweise würden Sie einem Politiker empfehlen, dessen Doktorarbeit in Zweifel gezogen wird? Ehrlichkeit. Florian Graf hat gezeigt, wie man das macht. Statt zu leugnen, dass er plagiiert hat – was offensichtlich war – hat er von sich aus den Grad zurückgegeben, sich entschuldigt und in seiner Fraktion die Vertrauensfrage gestellt. Und er machte weiter. Politiker brauchen keinen Doktorgrad, wohl aber vernünftige Ideen.

Schon die Jüngsten finden heute im Internet ganz bequem auf jede Frage viele Antworten. Informationen sind ein jederzeit verfügbares Allgemeingut. Ist »Copy and Paste« nicht die effektivste Arbeitsweise für unser mediales Zeitalter? Quatsch. Es ist die bequemste Arbeitsweise. Aber nicht alles im Internet stimmt! Man muss lernen zu beurteilen, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist. Und da man auf den Schultern von Riesen steht, sollte man sie höflicherweise nennen und sich nicht selber größer machen als man ist. Es geht nicht um „Information“, sondern darum zu lernen, wie man sich in ein Thema einarbeitet; Informationen findet, dokumentiert und strukturiert; und dann in eigene Worte fasst.

Mit ihren Studenten testen Sie Softwareanwendungen, um Plagiate aufzuspüren. Jenseits aller Verjährungsfristen können Sie damit akademisches Fehlverhalten noch nach Jahrzehnten offenlegen. Sollte man dies – weil heute möglich – auch in jedem Falle tun? Wir testen diese Werkzeuge, um die Dokumentation zu erleichtern, doch auch als Informatikerin kann ich diese Software nicht als Allheilmittel empfehlen, denn mit Software allein lassen sich keine Plagiate feststellen. Akademisches Fehlverhalten verjährt nicht! Nur weil genügend Wasser die Spree hinab geflossen ist, wird eine unrichtige oder unaufrichtige Aussage nicht plötzlich korrekt! Man steht bei einer Dissertation auf eigenen Beinen und auf ewig dafür ein, dass man sie selbst geschrieben hat. Das ist unentbehrlich für die Wissenschaft! Ich weiß, dass Leute, die einen Doktortitel nur für ihr Türschild haben wollen das nicht verstehen. Sie sollten das Promovieren besser lassen.

Wo gibt es für Sie eine Grenze, wo würden Sie sagen: „Das ist Vergangenheit – vergeben und vergessen“? Nein. Es geht nicht um Vergebung. Es geht um die Wissenschaft.

Unseren Lesern können Sie es ja verraten, haben Sie selbst in jungen Jahren einmal beim Nachbarn abgeschrieben? Erstens ist „abschreiben“ nicht dasselbe wie plagiieren. Und zweitens, nein. Ich bin immer sehr stolz auf meine eigene Arbeit gewesen.

Mehr Infos:
www.htw-berlin.de
www.de.vroniplag.wikia.com/wiki/Home
www.copy-shake-paste.blogspot.de/
www.plagiat.htw-berlin.de


Regina Menzel

Ein Beitrag von Regina Menzel

Maulbeerblätterin 2.0, nicht nur im Maulbeer-Backstage administrierend, lektorierend und kundenbetreuend, sondern auch sonst an vielen Fäden knüpfend unterwegs. Zitat: „Blättern, blättern, blättern!“