Handwerkerelend

Wir sind doch froh, dasse überhaupt ...
Ich wollte nicht bauen. Niemals wollte ich bauen! Ich hab ja nicht umsonst den sanierungsbedürftigen, alten Hof verkauft. Bauen heißt Dreck. Bauen heißt Lärm. Bauen heißt, frechen Handwerkern zur Verfügung zu stehen, als wäre man deren Sekretärin, nicht aber der Hausbewohner.

Der Handwerker erscheint pünktlich und mit gewaschener Brust.
Foto: iStock/alessandroguerriero

In dem Wort Bewohner steckt ein Verb: wohnen! Und Wohnen heißt für mich, essen, wann ich will, duschen, wann ich will, arbeiten, wann ich will und vor ALLEM schlafen, wann ich will! Da ich freiberuflich bin, habe ich die große Freiheit, nachts abzuhängen und morgens lange zu schlafen. Daran ist leider seit dem Einzug vor acht Wochen hier gar nicht mehr zu denken. Das hübsche Pent(tiny)house, was ich vor Jahren gekauft habe... Ja. Es hat zwei Jahre gedauert und weitere vier Monate vom Kauf des kleinen Wolkenschlösschens bis zu seiner fertigen Errichtung. Das Tinyhouse auf dem Dach ist, wie das gesamte Gebäude darunter auch, weit entfernt von "fertig"! Ganz weit.

Gestern Nacht, als ich wieder einmal meiner wöchentlichen Insomnia fröhnte, lag ich in der Hängematte und genoss den einzigartigen Blick in die Sterne. Klarer Sommernachthimmel, etwas Beeindruckenderes gibt es für mich nicht. Seit ich hier wohne und Wolken gucken kann, brauche ich keinen Fernseher mehr. Bei der Gelegenheit habe ich mal durchgezählt aus Spaß, wieviele Dinge an meiner kleinen Wohnung schon funktionieren und wieviele noch nicht. Zehn zu sechs steht's. Keine schöne Quote.

Also, Klo geht, Dusche geht, Licht geht, Steckdosen inzwischen auch - da musste aber nachgeholfen werden, weil der Stift offensichtlich vier von acht Leisten nicht oder falsch geklemmt hatte. - Internet geht. Ohgott, die Arie mit dem Anbieter! Falsche Beratung am Telefon, infolgedessen falschen Vertrag abgeschlossen, falschen Router bekommen, den wieder zurück geschickt, Vertrag storniert, trotzdem Rechnung bekommen, wieder angerufen und hartnäckig durch die bescheuerte KI gekämpft, die niemals versteht, was du sagst oder wahlweise eben genau dein Anliegen nicht in der Auswahl hat, sodass du gerne mal halbstundenweise im Kreis herum geleitet wirst und am Ende wieder da raus kommst, wo du gar nicht hin wolltest oder dir ein nicht besonders freundlicher Sachbearbeiter mitteilt, dass du dafür eine andere Nummer hättest wählen müssen. Und dann geht die Arie von vorne los! Habt Ihr auch schon mal die Maschine am anderen Ende angebrüllt oder beleidigt? "Hab ich doch gesagt, du blöde Kuh!!!" - Ich mache das nur, weil ich weiß, da sitzt niemand leibhaftig. - Also Internet geht jetzt endlich auch nach fünf Wochen!

Heizung geht. Hatten sie schlauerweise bei der Abnahme der Wohnung als Test eingeschaltet und zwar volle Pulle, was zur Folge hatte, dass ich mir am ersten Abend ordentlich die Füße versemmelt habe auf den heißen Badfliesen und nicht schlafen konnte, weil es die halbe Nacht dauerte, die 35 Grad hier wieder raus zu kriegen aus dem einen Raum!

Lüftung geht nicht. Ich hab 'ne Lüftung im Bad. Da hat der Rohrleger, der den Abluftschlauch mit der Anlage verbindet, dem Trockenbauer gesagt, er möge das bitte zusammenstecken, wenn er fertig ist mit dem Stück abgehängter Decke. Hat der bestimmt auch gemacht und gemerkt, dass das nicht passt, da fehlen ca. acht Zentimeter. Dann ist er ganz schnell nach Hause gelaufen mit Augen zu: "Wenn ich sie nicht sehe, dann seh'n sie mich auch nicht!" Idiot. Jetzt muss die Decke komplett runter und neu, was heißt, der Maler muss auch nochmal ran. Und der Rohrleger freut sich. Auf dem Bau nennt man diese Sollbruchstelle Gewerbeübergang. Jeder macht seins und am Ende passt's dann doch nicht. Na und? Ich hab' ja gemacht, was ich sollte. Großes Schulterzucken...

Die Oberdreistigkeit war allerdings, als die Fliesenleger kamen. Ich noch allein im Haus. Hätte ich mir mal so viel Zeit gelassen wie die Anderen! Es klingelt. Unten stehen fünf ausgewachsene Männer in hübscher Choreo vor der Haustüre: "Können Sie mal aufmachen?!" Bitte? Nee, ich glaube wirklich nicht, dass der Bitte gesagt hat. Ach, Aufmachen kann ich leider nicht. Das war ja Nummer drei der nicht funktionierenden Dinge. Türsummer aus dem 3. Stock? Is' noch nicht. Hat der Elektriker vor zwei Wochen drauf geguckt und gesagt, ja, der muss noch angeschlossen werden. Und ward nicht mehr gesehn. Seitdem und überhaupt, seit ich hier als unfreiwilliger Portier ungefragt engagiert wurde, renne ich jedesmal, wenn Besuch kommt oder jemand eine Lieferung kriegt, drei Treppen runter und wieder rauf. Fitness umsonst.

Jedenfalls, das Fliesenlegerquintett meinte, sie müssten jetzt hier mal rein und im Treppenhaus die kaputt verbauten Bodenplatten auswechseln. Was da heißt, Steine flexen und maschinell raus stemmen in dem noch vollkommen leeren Treppenhaus! Die Akutstik hier steht keiner Philharmonie dieser Welt in was nach. Ich höre oben, wenn der Nachbar im Ersten singt beim Möbelaufbau!

Ich verliere die Nerven! Sitze im Homeoffice hinter der einen Tür, die ich nur habe. Noch freundlich frage ich die Herren, wann sie das denn vor meiner Wohnung machen müssen. "Na heute!", schreit mich der Anführer der Truppe an. "Nee, Termin jibbet nich!" Ich flehe ihn an, ich wohne hier, ich muss hier arbeiten. Wenn ich mich drauf einstellen kann, geh ich ins Café. Heute kann ich nicht weg, weil der Elektriker kommt! "Na und?", hält der Meister Propper gegen. "Sie ham doch nich det Treppenhaus jekooft!"

Ich rufe den Bauträger an. Mit zitternder Stimme ob einer mittelschweren Panikattacke frage ich die Dame, ob das so muss, dass die hier ohne Ankündigung ein- und ausgehen. Sie hört sich mein Leid an und antwortet relativ lau: "Ach, Sie müssen das auch mal so sehen. Sie können uns ja jetzt nicht die Handwerker vergraulen. Wir sind so froh, dass die überhaupt kommen!"

Nun habe ich zwei große Löcher im Fußboden vor der Tür. Die Fliesenleger waren seitdem nicht mehr da!


Kolumne

Es geht nicht ohne

Besonders auffällig ist seine scheinbar fehlende Sozialisation. Er selbst spricht oft davon, dass er andere Menschen generell zwar dulde (sehr...

Kolumne

Der Vorsatz-Bundeskanzler

Ähnlich dem St.-Knuts-Tag in Skandinavien, bei dem die Weihnachtsbäume aus dem Fenster geworfen werden (das suggeriert zumindest ein alter IKEA-Werbespot,...

Tante Anne in einer ihrer zu lauten Wohnungen (Symbolbild) Kolumne

Überall wohin man schaut

Illu: iStock/Nataliia Nesterenko

Man muss auch mal durchfahren können

Man könnte ja denken, dass es in einem halben...