Marcel Piethe

Filmland Brandenburg ist der Titel eines liebeswerten Buches eines bemerkenswerten Maulbeerblattautoren. Filmland Brandenburg berichtet nebst manch anderem dem geneigten Leser Wissenswertes auch über das Bad Saarow. In Filmland Brandenburg ist zu lesen, wie einst der märkische Wandersmann Fontane hier vorbeigezogen, das dem Ort beiliegende Gewässer, den Scharmützel, ein „Märkisches Meer“ genannt, und der Dichter, in seinem weitem Schlepptau, die Schönen und Reichen nach sich und an die Ufer des eben benannten Sees gezogen. Unterzogen haben sich dann dort die Käthe Dorsch und der Harry Liedtke, Gustav Fröhlich und Ernst Lubitsch dem heilenden Wirken von viel frischer Luft bei klarem Wasser und dickbreiigen Moorbädern im Sanatorium und der Moorbad Saarow GmbH. Und weil das alles so schön war, baute der Gartenarchitekt Ludwig Lesser am Nordufer eine elegante Landhaussiedlung. Und es wurden Villen gebaut und Saarow zum Ausflugsziel der Herren und Damen aus der ganzen großen weiten Welt. Man lebte oder urlaubte in Bad Saarow. Und sie kamen alle. Von Kurt Tucholsky bis Winston Churchill.

Max Schmeling kaufte ein Wochenendhaus und heiratete am Ort Hitchcocks erste „blonde Mörderin“, die Anny Ondra. Und Egon Erwin Kisch besuchte den Maxim Gorki, der in seiner Holzvilla, Ulmenstraße 9, in Bad Saarow residierte, dort seine Meistererzählung „Die erste Liebe“ schrieb. Internationale Schachturniere fanden statt und Filme wurden gedreht. „Einmal werd‘ ich Dir gefallen“, sagte sich Paul Hörbiger und stand 1938 dafür und später auch aus purer „Liebelei und Liebe“ vor den Ufa-Kameras – in Bad Saarow. Dort, im märkischen Waldnest, Luftlinie 50,96 km von Berlin-City entfernt (mehr erfahren Sie unter: www. luftlinie.org/Bad-Saarow/Berlin), wird der „Pour le mérite“ verliehen – zumindest für die Kinoleinwände und das für einen letzten Ansturm auf die Lebensräume im Osten und überhaupt zu fanatisierende Publikum des Dritten Reiches. Denn das wird bald untergehen, so wie die Titanic – oder deren Modell, das am 21. September 1942 – allerdings sehr planmäßig – vor den Kameras der Ufa in den Wogen des Scharmützelsees versinkt. Aus dem ist dann die DEFA aufgestiegen, hat „Die Alleinseglerin“ über das Gewässer geschickt. Und als DEFA und DDR auch verschwunden waren, waren sie alle wieder da, die es sich gutsein lassen möchten und noch weit mehr: die es können – in der vornehmen Abgeschiedenheit märkischer Wälder und Seen.

Wer in Bad Saarow kauft, der hat es geschafft. Die Grundstückspreise in Seelage zu zahlen leistet sich, wer einen Namen trägt, der „in der Berliner Immobilienszene so bekannt [ist], wie die Gebäude der Familie in der ganzen Stadt. Ob das Europa-Center oder Teile des Ernst-Reuter-Platzes – alles in der Hand des Familienunternehmens.“ Das hatte einst Karl-Heinz P. gegründet. Und durch den Blätterwald des Berliner Boulevards säuselte es um das Jahr 2010: „Sein Erbe übernahm vor zehn Jahren Sohn Christian (heute 60). Er ist mit Petra (57) verheiratet. Aus der Ehe stammen Patrick (30) und Louisa (22). Der Sohn arbeitet seit zehn Jahren in der Unternehmensgruppe P., studierte daneben internationale Betriebswirtschaft und jobbte bei einem Immobilienfonds. Vor zwei Jahren machte ihn sein Vater zum Geschäftsführer im Familienunternehmen. Tochter Louisa lässt sich gerade zur Rechtsanwalts- und Notargehilfin ausbilden. Auch ihre berufliche Zukunft liegt in der Firma. P. beschäftigt derzeit 280 Mitarbeiter… Im vierten Stock des großen Büros am Ernst-Reuter-Platz … liegt Teppich aus. Ein kleiner Dackel flitzt darauf herum, winselt und wedelt zur Begrüßung mit dem Schwanz.“

Das tun der Köter und seinesgleichen hin und wieder auch am westlichen Seeufer des Scharmützelsees. Denn dort steht das „Haus mit den vier Säulen, das ehemalige Clubhaus des Golfvereins Scharmützelsee von 1930. Die Nazis wollten damals Golf als Volkssport etablieren.“ Und ein Blick in die Chronik des Kurortes verrät einiges mehr über das Domizil der emsigen Immobilienunternehmerfamilie: „Demnach bewohnte das Haus zunächst ein SA-Mann, bevor es nach dem Krieg dem VEB Reifenwerk Fürstenwalde als Clubhaus übertragen wurde. 1951 eröffnete hier Walter Ulbricht das Zentrale Pionierlager ‚Lilo Hermann‘. 1984 bis 1986 entstanden auf dem Grundstück auf der anderen Straßenseite drei jeweils dreistöckige Bettenhäuser und ein Speisesaal für 400 Jugendliche … Es gehört, wie das einstige Strandbad Neptun und der 25 Hektar große Golfplatz, der Familie. Die hatte dem Vernehmen nach in den fünfziger Jahren die zwar großen, aber in der DDR als vergleichsweise wertlos betrachteten Grundstücke gekauft. Nach der Wiedervereinigung 1990 stieg der Wert der Seegrundstücke um das Vielfache. Die Familie P. ließ sich das alte Clubhaus in ein repräsentatives Wohngebäude umbauen. Daneben wurden eine große Garage und ein Pferdestall errichtet.“ Toll.

Und hat sich inzwischen wer gefragt: Warum erzählt der das alles nur? Es waren Mord und Totschlagen schließlich doch versprochen. – – Nun möchten wir die bis hierher uns so geneigten Leserinnen und Leser (so viel Zeit soll sein) auch nicht mehr allzu lang auf die Folter spannen. Obgleich das auch mal Spaß gemacht hat. [Und in eigener Sache und unter uns gesagt: Was meinen Sie, wie gut es Ihnen hier geht beim Warten auf das lang Versprochene? Was meinen Sie, wie lang die Streckbank ist, die ich hinter die vermeintlich so unverbrüchlichen Mauern des monatlichen Textabgabetermins gestellt habe und auf die, den Verleger gelegt, er meinen Text dann doch erst kurz vor der Zerrissenheit zu Gesicht bekommt.]

Doch zurück zum eigentlichen Geschehen: Denn die Fährten sind bereits gelegt, das Interieur ist besorgt, die Kulissen stehen bereit, der erste Tatort ist unversehens abgeschritten. Ein wahrlich filmreifes Szenario kommt nun in Gang. Und das geht so: Ein Sommerabend im Jahre 2011. Der Ort: das Haus am See. Petra P. beendet den langen Tag einer Unternehmergattin. Die Hunde müssen ins Freie. Petra P. macht das immer so zu dieser Stunde. Es ist Montagabend, 22:00 ist vorbei. Der Mann, Christian, reist in den Staaten umher. Die Tochter, Louise (an den Wochenenden kümmert sie sich um die familieneigenen Pferde) und Patrick, der Sohn, sind in Berlin-Dahlem, einem anderen Wohnsitz der Familie. Die Frau ahnt noch nichts Böses, als Schäferhund und Russell Terrier und der unvermeidliche Dackel durch die große Tür in den Garten stürzen, die Dame schlendernd hinterdrein. „Er lief wie ein Boxer, kam mir tänzelnd entgegen“, wird sie sich später erinnern. Ein „regelrechtes Stakkato“ ungeheurer Schläge fahren auf sie herab. Petra P. schreit, versucht ins Haus zu gelangen. Die Köter kleffen – aber beißen nicht. Eine „sehr fein gewebte Sturmhaube“ verdeckt des Angreifers Gesicht. Aber seine Augen kann sie sehen. „So viel Hass“ war darin. „Als er mich ansprang … war mir klar, der bringt mich um.“ Rücklings schlägt sie in einen Rhododendronbusch. Der Maskenmann drückt seine Hände auf ihr Gesicht. Lederhandschuhe. Den Geruch dieses Augenblicks wird sie nie vergessen. – –

„Die Ärzte haben mir gratuliert, dass ich überlebt habe“, wird sie erzählen. Zwei Wochen lag sie auf der Intensivstation. Die Polizei rätselt. Die Familie beauftragt einen privaten Wachschutz, für Sicherheit des Hauses und seiner Bewohner zu sorgen. Der Plan misslingt …

Doch davon mehr in Bälde auf diesem Theater.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“