Marcel Piethe

„Ich habe gedacht, ich werde augenblicklich hingerichtet“, wird sich Louisa später erinnern. Erinnern an den Moment, bevor des knallte. Der erste Schuss. Ein zweiter folgt. Da versucht sie bereits, um ihr Leben zu laufen. Einen schweren Druck im Oberarm registriert sie nur wie nebenbei. Ihr Begleiter ist da bereits zusammengesackt. Eine dritte Detonation. Sand spritzt vor ihr auf.

Der Angreifer stand auf einer kleinen Anhöhe, sieben, acht Meter von ihnen entfernt. Wo kam der her? Es war Sonntagmorgen. Der 2. Oktober 2011. Es ist 20 Minuten nach Sieben. Louisa ist unterwegs auf der dem Landhaus ihrer Eltern nahegelegenen Koppel. Ihr Begleiter, massig, groß, Tätowierungen an Armen, Hals und Beinen, ein Bodyguard. Den hat die Familie Pepper engagiert; eine ganze Firma, zum Schutz von Leib und Leben – und vor dem Maskenmann.

Doch nun wird – wie Wochen zuvor ihre Mutter – auch Louisa Opfer. „Das war definitiv nicht jemand, der noch nie geschossen hat“, sagt Thorsten, das Security-Schwergewicht, auf dem Krankenbett aus. An das wird er Wochen gebunden bleiben und sich eigentlich nie wieder richtig davon erheben. Denn eine Kugel hat seinen Oberköper durchschlagen, die Lunge und die Leber – und schlimmer noch: die Wirbelsäule getroffen. Ab dem 12. Brustwirbel ist der Hüne querschnittsgelähmt.

Der Mann, der ihn niedergestreckt hat, „wusste genau, was er wollte“. Tarnanzug, Schnürstiefel, helmartige Kopfbedeckung, darüber eine Art Gaze gespannt. „Er hätte mir auch auf die Beine schießen können, um mich außer Gefecht zu setzen.“ Doch er tut es nicht. Er will die Macht und er hat sie – Macht über Leben und Tod, für einen Augenblick. Und dann ist er wieder verschwunden, der Maskenmann in Bad Saarow.

Die Behörde reagiert nun. Eine Soko, eine Sonderkommission, wird gebildet. Die nennen sie „Imker“. Mit Maschinenpistolen bewehrte Cops patrouillieren jetzt vor den Villen der Unternehmerfamilie in Saarow und in Dahlem, auch vor dem Firmensitz am Ernst-Reuter-Platz sind sie postiert. Ein Motiv möchten weder Familie noch Ermittlungsbehörde erkennen. Die Medien stürzen sich auf den Fall und die Betroffenen. „WER HAT ES AUF DEN BAULÖWEN ABGESEHEN?“ wird gefragt. Vermutungen schießen ins Kraut. „Thorsten H. hat nach BILD-Informationen Verbindungen zum Türsteher- und Rockermilieu und soll der Vereinigung ‚Brotherhood Kurmark‘ angehören.“ Der Fall wird Thema in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Die unter Polizeischutz stehende Familie setzt 50.000 Euro als Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen. Im brandenburgischen Regionalfernsehen fahndet die Fernsehgemeinde bei „Täter – Opfer – Polizei“ nach dem Maskenmann. Alles nichts. Und der Maskenmann bleibt verschwunden.

Stefan T. hat es geschafft. So sagt man wohl, wenn einer sich offensichtlich keine Gedanken mehr darob machen muss, womit er seine Brötchen übermorgen bezahlen wird. „Ich bin einfach ein glücklicher Mensch.“ Und Vorstandsmitglied einer von ihm selbst gegründeten Kapitalgesellschaft. Die wirbt Geld ein zum Kauf von Unternehmen, die entwickelt, auch abgewickelt und jedenfalls profitabel verkauft werden können. In seine wohlige Kaminecke geflätzt, die Indianer-Jones-DVD im Player, das unvermeidliche Glas Rotwein auf dem Tisch genießt Stefan T. diesen Freitagabend auf der Hubertushöhe am Großen Storkower See. Bis er da ist. Der Maskenmann. 5. Oktober 2012. Plötzlich steht er im Zimmer. Es ist gegen 21:30 Uhr. Die Dame des Hauses, Sabine, hat gerade den Hausköter über die Terrassentür in die Abendfrische entlassen und Sohn Ricardo, zehn Jahre alt, weilt auch noch unter den Anwesenden. „Es geht um Geld“, soll der Mann, der dort so unvermittelt im Raume steht, gesagt haben, auf des Hausherren Frage nach dem Begehr. Der Kurzredner trägt dunkel, Helm oder Mütze, davor ein imkerartiges Netz gespannt. Dem engagierten Investmentbanker ist das der Frechheit zu viel. Er schleudert dem Spitzbuben die Pulle Wein entgegen. Der wiederum ist spaßfrei, was solches Gehabe angeht – und ballert los. Stefan beugt sich der Gewalt. „Zielorientiert, souverän“, so wird er später – nicht sich selbst, sondern den Angreifer beschreiben. Der lässt sein Opfer mit Unterstützung von dessen Familie reisegerecht verpacken. Praktischerweise hat der Stefan T. die Straßenschuhe bereits an. Der „Papa war ganz ruhig“, als man ihm die Hände mit Paketband verschnürt, Augen und Mund kidnappinggerecht staffiert und aus dem Haus bringt, sagt später Ricardo aus. „Keine Polizei, sonst schieß ich deinen Mann zum Krüppel“, lautet der Abschiedsgruß des ungebetenen Gastes. Dann nehmen Täter und Opfer ihren Weg. Es geht hinunter zum See, zu einem kleinen Bootssteg.

Was nun folgt, gab es bisher in keinem Russenfilm. Die beiden Reisenden steigen ins herbstlich kühle Nass. Das sind so um die 14 Grad Celsius. Aufgefordert zu warten, verharrt Stefan T. minutenlang in den Fluten, während sich der Maskenmann entfernt. Der kommt irgendwann mit einem Boot zurück. Am Heck des Kanus soll sich Stefan T. mit einer Schlinge um die Brust befestigen und halten. Etwa eine Stunde lang zieht der Reiseleiter seinen Gast hinter sich her durch den Großen Storkower See. Weil Stefan T. keine Paddelgeräusche vernimmt, konstatiert er: „Ganz sauberer Paddelstil“. Am anderen Ufer wechselt der Entführer das Boot. In und an einem rot-gelben Kajak – die Platzverteilung wird vom ersten Reiseabschnitt übernommen – geht es weiter, bis die Gesellschaft strandet. Durch einen „mangrovenartigen Sumpf“ waten von da ab die beiden auf Kommando des Maskenmannes.

In seiner späteren Vernehmung wird Stefan T. einschätzen, man habe, bei abnehmenden Mond und lockerer Bewölkung, acht bis zehn Meter sehen können. Sehen konnte er, der aufmerksame und nervenstarke und klebebandverpackte Zeitgenosse, es vorerst nicht, das Reiseziel: zwei kleine Inseln, Miniinseln, dem Ufer keine 15 Meter vorgelagert, dicht beieinander, nahe der Einmündung des Storkower Kanals in den großen See. Hier hat der Maskenmann ein Lager errichtet, Plastikplanen ausgebreitet, Wechselkleidung für Stefan T. bereitgelegt und auch neues Verpackungsmaterial für seinen Gast parat. Nach der Neueinkleidung wird der erneut gefesselt und in Folien eingewickelt, Mund verklebt, Stöpsel in die Ohren. Vorher führt der Maskenmann ein relativ ausführliches Interview mit seinem Gast: „Was verdienst Du?“ „14.000 Euro netto monatlich“. „Wie viel Vermögen hast Du?“ „Eine Million Euro ohne Häuser“. Damit ist vorerst alles gesagt. Gute Nacht.

Nicht lange und die Polizei ermittelt mit Hochdruck. Und die Beamten haben auch schon bald eine heiße Spur – und diese Spurt führt uns zu Pittiplatsch … Aber davon und noch etwas mehr erzählen wir beim nächsten Mal.

 


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“