Werner Gladow und seine Bande

Es ist ein Stoff, über den man Moritaten und Balladen dichten könnte – wenn das deutsche Volk, und besonders das heutzutage, in dieser Disziplin nicht so lasch wäre. Es gibt einen Film über ihn von Thomas Brasch mit dem Titel „Engel aus Eisen“ von 1981, es gab eine TV-Dokumentation, und es gibt auch Theaterprojekte; aber eine richtige Legende wurde er nicht.

Wenn man Werner Gladows Geschichte liest, dann denkt man nicht nur an Al Capone, den er selbst als Vorbild nannte, an Gestalten wie Zahnstocher- Charlie, Gamaschen-Colombo und die „Freunde der italienischen Oper“, sondern auch an Ganoven wie den irischen Willie Brennan („Brennan on the moor“), Michael Collins und seine „zwölf Apostel“ in der Anfangsphase der IRA oder an die rote Zora. Von all denen hatte Gladow etwas: von der roten Zora die Jugend, von Willie Brennan den Rückhalt in der Bevölkerung und von Mick Collins und Al Capone die – nun ja – Professionalität: Waffen, Bandenorganisation, Dresscode. Denn harmlos waren sie nicht, die Jungs aus Gladows Gang – am Ende kam man auf 352 Straftaten, von denen 22 bei der Hauptverhandlung drankommen, darunter zwei Morde und 15 Mordversuche sowie diverse Raubüberfälle mit Waffengewalt. Und dennoch hörte man danach: „Von wejen jefährlich, die Gladow-Bande. Also dit warn janz liebe Jungs!

Sie wollten aus dem Nachkriegsberlin das neue Chikago machen, und es ist ihnen auch gelungen – knapp ein Jahr lang. Dann wurden sie gekitscht. Ein Komplize, den man bei einem Soloauftritt fasste, hatte in Moabit gesungen, und dann ging alles ganz schnell. Zum Prozess im Frühjahr 1950 gab es einen Riesenandrang von Schaulustigen, wie der SPIEGEL damals berichtete, und dort sind auch diese Fotos entstanden: Werner Gladow, grinsend wie ein feixender Lausbub, mit fetzig zu Berge stehenden Haaren, Jackett und – Handschellen. Und auf einem anderen Bild mit grimmigen Polizisten zu beiden Seiten, aber in Gladows Gesicht kein Ärger, keine Wut, keine Angst, sondern Grinsen und wacher Blick. So als luchse er schon nach einem Fluchtweg, so als wolle er sagen: „Na warte, Polente. Ich büx euch doch noch aus!“ Dazu kam es dann leider nicht mehr. Am 10. Dezember 1950 wurde Gladow – 19-jährig – geköpft.

Begonnen hatte die Sause 1947. Da traf Gladow, als er wegen einiger Finten vier Monate Jugendknast in der Plötze absitzen musste, auf den gleichaltrigen Werner Papke, der gerade zwei Jahre auf Trebe gewesen war und sich dort einige Langfingertricks angeeignet hatte. Man freundete sich an, und zusammen machten sie das, was in den ersten Nachkriegszeiten jeder machte: Schwarzhandel, bisschen Nepp, bisschen Hamsterei, bisschen von der Firma Klemmzig & Lange (Ganovenjargon: klauen). „Legal“ und „illegal“ waren damals, nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches und damit dem Zusammenbruch jeglicher Autorität, ohnehin schwammige, in Auflösung befindliche Begriffe – wenn das, was Hitler gemacht hatte, „legal“ gewesen sein soll und das bisschen Hamstern „illegal“, dann, verdammt nochmal, konnte man daraus doch folgern: Krepieren ist legal, leben ist illegal! Zwischen den Trümmern und Ruinen erwachte die „kriminelle“ Energie der Menschen, einfach weil sie am Leben bleiben wollten. Hilf dir selber, sonst hilft dir keener! Und wennste bissken helle bist, vastehste auch wie.

Und Gladow war helle. Auf dem „Poprä“, dem Polizeipräsidium am Alex, war er schon bekannt, genauso bei den Schiebern und Hehlern. Ein Zitat von Paul Auster kommt mir in den Sinn: „Mir ist ein gerissener Schurke jederzeit lieber als ein frommer Trottel.“ Heute würde Gladow wohl als „Problemkid“ ein Fall für die Supernanny sein – damals hieß es: „Der is richtich, der Bengel. Der is gewieft!

Obwohl sie längst mehr als die üblichen Spitzbübereien anstellten. Nachdem Papke aus einem Fotogeschäft eine Kamera gefischt hatte und Gladow das dazugehörige Stativ, sagte Gladow: „Wir werden eine echte Gang aufziehen, von der einmal ganz Berlin sprechen soll.“ Die Gangstermafia von Chikago zur Zeit der Prohibition war das Vorbild. Man legte sich einen Dresscode zu, schwarze Maßanzüge und weiße Krawatten, und holte sich Verstärkung aus allen Besatzungszonen Berlins, Schlosser und Automechaniker, Berufsverbrecher und talentierte Gelegenheitsarbeiter. Als Tippgeber engagierte man Gustav Völpel, einen Scharfrichter- Gehilfen an der Plötze, der nebenberuflich noch so einige Dinger drehte und als „Opfer des Faschismus“ in einer gesponserten Wohnung in Gladows Nachbarschaft im Friedrichshainer Samariterkiez lebte. Völpel kassierte für seine Tipps ein paar Prozente Provision von der Sore, half auch bei der Umwandlung der Beute in Geld und war als Schmieresteher tätig. Der enge Kreis der Bande bestand bald aus etwa zehn Mitgliedern, doch insgesamt waren es viel mehr – manche Quellen sprechen von 50, manche von 100 Mitgliedern und Zuträgern, Sympathisanten nicht mitgerechnet. Man beschaffte sich Knarren, indem man die patrouillierenden Vopos an der Sektorengrenze übertölpelte und ihnen die Waffen abnahm. Man überfiel Juweliere und Gaststätten, erpresste Fleischer und verübte Einbrüche, wo man einen Haufen Geld vermutete. Kurz nach der Währungsreform wird ein Rummelkassierer überfallen und seines Geldsackls beraubt – Beute: etwa 2000 Westmark.

Die Jungs bedienten sich dabei vortrefflich des Ost- West-Konfliktes und hüpften gerissen zwischen den Sektorengrenzen umher, wohl wissend, wo die Zuständigkeit der Vopo aufhörte und die der Westpolizei anfing. Ironisch ist auch, dass Gladows Vater selbst Polizist war.

Als am 12. Mai 1949 die Berliner Blockade aufgehoben wird, beteiligt sich auch die Westpolente wieder an der Suche. Zu diesem Zeitpunkt machte Völpel in Moabit bereits Lampen, und auch anderswo war die Kacke am Dampfen. Am 11. Mai hatte die Gang Unter den Linden einen Wagen „besorgen“ wollen und dabei dessen Chauffeur erschossen, weil der sich zu fahren weigerte. Man schredderte mit der Kiste nach Köpenick runter und wollte sie dort in einer Waldschonung parken, doch sie blieb im Sand des Müggelsees stecken und war so leichte Beute für die Spurensicherung der Polizei.

Am 3. Juni schließlich stürmte die Polizei Gladows Elternhaus in der Schreinerstraße 52. Die Mutter versuchte ihren Sohn noch mit dem vereinbarten Coderuf „Kriposchweine!“ zu warnen, doch es war kein Entkommen. Es wird berichtet, dass Gladow geschlafen hatte und dass ihm seine Mutter dann in die Hose half, damit er beidhändig schießen konnte. Er versuchte noch, mit Knarre über die Dächer abzuhauen, doch es sollte nicht sein.

Am Ende wurde er, obwohl ihm laut einem Gutachten „mangelnde Reife“ bescheinigt wurde und man dafür plädierte, die Todes- in eine Haftstrafe umzuwandeln, „zur Abschreckung“ geköpft, drei weitere mit ihm. Sein langjähriger Komplize Werner Papke bekam wegen Minderjährigkeit 15 Jahre Haft aufgebrummt; später wurde er Boxtrainer. Völpel starb 1959 – und der Rest sitzt wohl noch irgendwo im Dunst der Schreinerstraße rum und erzählt sich Anekdoten von damals, als Berlin Chikago war.


Ni Gudix

Ein Beitrag von Ni Gudix

Sie ist Literaturübersetzerin, Schriftstellerin, Historikerin, Theaterautorin und Illustratorin. Ihre Hauptantriebsquellen sind Phantasie und Freude an der Arbeit. "Objektive Qualität" gibt es nicht, weil Qualität an sich eine Kategorie ist, die aus der Seele kommt: BeGEISTerung.