Marcel Piethe

Tragödie auf Schloss Kleppelsdorf. Es ist angerichtet: Das Entree leichtverdaulich kommt noch als Daily Soup daher. Ein Doppelmord; Milieu: Rittergutsbesitzer, Welt der schnellen Autos, der schnellen Abenteuer und der schnellen Bankrotte: der Handlungsort: ein Schloss jwd. Der Hauptgang ist dann etwas für den Kenner: Beigeschmack antike Tragödie. Der Abgang: bittere Groteske.

Entree: Schloss Kleppelsdorf liegt an der Bober, in der Nähe des Städtchens Lähn, siebzehn Kilometer nordwestlich von Hirschberg – das ist heute nur noch Jelenia Gora. Das Schloss, es liegt in der schlesischen Landschaft, die Sommer sind damals noch heiß und staubig, die Winter noch kalt und voll Schnee. Die Menschen in dieser Gegend sind einsam, aber sie haben alle Tugenden der Einsamkeit entwickelt: Gastfreundschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl, einen guten Selbsterhaltungstrieb; ein kräftiger Menschenschlag, geistig rege und arbeitsam. Dorthin verschlagen hat es Wilhelm Rohrbeck. Der kam aus dem brandenburgischen Landstrich Teltow, aus Tempelhof. Familie: Bauernschaft. In den Nach-1870-er Jahren, als Berlin sich zur Metropole ins märkische Land auswuchs, war er – nicht mehr Bauer, nunmehr ausgesprochener Terrainspekulant – reich geworden. Rohrbeck gewann enorme Summen und legte sie in Rittergütern an. Dass seine Frau bei der Geburt ihrer Tochter, Dorothea, im Jahr 1905 verstarb und er, Rohrbeck, im ersten Kriegsjahr 1914 das Zeitliche segnen musste, machte seine Tochter zur Waise – und millionenschweren Erbin und Rittergutsbesitzerin.

Das bewahrte die junge Dame nicht vor dem grausigen Schicksal, zur Mittagszeit des 14. Februar 1921 nebst ihrer 12-jährigen Cousine Ursula im Gartenzimmer des ritterlichen Anwesens gemeuchelt, von zwei Revolverschüssen niedergemetzelt, aufgefunden zu werden. Das Auffinden übernahm eine Magd. Deren Auftrag bestand darin, die jungen Fräulein zum Mittagstisch zu bitten. Dort warteten der beiden Mädchen gemeinsame Großmutter, Augusta Eckardt, Bankierswitwe, Ursulas jüngere Schwester Irma – und der Stiefvater von Ursula und Irma, Peter Grupen.

Dieser nannte sich selbst von Berufswegen einen Architekten, war vormals ein Maurerpolier, hatte sich nach oben gelernt und gearbeitet, gut geheiratet – nämlich die 13 Jahre ältere Mutter von Ursula und Irma, und noch besser hatte er spekuliert, als der Krieg ihm seinen Arm genommen und er daheim die vakanten Aufgabenfelder der Frontkameraden vielfältig auszufüllen verstand.

(Noch) Weltkriegszeit. Kästner: Wir haben die Frauen zu Bett gebracht, / Als die Männer in Frankreich standen. / Wir hatten uns das viel schöner gedacht. / Wir waren nur Konfirmanden. 

Exposition: „Die Mädchen sind tot“ – ein berstender Schrei vom Gartenzimmer. Stiefvater Grupen stürzt herbei. Er findet die Schwippnichte entseelt, sein Mündel atmet noch. „Sprich doch! Wer hat es getan? Man wird es mir in die Schuhe schieben!“, sagt er. Doch Ursel haucht ihr Leben aus.

Ohne Verzug kommen die Kriminaler ins Haus.  Die finden bei den toten Mädchen einen Revolver. Und in der Blutlache unter Ursel eine Tasche mit Patronen – und einen Brief: „An Großmutti! Ich habe zuerst Dörte und dann mich erschossen. Jetzt wirst Du mit Dörte keine Sorge mehr haben. Deine traurige Ursel.“

Eingetroffen sind Landgerichtsdirektor und Kreismedizinalrat. Die Lage der Waffe, die offensichtlichen Schussrichtungen und der nicht ganz unwesentliche Umstand, dass der Revolver, merkwürdigerweise gesichert, vor ihnen liegt, lassen die Kommission zum Schluss kommen: Hier ist was faul. Wenig später wird Peter Grupen verhaftet.

So weit, so gut – befand man zwischen Berlin und New York. Und das in Wortes Sinn. Denn was sich im Februar des Jahres 1921 auf Schloss Kleppelsdorf ereignet hat, nahm, wie ein Lauffeuer, seinen Weg um die Welt. Es war ein formidables Fressen der Sensationslust. Die Gazetten in Berlin schäumten geradezu über mit Berichten. In der Ausgabe vom 24. Februar berichtet der Berliner Korrespondent der New York Times seinen Lesern im fernen Amerika. Und die Sumatra Post – Erscheinungsort: Medan, anno dazumal Niederländisch-Indien, heute Millionen- und Hauptstadt der indonesischen Provinz Sumatra Utara – hält Sonderberichterstattung. Und in seinem Diarium notiert seinerzeit der Dichter Gerhart Hauptmann die Umstände zum nun anstehenden Prozess wider den vermeintlichen Sittlichkeitsmörder Peter Grupen. (Dabei war Hauptmann nahe dran am Geschehen: Justizrat Dr. Bruno Ablaß, einer der Verteidiger des Angeklagten Grupen, war als Rechtsanwalt auch für Hauptmann tätig.)

 

Und der Prozess fördert Merkwürdiges zutage…

 

Peripetie: Im Dezember 1921 beginnt in Hirschberg der Gerichtsprozess, der Deutschland in Atem halten soll. Peter Grupen hat die Tat nicht gestanden. Im Gegenteil von der ersten bis zur letzten Stunde hat er auf das Heftigste bestritten, die Mädchen ermordet zu haben.

Es handelt sich um einen reinen Indizienprozess, der „an einem sonnenhellen, aber bitterkalten Wintertag“, wie der Der Bote aus dem Riesengebirge berichtet, die Zuschauer in Scharen durch den tiefen Schnee zum Gerichtsgebäude stapfen lässt. Die Geschworenenbank ist mit zwölf Geschworenen, nahezu allesamt Honoratioren – vom Großgrundbesitzer bis zum Bankdirektor – besetzt.

Sie haben zu befinden über die Echtheit von Briefen und die Möglichkeiten der Hypnose. Denn dieser oder einer anderen Form der Suggestion soll sich der Angeklagte bedient haben, als er sich alle und alles gefügig gemacht, was seinen dunklen Trieben zu Willen sollte sein. Und der Prozess fördert Merkwürdiges zutage.

Da ist Gupens Gattin, Tochter der Bankierswitwe Eckardt, Irmas und Ursels Mutter. Die ist wenige Monate vor der Bluttat durchgebrannt, mit einem Lover nach Amerika. Doch ein Lebenszeichen von dort gibt es bisher keines. Vorher hat sie noch schnell alles verfügbare Kapital dem Gatten vermacht und sich ordentlich in einem Brief (sic!) verabschiedet. So behauptet Grupen. Und er weist ein Schreiben vor. Seine Schwiegermutter unterstützt die Aussage. Zu ihr, der 75-Jährigen, hat der siebenundzwanzigjährige Grupen eine ganz aparte Beziehung, wie es scheint. Am Vorabend des Mordes im Kleppelsdorf haben sie miteinander im Salon des Ritterguts zur Grammophonmusik engumschlungen getanzt – was die Greisin feiert: „Peter ist ein großartiger Tänzer.“

Aber Grupen beschränkt sich nicht auf die reiferen Damen. Seine Verhältnisse sind Dutzend, glaubt man den Zeugen. Was der Oberstaatsanwalt offensichtlich tut und was ihn zu der Aussage veranlasst, Grupens „sexueller Appetit“ sei „unersättlich“.

 

Die Gazetten in Berlin schäumten geradezu über.

 

Dafür spricht die Annäherung auch an das 16-jährige Fräulein Dorothea, Rittergutsbesitzerin. Der soll er heftige Avancen gemacht haben. Ihre Antwort: „Du bist mir widerlich.“ Eine Zeugin: „Aber sie hat Grupen gehasst. Sie wußte, daß er ihr nachstellte, um sie zu heiraten; schließlich besaß sie Millionen.“

Doch es kommt noch dicker für den Angeklagten. Bei der Obduktion der Kinderleiche der kleinen Ursel stellt sich heraus, daß die Zwölfjährige an einer Geschlechtskrankheit litt – an der gleichen Geschlechtskrankheit, die ihren Stiefvater befallen hatte. War Ursulas Geschlechtstrieb künstlich vor der Zeit durch den Angeklagten geweckt worden?  „Für den häufigen Zusammenhang von Wollust und Grausamkeit, der sich nicht nur im Sadismus äußert, ist immerhin dieser Vorfall nicht ganz ohne Interesse.“

„Kindertragödien“ – überall in Deutschland, Modewort der Zeit, es hat Konjunktur – Morde, von Kindern begangen, Selbstmorde von Kindern – und immer auch Sex.

Retardierendes Moment: Die Gutachterschlacht elektrisiert das Publikum. Aus der Reichshauptstadt kommt in die Provinz die erste Garde der Prozessgutachter. Professor Dr. Schneidemühl, Schriftsachverständiger, bekundet die Echtheit der Abschiedsbriefe der entschwundenen Gattin und auch des toten Kindes. „Nur ein Fälscher von unglaublichem Genie hätte beide Schriften mit solch täuschender Präzision nachahmen können.“ Der Angeklagte kann sich beinahe als freier Mann wähnen. Doch halt.

Die vorgeladenen Medizinalräte sind sich sicher, dass für die tödlichen Schüsse auf die Mädchen „die Mitwirkung einer fremden Hand für erwiesen angesehen werden muß“.

Die Waage neigt sich wieder auf die andere Seite. Und sie kippt endgültig zu Ungunsten des Angeklagten, als Prof. Dr. Moll – hoch gewachsen, hager, mit einem Kranz weißer Haare um den kahlen Kopf, ein asketisches Gelehrtengesicht mit einer Adlernase und schmalen Lippen – vor die Schranken des Gerichts tritt, seines Zeichens der damals größte deutsche Sachverständige auf dem Gebiet der Hypnose.

Sein Auftritt gleicht der ersten Szene jener großen Darsteller, von denen man auf der Bühne viel gesprochen hat, noch ehe sie diese betreten. Der Herr mit Ruf wie Donnerhall schert sich keinen Deut um die Gerichtsprozedur. Er lässt sich vom Vorsitzenden nur selten unterbrechen. Er hat nicht nur eine Meinung. Er hat ein Urteil, sein Urteil gefällt. „Über Hypnose bestehen vielfach ganz konfuse Anschauungen“, erklärt der Professor, als spräche er zu seinen Hochschulhörern. Die Frage, ob Frau Grupen, ob die kleine Ursula von Grupen „hypnotisiert“ worden seien, ist ohne Bedeutung. „Es gibt Menschen, deren Suggestivkraft viel größer ist als die jedes Hypnotiseurs.“ Für ihn stehe außer Fragen, „daß es einem Mann gelingt, seine Frau und zugleich seine Schwiegermutter in gleicher Weise sich zu ‚unterwerfen‘, so ist die Fähigkeit Grupens, sich gleichzeitig einen ganzen Harem von Frauen gefügig zu machen, noch weit ungewöhnlicher.“ „Sprechen Sie von der sexuellen Hörigkeit dieser Frauen?“, wirft der Vorsitzende ein. „Sexuelle Hörigkeit“, erklärt er, „kann sich stärker auswirken als die vollendetste Hypnose. Sowohl Frau Grupen als auch seine kleine Stieftochter Ursula waren dem Angeklagten zweifellos hörig.“ Das sitzt.

„Der Abschiedsbrief, den Ursula geschrieben hat, ist kein Abschiedsbrief, wie ihn ein Kind, das wir aus den Aussagen kennen, aus freien Stücken schreibt. Dieser Brief wurde dem Mädchen ebenso von Grupen diktiert, wie er seiner Frau vor deren angeblichen ‚Flucht‘ ihren Brief diktiert hat.“ Prof. Moll hat sein Urteil gefällt.

Das Gericht auch. Und es folgt dem angesehenen Gutachter. Peter Grupen wird zum Tode verurteilt.

Doch am 24. Februar 1922 titelt die Abendausgabe der Vossischen Zeitung in Berlin: „Peter Grupen entflohen“. Als „die auswärts wohnenden Gefängnisbeamten“ ihren Dienst antreten wollten, fanden sie die Gefängnistür offen. „Auf einem Zettel… entschuldigte sich Grupen in höflichem Ton, daß er [seinem Wärter] Schlafpulver gegeben habe.“ Mit einem Zellengenossen habe der einarmige Mörder sich an einem Strohseil über die Mauern des Kerkers herabgelassen.

Nur weniger Tage darauf kehrt der Delinquent in den Gewahrsam zurück, da er nur ausgebrochen sei, um zu beweisen, dass er aus eigener Kraft seine Freiheit zu erlangen vermochte, und zurückgekehrt sei, um seine Unschuld darzutun. Was nutzt das? Wer glaubt ihm?

Am 3. März 1922 meldet die Abendausgabe der „Hamburger Nachrichten“: Grupen hat „sich mit seinem Hosenträger an der Zentralheizung seiner Zelle erhängt. Alle Wiederbelebungsversuche, die sofort angestellt wurden, waren vergeblich.“

Nachsatz zur Vervollständigung: In der Stunde, als Dorothea Rohstock zu Grabe getragen wird, entleibt sich im fernen Hannover ihr Vetter Anton Pingel mittels einer Revolverladung.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“