Zur Herkunft einer Redewendung

Da macht einer blau! Vor dem Hintergrund der aktuellen Arbeitsmarktsituation bekommt das Thema für manchen besondere Brisanz. Doch woher kommt der Ausdruck – und hat er tatsächlich mit Alkohol zu tun? Wissenschaftlich fundierte Antworten gibt es nicht. Die „schönste“ Erklärungsvariante ist tief in unserer Geschichte verankert und hat etwas mit „blau machen“ im wahrsten Sinne des Wortes zu tun. Immer schon hat der Mensch mit zwei Gruppen von Farbmitteln
gearbeitet: Auf der einen Seite die Pigmente: Das sind meist geriebene Erden; also ein farbechtes Pulver, das mit einem Bindemittel auf dem Untergrund fixiert
wird. Und auf der anderen Seite sind es Tinten, lösliche Farbstoffe, die in einen Untergrund,eindringen. Während das Zerreiben von bunten Erden einfach ist
– man denke an den Ziegelstein,mit dem Kinder auf der Straße erste Malversucheunternehmen – erfordert das Einfärbenvon Leder und Textilien mit Tinten viel Erfahrung.Der licht- und waschbeständige Indigo wurde seitden Anfängen der Hochkulturen zum Blaufärbengenutzt. Gewonnen wird er aus Indigofera-Arten(hauptsächlich in Indien angebaut) und aus unseremheimischen Indigo-Lieferanten, dem Färberwaid(Isatis tinctoria). Schon 1500 Jahren v. Chr.wurden Mumienbinden mit Indigo gefärbt.In Britannien standen Julius Caesar Krieger gegenüber,die als „picti“ (bemalte Männer) bezeichnetwurden,weil sie sich zuvor mit Waid besprenkelthatten. Diese Tradition können wir im Film „Braveheart“mit Mel Gibson wiederfinden.Fast zeitgleich begann mit dem 13. Jahrhundertdie Hochzeit der Färberei mit demKreuzblütengewächs (Brassicaceae) Färberwaid. Deutschlands größtes Anbaugebiet von hochwertigstem Waid war einst in Thüringen – wegen des kalkreichen Bodens. Es gab strenge Auflagen. So war es den Bauern verboten, selbst zu färben. Die Rohstoffe durften nur in den vorgesehenen Städten eingesetzt werden, die zudem das Handelsrecht inne hatten. Die Region wurde reich, Erfurt zur Universitätsstadt. Das Erfurter Gold wuchs auf den Feldern der Gegend und wurde von Saisonarbeitern geerntet. Ihre Aufgabe war es, die ellenlangen haarigen Grundblätter zu pflücken, zu waschen und zum Welken auszulegen. Um den Waid zu einer breiartigen Masse zu verarbeiten, kam die Waidmühle zum Einsatz: ein aufrecht stehendes Laufrad von anderthalb Metern Durchmesser, das von Pferden im Kreis gezogenen wurde. Anschließend wurde der Brei zu faustgroßen Bällen geformt und von den Bauern an die Waidhändler verkauft. In Waidhäusern wurde das Halbprodukt gelagert, bis Waidknechte eine taubenmistartige Substanz herstellten, indem sie die inzwischen knochenharten trockenen Waidbälle mit Hämmern zerschlugen. Aufgehäuft und mit Wasser übergossen, stellte sich ein Gärungs- und Fermentationsprozess mit einer enormen Dampf- und Hitzeentwicklung ein, der sich wochenlang hinzog. Nur erfahrene Arbeiter konnten diese Tätigkeit ausführen. Ziel war ein hohes Färbevermögen des Produktes in den Fässern, die an die Färber verkauft wurden. Um die Qualität der Ware zu prüfen, strichen die Färber den Brei auf weiße Flächen. Es wurde gefeilscht, gehandelt und dann wurde die Ware in die Färbergassen gebracht. Hier hütetenGenerationen von Färbern die vielfältigen Rezepturen wie große Geheimnisse. Hier nun ein paar Grundlagen der Geheimniskrämerei: Man unterscheidet die Naturfarbstoffe in Beizfarbstoffe und Küpenfarbstoffen. Beizfarbstoffe halten in der Regel nicht dauerhaft auf Textilien und waschen aus. Um ein Textil dauerhaft mit ihnen zu färben, bedarf es einer Fixierung durch eine Beize, z. B. Alaun. Die Beize bildet mit den Farbstoffen einen unlöslichen Farblack. Bei baubiologischen oder restauratorischen Arbeiten, die meist mit Naturprodukten erfolgen, wird noch heute gerne Alaun genutzt, beispielsweise um einen Kalkputz zu neutralisieren und/oder als günstiges Grundiermittel für mineralische Untergründe. Ein fixierter Beizfarbstoff ist z.B. der scharlachrote Kermes. Dieser als Scharlachrot bezeichnete Farbton, der aus der getrockneten, trächtigen weiblichen Schildlaus gewonnen wird, ist sogar noch eine Lebensmittelfarbe unserer Zeit. Die andere Gruppe der Naturfarbstoffe sind die Küpenfarbstoffe. Ihr wichtigster Vertreter ist der Indigo. Die Küpenfarbstoffe haben die Eigenschaft, dass sie nicht wasserlöslich sind. Zum Aufbringen mussten sie wasserlöslich gemacht werden. Dies geschieht mittels einer alkalischen Lösung und einem Reduktionsmittel. Dieses Gemisch wird als Küpe bezeichnet. Chemisch einfach dargestellt, hat das Reduktionsmittel in Verbindung mit dem Alkali dem Farbstoff-Vorprodukt (in diesem Fall dem mühsam vorbereiteten Färberwaid) den Sauerstoff entzogen. Nun wird der entstandene Indigo gelöst und kann somit von der Textilfaser angenommen werden. Die Farbe der Indigo-Küpe ist gelb. Und Gelb ist der gefärbte Stoff, wenn er wieder herausgezogen wird. Beim Trocknen wird das zuvor abgegebene Sauerstoffatom aus der Luft wieder aufgenommen und der Farbstoff trocknet wasserunlöslich aus und die Farbe schlägt von Gelb über Grün nach Blau um. Klar dass alle, die ein solches Schauspiel miterleben dürfen, hierbei von einem „blauen Wunder“ sprechen: „Du wirst dein blaues Wunder erleben!“ Eine andere Art jemandem mit Gewalt zu drohen, ist der Ausdruck, dass man ihn „grün und blau schlägt“. Die Herkunft dieser Redewendung: Beim Schlagen mit einem Stock auf das zu trocknende Färbegut wurde die Oxidation und damit die Sauerstoffaufnahme beschleunigt, sodass man den Stoff grün und blau geschlagen hat. Zur Rezeptur der Küpe: Zum Wasserlöslich-Machen des Indigofarbstoffes im Färberwaid wird ein Alkali und ein Reduktionsmittel benötigt. Ein damals sehr gängig eingesetztes Alkali war vergorener Harnstoff, genauer: abgestandener Urin! Die Färbergesellen lebten am Rande der Stadt, bildeten ihre eigene Gilde und hatten ihren Spaß, denn eine weitere wichtige Zutat in den Küpen war Alkohol. Dass Bier treibend sein soll und die Produktion des gelben Saftes fördert, könnte der Grund sein, dass die Färber den Alkohol über den Umweg ihrer Blase in den Kessel taten. Wer die Gesellen völlig trunken und desolat ihren Dienst verrichten sah, wusste: Die haben wohl wieder BLAU GEMACHT! 1498 entdeckte Vasco da Gama die Seepassage nach Indien. Asiatische Indigofarbstoffe konnten nun in Europa verkauft werden, was zu einem hiesigen Niedergang der Farbstoffproduktionen führte. Adolf von Baeyer entdeckte 1880 die Möglichkeit, aus Steinkohleteer Indigo synthetisch herzustellen, und ab 1897 wurde in Großindustrie produziert. Das Aus für den Pflanzenfarbstoff Indigo. Derzeit wird der Färberwaid wiederentdeckt. In der Medizin ist seine entzündungshemmende Wirkung im Blickpunkt der Forschung für neue Medikamente.