Verbrechen lohnt sich

Der Hauptmann von Köpenick als Wilhelm Voigt
„Der Angeklagte gibt an, daß er am 13. Februar 1849 in Tilsit geboren sei. Er ist Witwer, Vater von vier Kindern, die in Böhmen wohnen. Soldat ist er nicht gewesen. Der Angeklagte ist siebenmal vorbestraft und zwar wegen Diebstahls und wegen Urkundenfälschung… und wegen Diebstahls im Rückfalle mit 15 Jahren Zuchthaus, Ehrverlust auf 10 Jahre und Zulässigkeit der Polizeiaufsicht.“
Popstar Wilhelm Voigt im Frack
Aus dem Maulbär-Archiv
Als der preußische Landgerichtsdirektor Dietz am 30. November 1906 das Verfahren wegen widerrechtlicher Freiheitsberaubung und unbefugten Tragens einer Uniform gegen Friedrich Wilhelm Voigt eröffnet, stehen sich zwei Routiniers gegenüber: Der Landgerichtsdirektor hat im Laufe der Jahre manche gescheiterte Existenz vor Gericht gesehen, er kennt die Fallhöhen des Schicksals. Der Angeklagte ist zum Gewohnheitsverbrecher avanciert, eine bemitleidenswerte Kreatur, vom Leben hart gezeichnet. Voigt ist geständig: Er sei genötigt gewesen, die Tat auszuführen, die ihn die Polizeibehörden nach seiner Zuchthausentlassen im Februar 1906 von Stadt zu Stadt gehetzt hätten, man ihm nirgend Aufenthalt gewähren wollte. Er zog umher, konnte nirgends Arbeit finden, weshalb der „Angeklagte einen Plan wieder aufgenommen, mit dem er sich im Zuchthaus Rawitz [beschäftigt] hatte, wenn man ein Paar Soldaten habe, könne man damit Geschäfte machen.“

Legende, Mythos, Volkstheater

Was dann in Köpenick folgte, ist Legende, Mythos und Volkstheater geworden. Die Geschichte vom „Schuster Voigt“ beginnt meist genau an dieser Stelle seiner „Köpenickiade“. Wir nehmen den umgekehrten Weg und schauen zurück: Ostpreußen, Agrarland, Heide und Wald und Land der tausend Seen und Trakehner Pferde. Gottfried Herder, Immanuel Kant und Käthe Kollwitz. Von dort kommen sie – und der Wilhelm Voigt auch. Von dort sagte der Volksmund:
Während auf der ganzen Welt der Mensch trank und das Tier soff, sei es doch in Pillkallen und Gumbinnen genau andersherum.
Vier Monate bevor Voigts Mutter mit Wilhelm niederkommt, heiratet sie den Schuhmachergesellen Johann Carl Christian Voigt aus Kallkappen. Sechs Kinder bringt sie zur Welt. Wilhelm, ihr Ältester, sagt später über sie:
„Meine Mutter, der meine in den ersten Lebensjahren sehr zarte Gesundheit viel Sorge machte, hing in großer Liebe an mir.“
Der Vater, ein Saufbold und Spieler, schlug sich mehr schlecht als recht durchs Leben. „Ich kann mich… nicht eines einzigen Augenblicks entsinnen, in welchem ich meinem Vater mit Liebe… begegnet bin, und in meiner Kindheit war er der Schrecken“, berichtet Voigt.

Das Elend nimmt seinen Lauf

Für seine Entwicklung war der „Onkel Patzig ausschlaggebend… ein Mensch von vielem Wissen, Mechaniker von Beruf, der sich mehrfach in der Welt umgesehen hatte.“ Ganz so weit ist es mit Wilhelm noch nicht. Er besucht die dreiklassige Stadtschule, danach die Realschule. Die Mutter vertuscht das Verhalten des Vaters, das die Familie fast ruiniert. Als der Onkel stirbt und die Kraft der Mutter schwindet, nimmt das Elend seinen Lauf. Im Jahre 1863 trägt man Wilhelm Voigt zum ersten Male in das Strafregister ein. Mit knapp 14 Jahren verurteilt ihn das Kreisgericht Tilsit zu einer Gefängnisstrafe von 14 Tagen wegen Diebstahls. Als Vorbestrafter muss er die Schule verlassen. Er wird Schuhmacher. Dieses Handwerk üben seinerzeit mehr als eine Million Deutsche aus. Der ersten Verurteilung folgen weitere. Das Kreisgericht Tilsit bestraft ihn mehrfach mit Gefängnis – wiederum wegen Diebstahls. Voigt ist noch keine 17 Jahre alt, als er seine Heimatstadt verlässt und in der Fremde Arbeit sucht.

Falschspiel, Diebstahl, Urkundenfälschung

Er findet stattdessen das Schwurgericht zu Prenzlau. Das verurteilt ihn im April 1867 wegen schwerer Urkundenfälschung zu zehn Jahren Zuchthaus. Ungesichert ist der Weg, den Voigt in den Jahren nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus geht. Eine Zeitlang wird er in Prag gewesen sein. Bis in das Jahr 1889 soll er in Erfurt und Eisenach, in Budapest, sogar in Odessa Station gemacht haben. Irgendwann in dieser Zeit soll er Vater von vier Kindern im Böhmischen geworden sein. Voigt findet nirgends Halt, auch nicht in Lodz, nicht in Riga und Tilsit. In Posen wird er 1889 vom Landgericht wegen schweren Diebstahls zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Stante pede folgt 1890 die Verurteilung wegen „intellektueller Urkundenfälschung“ zu einem weiteren Monat Haft. Taucht hier der Falschspieler erstmals in den Akten auf? Das Landgericht Gnesen verurteilt Voigt 1891 wegen schweren Diebstahls zu 15 Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust und ordnet Polizeiaufsicht an. Bis auf den letzten Tag sitzt Voigt die Strafe ab, wird am 12. Februar 1906 aus der Haft entlassen. Da ist er 57 Jahre alt. Ein neues Jahrhundert hat rasant Fahrt aufgenommen. Automobile und die Elektrische verändern das Bild der großen Städte. Es gibt die erste Telefonleitung zwischen Berlin und Paris und in der Reichshauptstadt flimmert es seit 1896 im ersten Kino.

Auf nach Berlin

Wilhelm Voigt hat andere Sorgen. Er braucht Essen – um das zu bekommen: eine Arbeit. Dazu braucht er einen Pass. Die Grenzen des preußischen Staates darf er eigentlich nicht überqueren, ein Pass wird ihm verwehrt. So irrt er umher, wird an nicht weniger als 30 Orten ausgewiesen. Er wendet sich nach Berlin – wird dort vor die Tore gesetzt.
„Als ich wieder von Berlin nach Tilsit wollte, fiel mir ein, mich nach dem Verbleib meiner älteren Schwester zu erkundigen. Auf dem Einwohnermeldeamt... erhielt ich die erfreuliche Mitteilung, daß meine Schwester in Rixdorf wohne.“
Bei Bertha findet Wilhelm Voigt eine Unterkunft – und sogar Arbeit in der Rixdorfer Filzschuhfabrik. Er träumt „redlich zu arbeiten und dann vielleicht ein Schuhgeschäft einzurichten.“ Den Behörden bleibt er verdächtig. Am 24. August 1906 wird Voigt vom Polizeipräsidenten des Ortes verwiesen – „vorsichtshalber“.

Geburt eines Hauptmanns

Irgendwann in diesen Tagen reift endgültig der Plan, seinem Leben die entscheidende Wende zu geben. Der Hauptmann von Köpenick wird geboren. Dann also der Coup, der Weltgeschichte machte: Der Ex-Zuchthäusler schusterte sich Secondhandteile einer Hauptmannsuniform zusammen. Den Bart gewichst, das falsche Tuch übergeworfen, zog er los und rekrutierte sich kraft des okkupierten Militärrockes am 16. Oktober 1906 an der Militärbadeanstalt Plötzensee einen Trupp Gardesoldaten. Frei nach Friedrich Nietzsche:
„Wer befehlen kann, findet die, welche gehorchen müssen.“
Mit denen zog er in die Provinzstadt Cöpenick, setzte Amt- und Würdenträger fest und befreite die recht magere Stadtkasse ihres herkömmlichen Zweckes. Das Unternehmen scheitert. Am 26. Oktober wird Voigt verhaftet. Ein alter Kumpan Voigts, ein kriminelles Subjekt mit Namen Kallenberg, dem Voigt einstmals von seiner Kostümidee erzählt hatte, lockt das unglaubliche Kopfgeld von 3000 Reichsmark. Er gibt der Polizei den entscheidenden Tipp. Wilhelm Voigt, der Hauptmann von Köpenick, wird am 1. Dezember 1906 vor dem Landgericht Berlin zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Schwejk? Oder ein Kohlhaas? Die Tat eines Verzweifelten.

Heiratsanträge für Wilhelm Voigt

Der Richter, Dr. Dietz, gab dem Verurteilten zum Abschied im Gerichtssaal die Hand und wünschte ihm alles Gute. Und tatsächlich wendet sich das Blatt. Bald ist Voigt ein gemachter Mann. Der Kaiser soll über die Posse gelacht haben. Die Gazetten sind voll mit Berichten von der Köpenickiade. Noch in der Haft erhält Voigt unzählige Zuschriften, darunter Heiratsanträge. Es erscheint die erste Postkarte mit dem Schuster in Uniform. Der Kaiser begnadigt ihn. Am 16. August 1908 wird Wilhelm Voigt aus der Haftanstalt Tegel entlassen. Er wird zu einem der ersten Pop-Stars des heraufziehenden Medienzeitalters. Bereits am Tag nach seiner Haftentlassung spricht er in einer Grammophonaufnahme über sein Leben.

Ein Hauptmann als Popstar auf Tournee

„Der Hauptmann von Köpenick“ wird von Duskes Kinematographen und Film-Fabriken in Berlin vor die Kamera geholt. Und Wilhelm Voigt geht auf ganz große Tournee. Im Passagenpanoptikum in der Berliner Friedrichstraße ist er zu sehen. Er macht Station in den Varietés und Theatersälen der großen Städte – Dresden, Kiel, Duisburg Leipzig. Und er ist sich für keinen Volksfestauftritt zu schade. Er reist nach Wien und Budapest. Eine Tournee führt ihn nach Frankreich, und er macht Station in den USA und Kanada. Wohl kaum ein Ostpreuße ist mehr durch die Welt gekommen. Der Dichter Carl Zuckmayer porträtiert ihn. Bereits 1906 wird im schwedischen Malmö eine Ballade über den „Schuster-Räuber-Hauptmann“ veröffentlicht.  

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    Im Großherzogtum Luxemburg wird Voigt Staatsbürger. In Deutschland steht er weiterhin unter Polizeiaufsicht, „um den Rückfall zu Verbrechen nach Kräften zu hindern“. Bei einem Auftritt im saarländischen Völklingen wird er wieder „wegen unterlassener Anmeldung“ angezeigt. Und in Berlin behält die Polizei sein Treiben im Blick, vermerkt 1910 in einer Akte: „hochgefährlicher Mann; Verbrecherkategorie: Betrüger, Räuber“. - - Geld, das er auf Reisen beim Zirkus Barnum & Balley in seiner Rolle als „Hauptmanns von Köpenick“ verdient hat, legt er gut an. Er leistet sich auch ein wenig Luxus, kauft sich ein Automobil, wird einer der ersten Autobesitzer in Luxemburg. Es kursieren Sympathiepostkarten mit Wohltätigkeitssammlungen für den Verein zur Fürsorge entlassener Strafgefangener. Der ehemalige Straftäter Voigt erfährt noch manches Jahr die allgemeine und nicht nur heimliche, sondern ganz offene Bewunderung vieler Menschen. Als er am 3. Januar 1922 stirbt, hat die Inflation sein kleines Vermögen aufgezehrt. Sein Grab befindet sich in Luxemburg auf dem Cimetière Notre-Dame, in der Nähe der Friedhofsmauer. In Köpenick marschieren die Soldanten des „Hauptmann“ heutzutage meist ausschließlich zur Belustigung von Festtagsausflüglern. Dann stolzieren geschichtsbeflissene Regionalpatrioten in travestierten Preußen-Uniformen ums Rathaus Köpenick, spielen das zwielichtige Bubenstück des notorischen Gauners Wilhelm Voigt. Was er von dem ganzen Brimborium wohl gehalten hätte? Vielleicht hätte er gesagt, wie ihn Carl Zuckmayer wünschen ließ:
„Kalle, da hamse mein janzes Vorleben in de Personalakten, da brauch ick nur uffzuschlagen unter Vau … da hamse alles einjefordert: de Jerichtsurteile und de Zuchthausentlassung und de janzen Polizeiberichte, det brauch ick nur in Ofen zu stecken, denn is et wech.“

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