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From rages to riches heißt es in Amerika. Aus dem Ghetto an den Schlachtensee – hieß es für Julius Fromm. Als Sohn von Baruch und Rifka Sara Fromm wurde der im Jahre 1883 in Konin an der Warhte, damals im Reich des russischen Zaren gelegen, geboren. Als der Junge im dortigen Schtetl zur Welt kommt, nennt man ihn Israel. Als der Junge zehn Jahre alt ist, wandert die Familie nach Westen aus, nach Berlin. Im Scheunenviertel der Reichshauptstadt niedergelassen, gehört die neunköpfige Familie Fromm zum jüdischen Subproletariat, dreht Zigaretten in Heimarbeit und verkauft diese des Nächtens in den Spielunken zwischen Mulackstraße und Alexanderplatz. Erst stirbt der Vater, bald darauf die Mutter und Israel muss allein für seine sechs jüngeren Geschwister sorgen. Das spornt seine Tatkraft an.

Er besucht Abendkurse in Gummi-Chemie und gründet 1914 in einer Ladenwohnung im Prenzlauer Berg das „Israel Fromm, Fabrikations- und Verkaufsgeschäft für Parfümerie und Gummiwaren“. Keine zwei Jahre später ist das erste Markenkondom nicht nur in den Bordellen und Hinterstuben des Scheunenviertels ein Schlager. Keine Schafsdärme oder Fischblasen, kein Gummi mit wulstigen Nähten, der einem Fahrradschlauch glich, waren Verkehrshindernisse mehr: Mit seinen „nahtlosen, transparenten Spezialmarken Fromms Act“ war Julius Fromm, wie er sich jetzt nannte, zur Stelle. Und warb: Sie „riechen nicht unangenehm, wirken also nicht illusionsstörend“, sie „isolieren nicht, das heißt, sie werden infolge ihrer seidenweichen Feinheit nicht als Fremdkörper empfunden“.

Bald produzierte Fromm auch gemusterte Modelle in verschiedenen Farben. Hauchzarte, transparente und dreifach geprüfte Kondome, damit versorgte Julius Fromm die Paarenden der Reichshauptstadt. Und er ging auf Expansion! Dabei durfte ein Fromm’sches Kondom nicht mehr als 1,5 Gramm wiegen. Im Ergebnis entstand so „eine ganz dünne Haut“, die „derartig durchscheinend“ war, dass die Schutzmaterie „mit bloßem Auge kaum erkennbar“ ist. Lust, wahlweise Liebe, ließen sich in deutschen Betten endlich von lästiger Fortpflanzung trennen. Im Ersten Weltkrieg fand das Kondom massenhafte Verwendung. In Soldatenbordellen herrschte Gummizwang. Und mittendrin die Frommse. Als die Republik aus Weimar ihrem Höhepunkt zusteuerte, sagte, wer Präservativ meinte, schlicht „Fromms“.

An allen Ecken und Enden trällerte es nun vergnügt: „Wenn’s Euch packt, nehmt Fromms Act“, denn „Fromms zieht der Edelmann beim Mädel an“. Siehst Du wohl. Auch „ich bin ganz Fromms – zum Platzen gespannt“. Und der Herr über die gesicherte Lustbarkeit verhieß dazu: „Leiste Garantie – Umtausch jederzeit gestattet.“ Die Kundschaft las den Namen Fromm – und war im Bilde. Fromm erweiterte sein Geschäft nun ständig. 1926 produzierte die Firma 24 Millionen Kondome, verfügte über internationale Niederlassungen in Antwerpen, Reykjavik, Auckland. Im Jahr 1928 war das erste Werk in Berlin-Friedrichshagen an die Grenzen der Produktionsmöglichkeiten gestoßen. Der für Frommse scheinbar zeitlos guten Konjunktur sei Dank, kaufte der Lustbeutelmagnat ein knapp 16 000 qm großes Areal in der Friedrichshagener Straße 38/39 in Köpenick.

Es entstanden neue Produktionsanlagen, es wurden mehr als 500 Arbeiter beschäftigt in seinen lichtdurchfluteten Fabriken, um deren Wohl er, Fromm, täglich mit „Suppe, Fleischgang, Kompott“ besorgt war. Dafür verließen nun wöchentlich eine Million „Frommser“ das Werk, und der Fabrikherr behängte seine Gattin mit Diamanten, gönnte sich – als erster Berliner – einen Cadillac, den er sich und den seinen zum Vergnügen um die neue Villa am Schlachtensee karrte. Voll Stolz gerierte ein Bechstein-Flügel im Salon. Er war korrekt. Diszipliniert. Fleißig. Er war stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Was ihm die beiden Architekten Arthur Korn und Siegfried Weitzmann in der Friedrichshagener Straße bauen ließen, gehörte zur architektonischen Avantgarde der Zeit.

Die neue Fabrik galt als Prototyp der Moderne, „streng betonte Sachlichkeit und reiche Verwendung … von Stahl, Beton und Glas“. Das Verwaltungsgebäude wie die Produktionshallen waren mit Klimaanlagen ausgestattet. Dann kam der Hitler mit den seinen an die Macht – und über die Frommse hat auch der sich gefreut. Da durfte der Jude Fromm „die siegreiche Qualitätsmarke“, wie es nun hieß, auch während der Olympischen Spiele 1936 vertreiben und einen „Nahverkehrsplan“ unter die ausländischen Gäste bringen, versehen mit der „Genehmigung des Propaganda-Ausschusses für die Olympischen Spiele“. Die NS-Volksgemeinschaft war so begierig auf Frommse, dass die Köpenicker Firma gemeinsam mit dem I.G.-Farben-Werk in Leverkusen am Rhein an synthetisch herzustellendem Gummi experimentierte.

Das Ergebnis war famos, man klopfte sich gegenseitig auf die Schulter und freute sich ob der Gleitfähigkeit der Frömmse als „rektal und vaginal verwendbare Gummiwaren“. Was die Gubener Zeitung von jedem möglichen Zweifel befreite und mitten in den Text einer Rede von Rudolf Hess ein Inserat „der Judenfirma Fromms Gummiwaren“ setzen ließ. Die Redaktion des „Stürmer“ stieg darob auf die Palme bzw. sah den „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ nun doch endlich erreicht. Seine Söhne hatte der Unternehmer Fromm vorsichtshalber aus dieser Gesellschaft in Sicherheit gebracht. Sein ältester Sohn, Max, der bei Bertolt Brecht Theater gespielt hatte, war bereits 1934 nach Paris geflohen. Vier Jahre später erkannte auch der alte Fromm, dass es Zeit war, die eigene Haut zu retten.

Im November 1938 war Fromm gezwungen, die Firma im Wert von rund acht Millionen Reichsmark für 200.000 Schweizer Franken zu verkaufen. Die Käuferin, die Edle von Epenstein- Mauternburg, war niemand anderes als die Patentante des am 4. Februar 1938 zum Generalfeldmarschall ernannten Herrman Göring. Der erhielt für die Geschäftsvermittlung vom Tantchen mal eben zwei stattliche Ritterburgen, eine am Südhang der Hohen Tauern und den Veldenstein bei Nürnberg. Die Villa in Schlachtensee wurde dem Ritterkreuzträger Oberst Wolf Hagemann übertragen, Möbel und Hausrat unter die Leute gebracht, verscherbelt – eine Schwester von Julius Fromm, deren Mann und eine Schwägerin nach Auschwitz deportiert. Er selbst musste dem Treiben im Londoner Exil tatenlos zusehen.

Dort erfuhr er auch, dass seine Fabrik in Köpenick am 17. Januar 1945 fast vollständig zerbombt worden war. (Das Friedrichshagener Werk überdauerte den Krieg unbeschädigt.) Im April 1945 marschierte die Rote Armee in Köpenick ein, ließ Fromms leitenden Chemiker, Dr. Genth, das Werk wieder in Betrieb setzen. Denn Gummis wurden gebraucht, Rohstoffe fand man herbei dafür – und es „kauften die Russen unsere Ware sofort“. Nach dem Potsdamer Abkommen hätten Julius Fromm oder seine Erben die Werke in Köpenick und Friedrichshagen als Opfer des NSRegimes zurückerhalten müssen. Das wussten aber ein paar ganz schlaue kommunistische Funktionäre zu hintertreiben. Der Unternehmer Fromm, „Jüdischer Inhaber, kapitalistischer Ausbeutertyp, unsoziale, arbeiterfeindliche und pronazistische Einstellung“, wurde erneut zum Paria. „Für diese Sorte Menschen haben wir nichts übrig“, lautete das Verdikt der Arbeiterund Bauernmacht.

Denn „der jüdische Besitzer Julius Fromm war ein Ausbeuter übelster Sorte, dem es an sozialem Verständnis vollkommen fehlte“ und seine „aktive Unterstützung der nationalsozialistischen Propaganda“ galt als eindeutig belegt. Auch deshalb habe er aus freien Stücken „in Form eines guten Devisengeschäfts selbst an einen reaktionären Kaufpartner“ seinen Betrieb veräußern können. Ost-Berlin, Deutsche Demokratische Republik, anno 1949: Da vollzogen die Funktionäre der neu gegründeten DDR den letzten Akt. Und enteigneten „Aufgrund des Gesetzes zur Einziehung von Vermögenswerten der Kriegsverbrecher und Naziaktivisten vom 8. Februar 1949 … Personen und Betriebe als Vermögen von Kriegsverbrechern und Naziaktivisten entschädigungslos“, um sie ins „Eigentum des Volkes zu überführen“. Unter der laufenden Nummer 133 stand: „Fromms Act Gummiwerke GmbH, Berlin-Friedrichshagen, Rahnsdorfer Str. 53“. Am 12. Mai 1945, drei Tage nach der Kapitulation der Wehrmacht in Berlin, war Julius Fromm in London gestorben.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“