Köpenick war IC Falkenbergs erste Station in Berlin. Vielleicht ist es Zufall oder aber auch Bestimmung, dass er genau hier sein neues Album „So nah vom nächsten Meer“ dem Publikum vorstellt. In modernem elektronischen Gewand und eingängigen Popsongs erzählt er von Fernweh, Liebe und Krieg und zeigt sich als präziser Beobachter der kleinen Dinge im großen Ganzen. IC Falkenberg im Gespräch mit Barbara Braun:

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MB: Deine neue CD erzeugt verschiedene Bilder im Kopf. Wie ist Deine Arbeitsweise?

IC: Ich schreibe zuerst die Texte und vertone sie dann. Die Songs müssen am Klavier oder mit der Gitarre funktionieren. Das merke ich, wenn ich sie z.B. bei Konzerten teste. Das Album ist wie ein Soundtrack geworden. Es sind kleine Momentaufnahmen, die ineinander übergehen. Es gibt viele Songs, bei denen die akustischen Instrumente, v.a. der Flügel, bestimmend sind, aber drumrum passieren Atmosphären, die nicht wirkliche Töne oder Harmonien produzieren, sondern nur atmosphärisch sind. Im Gegensatz spielen aber auch opulente klassische Streicher-Arrangements eine Rolle. Das ist jedoch immer den Songs geschuldet. Es hat sich von allein so entwickelt und aufgebaut. Dann habe ich gemerkt, dass diese Pausen dazwischen nerven, also habe ich die Songs ineinander geschoben. Ein Album ist für mich immer etwas Geschlossenes und kein Nummernprogramm. Für meine Verhältnisse sind die Songs unglaublich lang geworden. Das hat damit zu tun, dass ich mir einfach Zeit gelassen habe: Ein Song muss sich entwickeln und auch zu Ende gehen und nicht, weil ein Radioformat das aufdrückt, dass nach 3min10 Schluss sein muss. Es ist ein Album, bei dem man auch selbst Zeit haben muss, das kann man nicht so nebenbei hören.

MB: Es fällt auf, dass im Vergleich zu früheren Alben bei der neuen CD elektronische Musik eine wesentliche Rolle spielt.

IC: Die letzten Alben sind schon sehr akustisch gewesen und teilweise akustisch minimalistisch. Das vorletzte Album „Agonie und Ekstase“ war reduziert auf Akustikgitarre und Flügel. „Schwimmen im Regen“ danach war wie ein live gejamtes Album mit einer Band. Mein erstes Soloalbum war ja ein Elektronikalbum. Wenn man jetzt mal von Kraftwerk absieht, war es das erste deutschsprachige Elektronikalbum. Durch Punk und New Wave kam ich mehr mit Elektronik in Verbindung und merkte, dass ich da Mittel zur Verfügung habe, die mich Sachen realisieren lassen, die bis dahin gar nicht gingen. Ich habe nie aufgehört, mich mit Elektronikmusik zu beschäftigen. Meine Kompositionen für Filme und Werbung waren immer elektronische Musik. Ich kann mir heute auch nicht erklären, warum ich es bisher vermieden habe, elektronische Musik wieder in meine Songs einfließen zu lassen.

MB: Vielleicht, weil man bei poetischen Texten eher ans Klavier oder einen Klangteppich denkt?

IC: Ja, wahrscheinlich. Elektroik ist Dance-Floor, und das habe ich mit den Texten nicht zusammengekriegt. Es ist auf jeden Fall interessant, diese vielschichtigen Strukturen zu schaffen. Ich glaube, dass dieses Album so ein Wendepunkt für mich sein wird. Dieses Gefühl, als ich das Album produziert habe, war wie bei meinem erstes Soloalbum – unbedarft, ganz naiv und ohne irgendwelche selbst auferlegte Zensur. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass dieser elektronische Moment wie ein Nachhausekommen war. Genauso befreiend war es für mich als ich wieder angefangen habe, nur akustische Konzerte zu geben, also wegzugehen von Bandkonzerten. Die Konzerte, die ich heute mache, sind mehr oder weniger Wohnzimmerkonzerte. Und das funktioniert bis zu einer bestimmten Publikumszahl bis ca. 200, 300 Leuten. Ab dann wird es schwierig. Es ist wirklich unglaublich, welcher Unterschied es ist, wenn du mit einer Band auf der Bühne stehst. Es gibt sofort eine künstliche Barriere, da ist irgendwas dazwischen, und das kriegst du unglaublich schwer aufgeknackt. Auf einmal ist das, was da oben ist, Bühne. Wenn da einer alleine sitzt, kann man diese Barriere viel einfacher überwinden. Und irgendwann vergisst das Publikum, dass es da eine Bühne und einen Zuschauerraum gibt. Irgendwann gibt es nur noch einen Raum, in dem sich alle befinden. Musik gemeinsam zu erleben, ist ja ein kollektives Erlebnis. Ich verteufle nicht, mit Bands zu spielen, das ist großartig. Aber ich glaube, für meine Sachen ist diese Form besser, auch für mich. Ich bin zwar kein schlechter Teamplayer, aber es macht mir mehr Spaß, weil ich mich mit keinem vorher abstimmen muss. Ich kann sofort reagieren und sagen, ich spiele jetzt doch lieber den Song, das ist mit einer Band schwieriger, mit einem Orchester unmöglich.

MB: Wie wird die Umsetzung live aussehen?

IC: Ich möchte, dass sich das Album und die Konzerte voneinander unterscheiden. Ich sitze am Flügel oder an der Gitarre und singe. Es langweilt mich nichts so sehr wie ein Konzert, wo die Musiker mit welchen Mitteln auch immer versuchen, eine Albumqualität zu produzieren. Klar könnte ich mich mit Maschinen auf die Bühne stellen, aber dann würde es ja klingen wie das Album. Ich fände es fatal, wenn man den Leuten immer wieder dasselbe anbietet. Das ist für mich ein Armutszeugnis, dann kann man aufhören. Das klingt jetzt ein bisschen elitär: Aber das ist Kunst, der Rest ist Dienstleistung. Man muss sich irgendwann entscheiden, ob man Dienstleister oder Künstler sein will. Ich glaube, dass die Leute eher Kunst brauchen als Dienstleistung. Schließlich unterscheidet uns das von den anderen Primaten, dass wir fähig sind, künstlerisch etwas zu gestalten und uns davon berühren zu lassen. Klar malen irgendwelche Schimpansen Bilder, aber das berührt die nicht. Musik und speziell Gesang ist die emotionalste Form von Kunst. Ob jetzt die Enkelin der Oma zu Weihnachten ein Lied vorsingt, vielleicht falsch und sich den Text nicht merkt, das ist alles unwichtig. Aber was da herauskommt aus diesem Hals, aus diesem Körper, diese Töne, das ist, was die Menschen berührt. Umso weniger man darüber nachdenkt, umso unbedarfter und naiver, umso schöner ist es.

MB: Kann man dann sagen, dass es eine besondere Nähe zwischen Dir und Deinen Fans gibt?

IC: Ich habe keine Fans. Ich bezeichne sie als Freunde und Sympathisanten. Fan ist ein ganz böses Wort. Fanatismus wird immer im Krieg enden gegen sich selber oder andere. Ich möchte nicht, dass ich irgendjemanden dazu animiere, fanatisch zu sein. Das klingt jetzt vielleicht sehr kopfig, aber das hat sich bestätigt. Es gibt ein freundschaftliches Verhältnis. Es gibt Leute, die wirklich mitreisen. Egal, wo ich hinkomme, ich bin nie alleine, ich kenne immer Leute. Das gibt auch einige, die das vielleicht als Kultursponsoring begreifen, die mir einfach auch uneigennützig helfen. Das ist schon grandios. Es ist schon ziemlich offensichtig, dass das, was ich mache, kommerziell nicht so der Bringer ist.

MB: Deine Texte haben viele nachdenkliche Momente und bringen sicherlich auch spezielle Reaktionen Deiner Hörer hervor.

IC: Ich bekomme Briefe und kann damit nicht immer richtig umgehen. Natürlich möchte ich die Leute berühren, aber dabei keine Projektionsfläche sein. Ich bin ja nur Musiker. Ein Autoschlosser ist ja für mich auch nicht gleich Gott. Es ist das Wichtigste, dass man machen kann, was man liebt. Und da bin ich demütig. Ich sage mir an manchen Tagen, an denen vielleicht alles schief geht, du hast das große Glück, tun zu können, was dir Spaß macht und eventuell auch noch das Glück, andere Leute damit zu berühren oder ihnen in irgendeiner Art und Weise etwas zu geben. Das ist ein hoher Luxus. Ich stelle mir manchmal vor, wie das so weiter geht. Als mein Vater 40 wurde, habe ich mir gedacht, wenn ich 40 werde, dann ist das Jahr 2000, und alle fliegen schon zum Mond, und dann bin ich bestimmt bald tot danach. Mittlerweile weiß ich ja, dass das so schnell nicht geht. Ich werde mir immer klarer dadrüber, dass ich noch unglaublich viel Zeit habe und dass ich mich manchmal frage, was machst du denn mit der ganzen Zeit? Ist es vielleicht wirklich so, dass einem irgendwann nichts mehr einfällt? Aber das kann ich mir nicht vorstellen, ich schreibe jeden Tag Lieder und habe ständig meine Textbücher dabei.

MB: Du trittst bei den Ost Rock Klassik-Konzerten mit auf. Was verbindet Dich fast 20 Jahre danach noch mit dieser Musik?

IC: Ich bin musikalisch wie auch inhaltlich in diesem Land aufgewachsen, das es nicht mehr gibt. Das hat mich geprägt. Ich bin mit Theater und Literatur groß geworden, die du heute suchen kannst. Warum soll ich so tun, als ob es das alles nicht gegeben hätte. Ich selber musste mich da auch korrigieren. Es gab Jahre, da habe ich keinen Song, der vor 89 entstanden ist, gespielt. Aber das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich mich ungern vereinnahmen lasse. Was ich sehr schön finde, ist, dass diese ehemals sehr große Ostmusikszene sich auf das Wesentliche zusammengedampft hat. Das klingt vielleicht arrogant, aber es ist sehr schön zu sehen, wer die Überlebenden sind. Und ich schätze die Kollegen alle sehr. Mitte der 90er Jahre haben die Medien den Osten für sich entdeckt, das fand ich eine sehr bedenkliche Entwicklung. Heute, da das ja kein Geld mehr bringt, also nicht mehr in den Medien stattfindet, sehe ich es mittlerweile als regionales Phänomen. Es gibt schließlich auch Festivals, wo nur bayrische Bands spielen. Klar kann man den geschichtlichen Hintergrund nicht so einfach wegwischen. Ich fände es für mich furchtbar, wenn das das Einzige wäre, woran mich die Leute festnageln. Aber so ist es ja nicht. Man kann es sich auch noch anders erklären, und das ist die emotionalere Erklärung dafür: Das ist der Soundtrack der Jugend von ein paar Millionen Leuten, und es ist scheißegal, ob der Soundtrack deiner Jugend Neil Young war oder Die Puhdys. Die Musik, die du bei deinem ersten Kuss gehört hast, macht sie nicht schlechter, ob das eine Band aus dem ehemaligen Osten oder Westen war. Du erinnerst dich nur an die Situation, an dieses eine Lied, das in dem Moment eine Rolle gespielt hat. Damit ist vielleicht am besten zu erklären, warum es für dieses Label Ostrock noch ein Publikum gibt.