Mehr als Fußball im Südosten

Der Aufstieg des 1. FC Union in die 1. Bundesliga stellt auch die Berliner Politik vor große Aufgaben: die Herstellung einer zeitgemäßen Infrastruktur in Köpenick. Jahrelang wurde dieses Thema von den Verantwortlichen vernachlässigt.
Die Aufstiegsfeierlichkeiten sind vorüber, Spieler und Trainer des 1. FC Union im wohlverdienten Urlaub, währenddessen man im Verein die Premieren-Saison der Köpenicker Kicker in der 1. Bundesliga vorbereitet. Auch im Stadion An der Alten Försterei wird gewerkelt, wenn auch nur punktuell – die großen Veränderungen, der geplante Ausbau von jetzt gut 20.000 auf dann 37.000 Plätze, wurde verschoben. Man wolle die erste Saison in der Eliteliga nicht auf einer Baustelle verbringen, heißt es beim Verein.
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Das ist verständlich, aber nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist, dass das für die Baugenehmigung essenzielle Verkehrskonzept nachgebessert werden muss. Bis Ende 2019 soll es nun vorliegen. Die Bewältigung des Verkehrs, was in diesem Fall nichts anderes heißt als die Herstellung einer zeitgemäßen Infrastruktur rund ums Stadion, gilt als Knackpunkt. Und es betrifft nicht nur nur den Fußball. Man kann sagen, dass Köpenick durch den Erfolg von Union endlich in den Blick der Verantwortlichen der Berliner Politik gerät. Und dass einiges von dem, was am südöstlichen Stadtrand seit Jahren verkehrstechnisch im Argen liegt, jetzt angegangen werden muss.


Ärgernis: verstopfte Straßen, schlechte Bahnanbindung

Auf den ersten Blick geht es um Verbesserungen rund ums Stadion. Die Alte Försterei, 1920 errichtet, mehrfach provisorisch erweitert und zuletzt mit Hilfe von Tausenden Fans zu ihrem „Wohnzimmer“ modernisiert, ist das einzige echte Fußballstadion in Berlin. Eng, laut und hauptsächlich mit Stehplätzen ausgestattet, so wie es echte Fußballfans mögen. Auch wegen dieser besonderen Atmosphäre im Stadion, in dem die Heimmannschaft über 90 Minuten unermüdlich angefeuert wird, strömen an Spieltagen nicht nur Ur-Unioner nach Köpenick. Inzwischen kommen Fußballfreunde aus ganz Europa zu den Spielen. Und obwohl nur rund 30 Prozent von ihnen mit dem Auto anreisen, sind schon Stunden vor dem Anpfiff die Zufahrtsstraßen verstopft. Auch die S3 sowie sowie die zum Stadion führenden Straßenbahnen sind hoffnungslos überfüllt. Anders ausgedrückt: Köpenick liegt lahm, wenn Union spielt.

Und jetzt kommen die großen Vereine. Dortmund, Bayern oder Schalke, und mit ihnen noch mehr Menschen, gegebenenfalls auch ohne Tickets. Schätzungsweise werden es 50 Prozent mehr Besucher sein als in der 2. Liga. Was nicht nur die Anwohner, für die Heimspieltage seit Jahren Ausnahmezustand bedeuten, bange fragen lässt:

Wie organisieren wir unser Leben am Stau vorbei?

Und: Wie kommen diese Massen nach Köpenick und wieder weg? Denn anders als am Olympiastadion gibt es an der Alten Försterei, die eingebettet ist zwischen dem Waldgebiet der Wuhlheide, einem Wohngebiet und den Flüssen Wuhle und Spree, nur 450 offizielle Parkplätze. Zum Vergleich: Rund ums Olympiastadion sind es rund 3.000 Stellplätze. Und anders als das Olympiastadion hat die Alte Försterei keinen U-Bahnanschluss und für die S-Bahn keinen eigenen Bahnhof: Vom S-Bahnhof Köpenick läuft man etwa 15 Minuten zum Stadion, von der Straßenbahnhaltestelle zirka fünf Minuten. Gästefans, die meist vom S-Bahnhof Spindlersfeld zum Stadion geführt werden, brauchen für den Fußweg gut eine halbe Stunde.

Der Verein selbst hat jüngst direkt am Stadion zahlreiche Fahrradbügel aufgestellt. Eine rührende Geste, die zwar gern angenommen wird, aber das Verkehrsproblem nicht löst. Seit Jahren wird die schlechte Verkehrsanbindung in Treptow-Köpenick thematisiert, mahnen Bezirk und Verein den Straßen- und Brückenausbau an, fordern zusätzliche Straßenbahn- und S-Bahnfahrten sowie mehr Raum für Parkplätze. Es gab zahlreiche Gespräche und Treffen diverser Arbeitsgruppen, jedoch keine substanziellen Ergebnisse. Von Senatspolitikern kam nichts – außer blumige Ausreden, was alles nicht geht.

Dabei ist der 1. FC Union längst nicht der einzige Grund für einen notwendigen Verkehrsausbau im Südosten: Köpenick boomt, immer mehr Menschen ziehen in den grünen Bezirk, immer mehr neue Wohnungen entstehen dort. Doch die Infrastruktur, vor allem die Verkehrswege, bleiben dieselben. Bürgermeister Oliver Igel (SPD) machte jüngst auf einem Forum seinem Ärger darüber Luft: Es gehe ihm auf die Nerven, sagte er, dass im Senat nur noch von Radwegen und Radschnellstrecken geredet werde. Aber es müsse einen Mix geben, auch Straßen und Brücken gehörten in den Blick der Verantwortlichen. Wer täglich im Berufsverkehr von Müggelheim nach Mitte oder weiter muss, egal ob mit dem Auto oder mit Bus und Bahn, weiß, was gemeint ist.


Verschoben: TVO, Ost-West-Trasse und ein Regionalbahnhof

Zu hoffen ist, dass der Aufstieg des Köpenicker Kiezklubs den Verantwortlichen Beine macht, endlich auch mal am Stadtrand tätig zu werden. Beim Empfang der Mannschaft im Roten Rathaus jedenfalls zeigte sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) verständnisvoll. Die gesamte Verkehrssituation ums Stadion, so Müller, müsse neu geordnet werden. Und:

„Die Zufahrt zum Stadion muss so organisiert werden, dass es keinen Dauerstau gibt. Auch für den Bezirk muss es tragbar sein, wenn noch mehr Menschen zu den Spielen reisen.“

Müller hat Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) beauftragt, zügig ein Verkehrskonzept zu erarbeiten. Man kann nur hoffen, dass sich dieses nicht in Hubs für Lastenräder oder Radschnellstrecken erschöpft.

Was immer die Senatorin, die in Friedrichshagen wohnt, als Konzept anbieten wird. Das Problem wird nicht kurzfristig zu beheben sein. Zudem sieht die Realität bislang so aus: Wenn man sich – nach traditionell langen Debatten – endlich zu einer Maßnahme durchgerungen hat, ist noch lange kein Geld dafür vorhanden. Das gibt es (vielleicht) im nächsten Investitionsplan. Und manchmal werden vorliegende, fertige Planungen dann einfach wieder ad acta gelegt – weil ein Partner aussteigt oder weil mal wieder etwas anderes wichtiger ist.

So zum Beispiel ist die Tangentiale Verbindung Ost (TVO) seit etwa 50 Jahren im Gespräch. Die neue, kreuzungsarme Schnellstraße soll das vorhandene Straßennetz im Südosten und Osten entlasten. So käme man schneller von der A10 im Norden zur A113 im Süden. Doch nur ein winziger Teil davon wurde bislang realisiert: die Spindlersfelder Brücke zwischen der Straße An der Wuhlheide und der Oberspreestraße. Die Planung der TVO-Fortsetzung von der Köpenicker Straße/Wuhlheide in Richtung Marzahn, die auch einen Großteil des Verkehrs zur Alten Försterei aufnehmen könnte, wurde gerade wieder um eineinhalb Jahre verschoben. Grund: Die Bahn AG sieht sich nicht in der Lage, die vereinbarten vier Gleisüberführungen umzusetzen.

Auch bei der inzwischen legendären Ost-West-Trasse zwischen Wuhlheide und Mahlsdorfer Straße, die nördlich am Stadion vorbeiführen soll, kommt man seit Jahren nicht voran. Seit 2005 wird die Trasse geplant, wieder umgeplant und an immer neue Gesetze und Erfordernisse angepasst. Jetzt wurde die bisherige Planung ganz eingestellt. Das personell überforderte Bezirksamt Treptow-Köpenick hat die Angelegenheit an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung übergeben. Alles auf Null, heißt es dort, die neue Planung soll 2023 fertig sein. Dann gibt es zwar noch immer keine neue Straße, die den Verkehr rund um die Alte Försterei entlasten könnte. Doch gebaut werden muss die Trasse, denn sie gilt als Haupt-Ader für das geplante neue Wohngebiet am ehemaligen Köpenicker Güterbahnhof.

Apropos Bahnhof: Auch der neue Regionalbahnhof, den die Bahn AG nicht wollte, nun aber doch bauen muss, steht wieder auf der Agenda der Verkehrsplaner für den Südosten. Baubeginn soll nach Aussage des Berliner Konzernbeauftragten Alexander Kaczmarek im Jahr 2022 sein, auch der komplette Umbau des S-Bahnhofs Köpenick ist Teil dieser Baumaßnahme. Gerechnet wird mit gut 5.500 Ein- und Aussteigern pro Tag, bei Unionspielen werden es spürbar mehr sein. Doch bis es soweit ist, muss der S-Bahnhof allein die meisten Stadionbesucher auffangen.


Vorgeschlagen: Parkhaus, Tram-Wendeschleife und mehr S-Bahnen

Immerhin gibt es auch konkrete Vorschläge, wie die Situation rund um die Alte Försterei in absehbarer Zeit verbessert werden könnte. Diskutiert wird beispielsweise ein Parkhaus in Stadionnähe, ebenso eine Wendeschleife für die Straßenbahn am Stadion, was Voraussetzung wäre für Verstärkerfahrten, und ein weiterer Zugang zum S-Bahnhof Köpenick in Richtung Stadion. Das Parkhaus mit gut 200 Stellplätzen könnte gegenüber der Aral-Tankstelle an der Wuhlheide gebaut werden und stünde dort auch für Großveranstaltungen im nahen FEZ und auf der Parkbühne Wuhlheide bereit.

Beim Thema Verstärkerfahrten für die drei Tramlinien, die am Stadion halten, liegen BVG und Verein allerdings seit Jahren im Clinch. Die BVG will Kombitickets, wie sie bei Hertha längst Usus sind. Stadionkarten sind dann auch für den Nahverkehr gültig. Bei Union heißt es bislang, man wolle nicht, dass die Fans, von denen die meisten ohnehin BVG-Monatskarten hätten, nochmals für die Fahrten zahlen müssen. Einigen sollte man sich schnell, damit wenigstens etwas in Gang kommt für die Fußballfans. Was dagegen den gewünschten Stadion-Eingang am S-Bahnhof betrifft, wird es wieder Jahre dauern...


Realität: marode Brücken und noch eine Baustelle

Das alles ist Zukunftsmusik, und niemand weiß, in welcher Liga Union dann spielt, wenn irgendetwas davon umgesetzt ist. Inzwischen müssen die Verkehrsexperten sich mit ganz aktuellen Baustellen herumschlagen. Zum Beispiel mit maroden Brücken, von denen gefühlt drei jede Woche in Berlin gesperrt werden. Wenn wie geplant der erste Teil der neu gebauten Salvador-Allende-Brücke tatsächlich Ende 2019 wieder befahrbar sein wird, kommt die nächste Brücke dran: die Pyramidenbrücke. Winzig, wenig bekannt und dennoch wichtig, muss die 14 Meter kurze Überfahrung über die Wuhle nahe dem Stadion An der Alten Försterei ab dem kommenden Frühjahr erneuert werden.

Das bedeutet eine neue Baustelle unmittelbar in Stadionnähe kurz vor Beginn der Liga-Rückrunde. Die Brücke, die eine wichtige Zufahrt von der Lindenstraße in Richtung Innenstadt bedeutet, wird dann abgerissen. Es soll zwar zwei Behelfsbrücken geben und die Straßenbahn soll auch irgendwie weiter weiter fahren, aber ein neuer Engpass steht jetzt schon fest: Die kleine Pyramidenbrücke, die wie andere Brücken in Berlin durch die Belastung von Millionen Autos mürbe ist, sollte eigentlich längst erneuert sein. Wegen der plötzlichen Komplett-Sperrung der Salvador-Allende-Brücke muss sie aber weiterhin als Umfahrungstrecke in Richtung Wuhlheide herhalten.

Man kann förmlich die Gebete der Verkehrsplaner hören, die hoffen, dass die kleine Brücke noch so lange wie geplant hält... Das Gleiche gilt übrigens auch für die ebenfalls marode Lange Brücke am Schloss, die von 2021 an erneuert werden soll, oder die bereits halbseitig gesperrte, rissige Elsenbrücke in Treptow.
Pessimisten könnten die Infrastruktur-Aufgaben im Südosten durchaus als Mission Impossible bezeichnen. Realisten bleiben pragmatisch, ihr Motto: Erste Liga hin oder her, im Südosten geht es um mehr als um Fußball.


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