Ein Protokoll aus Niflhel. Teil I.
„Äußerst nett, freundlich und zuvorkommend“ soll er sein, meldet der Polizeifunk. Der Boulevard aber weiß es genau, was sich hinter der Maske verbirgt: ein „Ausbrecherkönig“, eine „Zeitbombe“, gar eine „Mordmaschine“. Denn wie der Polizeifunk richtig festhält, kann die Freundlichkeit „im gleichen Moment umschlagen in hohe Aggressivität und Gewalttätigkeit. Der Mann ist also unberechenbar.“
Gesucht wird Frank Schmökel im Oktober des Jahres 2000 bundesweit und mit Hochdruck. Die Beamten der Polizei wissen, dass sie einen der gefährlichsten Gewaltverbrecher jagen, einen den sie schon mehrfach hinter Schloss und Riegel brachten, dem es aber immer wieder gelang, Gittern und Mauern auf verschiedene Art und Weise hinter sich zu lassen.

 
Im November 2000 werden über 1000 Polizisten aus Sachsen, Brandenburg und Baden-Württemberg mit 50 Spürhunden den Schmökel verfolgen. Hubschrauber mit Wärmebildkameras werden über Brandenburg und Sachsen kreisen, Kollegen der polnischen und tschechischen Polizei in die Fahndung eingebunden. Zwölf Zielfahnder überprüfen mögliche Kontaktadressen, gehen Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Lange gibt es keine heiße Spur.
„Den Schmökel macht zum Alptraum, dass er nicht dumm ist“, sagt Aldolf Gallwitz, ehemals Professor für Psychologie und Soziologie an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen, damals im Fahndungsteam. „Langjährige Erfahrung mit Psychologie und Psychiatrie“ haben Schmökel die Flucht ermöglicht. Denn er hat sie alle getäuscht. Sie haben ihm, dem verurteilten Vergewaltiger, der eigentlich seit Jahren in ständiger Verwahrung sein sollte, immer wieder Ausgang gewährt.
Denn Schmökel ist in erster Linie ein Patient und kein Strafgefangener, Paragraf 63 Strafgesetzbuch, Unterbringung in der Psychiatrie, Maßregelvollzug. In Einrichtungen der „geschlossenen Psychiatrie“ wird er untergebracht. Wegen sexuellem Missbrauch und versuchtem Mord war er 1994 als Wiederholungstäter zu 14 Jahren Haft und Maßregelvollzug verurteilt worden. In Strausberg vermutet ihn die Polizei nun bei seiner erneuten, seiner sechsten Flucht, „dort kennt er sich aus, dort hat er als Kind gespielt“.
Dass er in Erdlöchern hausen, sich von „Würmern, Schnecken und Müll“ ernähren kann, hat er bei früheren Abgängen bereits bewiesen, sich selbst darob den Spitznamen „Ötzi“ gegeben. In ganz Brandenburg ist man im Herbst des Jahres 2000 in Aufregung. Auch ein Sprecher der Berliner Polizei empfiehlt: „Lassen Sie ihre Kinder nur in Begleitung auf die Straße.“ Und ein Boulevardblatt lässt Schmökels Vater zu Wort kommen: „Frank, bitte stelle Dich. Dann bleibst Du am Leben.“
Diese Flucht endet nach 13 langen Tagen am 7. November. Der Frank hat sie überlebt. Den hiesigen Steuerzahler kostete sie 7,5 Millionen D-Mark, einen an der Sache unbeteiligtem Pensionär aus Strausberg das Leben.

 
Wer ist dieser Frank Schmökel? Wo kam er her? In Straußberg ist er geboren, 1962 im August. Frank Schmökel ist kein Dummer. Das Zeugnis der 8. Klasse bestätigt ihm, er sei ein „hilfsbereiter und intelligenter Schüler“. Das hat er mit manchem gemein. Auch, dass die Ehe der Eltern scheitert. Nach der Trennung seiner Eltern bleibt Frank Schmökel bei der Mutter. Ein Scheidungskind wie Tausende andere auch. Eigentlich. Doch er ist anders. Tieferliegendes kommt zum Vorschein.
Mit dem neuen Freund der Mutter kommt der Junge nicht zurecht. Er fühlt sich überflüssig. Für den Bruder gab es Aufmerksamkeit, wird Schmökel zu Protokoll geben. Der sei ihm immer vorgezogen worden. Für ihn, den Frank, gab es „regelmäßig Dresche“, „grün und blau“ haben sie ihn geschlagen.
„Die Tortur war immer die gleiche: Nackig ausziehen, auf das große Ehebett legen, auf den Bauch, Hände und Arme auseinander und dann gab es eben Arschvoll mit dem Teppichklopfer. Und dann nicht so hintereinander weg: Sondern einen Schlag und dann: Gib es zu, Du warst es! Und ich: Nein, hör‘ auf, Mutti, ich war es nicht – und denn: buff, wieder – und das zog sich dann so eine halbe, dreiviertel Stunde hin.“
Dr. Michael Brand, ehemaliger Therapeut Schmökels: „Es gab eine Art seelische Grausamkeit und etwas, dass in den Randbereich des Sexuellen geht, erzwungene Nähe.“ Schmökel wird berichten, bis zum 14. Lebensjahr im Bett der Mutter geschlafen haben zu müssen. „Das ist doch abartig, was soll denn der Scheiß. Sonnabends, Mittagsschlaf, musste ich mich mit zu ihr auf die Couch legen, und die hat meine Hände und Arme so in ihre Arme verschlungen. Dieses völlige Eingenommen – das hat mir tierische Angst gemacht. Da kriege ich heute noch einen Krampf. Wenn eine Frau mir heute auf die Pelle rückt, kriege ich einen totalen Koller.“
Brand berichtet, Schmökel sei konsequent und erfolgreich von gleichaltrigen Mädchen fern gehalten worden, „bis zu den Ohren steckt der voller Angst vor den Frauen“. Eine Schule der Angst also?

 
Frank, der 14-jährige, begeht kleine Diebstähle, Einbrüche. Wie er meint, ist es das, was ihn in ein Heim für „schwererziehbare“ Jugendliche brachte. In die Außenstelle Groß Fredenwalde des Jugendwerkhofes Gerswalde wird er eingewiesen.
Seiner Mutter gibt er die Schuld für sein bereits verpfuschtes junges Leben. Mit 18 und dem Abschluss der 9. Klasse – einen höheren Schulabschluss lässt die Unterbringung in einem Jugendwerkhof der DDR nicht zu – wird Frank Schmökel zum Rinderzüchter ausgebildet. Das ist bei Demmin in Mecklenburg. Beim damaligen LPG-Vorsitzenden, Kurt Schneider, schüttet er sein Herz aus. Der sagt heute: „Ich hatte Mitleid und gedacht, das kann kommen, wenn sich die Eltern um den nicht kümmern.“
Das Schmökel ein Problemfall wird, merken die LPG-Bauern bald. Schneider weiß zu berichten, dass Schmökel „eine bestimmte Tendenz hatte, sich an Jungvieh zu vergreifen. Wir haben dem Rechnung getragen und mit ihm Rücksprache gehalten und ihm im Kuhstall eingesetzt.“
Schmökel reagiert darauf, indem er sich einen eigenen Stall einrichtet. „Da bin ich in meinen Stall, hab mich nackig ausgezogen, hab die Ziege am Halsband festgebunden, damit die nicht hin- und herrennen kann und hab mir vorgestellt, dass ich mit Annett, mit Sybille, mit Simone oder sonst wem Sex mache. Ich habe das zum einen gehasst – und zum anderen geliebt, weil es meine Möglichkeit war. Schön ist das nicht, weil Tiere kacken und pissen und ich sah aus wie eine Sau, hab gestunken wie ein Schwein, wenn ich aus dem Stall kam. Das war der Moment, wo ich ziemlich oft an Selbstmord gedacht habe.“
Psychologen werden bei Schmökel eine „Sodomie mit nekrophilen Tendenzen und heterosexueller Pädophilie“ diagnostizieren. Der 19-Jährige fehlt nun häufiger auf der Arbeit, fährt ziellos durch die DDR. In Halberstadt wird er wegen versuchter Republikflucht verhaftet und 1981 vom Kreisgericht Demmin zu zehn Monaten Haft verurteilt, die er im Gefängnis Neubrandenburg absitzt.
Sein Leben ist endgültig aus der Bahn. Dem ein Ende zu bereiten, versucht Schmökel sich zu töten. Der Suizid misslingt, dafür kommt er in psychologische Behandlung. Die Ärzte in Berlin und Greifwald diagnostizieren „Kontaktschwierigkeiten“. Er bricht die Therapie ab, trinkt exzessiv. In seiner Verzweiflung wendet er sich an die Kirchgemeinde in Demmin. „Er litt an sich selbst“, sagt der ehemalige Pfarrer, dem er sich damals anvertraute, heute. „Und er wusste, dass der Weg, auf dem er ging, ein gefährlicher ist.“
Auf dem Friedhof von Demmin bekommt er Arbeit. Es ist eine gute Zeit für Schmökel. „Er war dankbar für jedes Dankeschön“, erinnert man sich am Ort. „Wenn man sagen konnte: Frank, dass hast Du gut gemacht, dann hat er gestrahlt über das ganze Gesicht.“
Schmökel findet eine mütterliche Freundin, die von ihm sagt, „er war ein betrogener Mensch, weil ihm keiner etwas zutraute und er sich selbst auch nicht.“ Gegen den Willen des Vaters und zum Missfallen des Bruders, der mittlerweile zum Offizier der NVA aufgestiegen ist, lässt er sich taufen. Überhaupt der Vater, von dem sich der Junge verlassen fühlt, von dem die einen sagen, er war Polizist, Schmökel über seinen Vater zu Protokoll geben wird: „ein Parteisekretär auf der LPG“ – ein sozialistisches Elternhaus, das ihm verschlossen blieb.

 
Doch die erhoffte Läuterung durch Glaube und Gemeinschaft der Gläubigen bleibt für Frank Schmökel aus. Tiere müssen immer wieder seinen Trieb erleiden. Und Schmökel nähert sich immer öfter auch jungen Mädchen, entblößt sich. „Er hat geweint“, sagt seine „Mami“. Die Frau aus der Kirchgemeinde Demmin, der er sich damals anvertraut, meint es gut mit ihm. Noch heute berichtet sie, er hat erzählt: Es tut mir so leid. Ich habe das auch nicht dramatisiert, damals sind ja auch noch nicht so schlimme Dinge passiert.“
Im Jahr 1987 kündigt ihm die Gemeinde den Arbeitsplatz. Unerlaubt hatte er Fahrzeuge benutzt und war der Arbeit fern geblieben. Prof. Rudolf Egg, Kriminalpsychologe, sieht für diese Zeit einen „Wettstreit“ in Schmökel ablaufen: Entwickle ich mich in diese oder in die anderen Richtung. Der „Wettstreit“ endet „zu Lasten der guten Taten“. Wohl wahr. In einer „Reaktionsbildung ist er umgekippt“, wie der Psychologe sagt. Im Klartext heißt das: Schmökel versucht 1988 das erste Mal ein Kind zu vergewaltigen.
„Nach einem Betriebsfest sei er zum Haus eines Mädchens gegangen, um ihr seine Liebe zu gestehen. Durch ein Fenster habe er sie nackt in der Wanne gesehen. „Wie ein Tier bin ich auf das Garagendach geklettert, habe die Ziegel runtergerissen, um ins Haus zu kommen“, schildert Schmökel. Er habe nur noch zu dem Mädchen gewollt und sie aufs Bett gedrückt.“ Die Festnahme war „für mich sehr schlimm“. Denn die Eltern des Mädchens seien für ihn wie eine Ersatzfamilie gewesen.
Wegen versuchter Vergewaltigung wurde Schmökel zu anderthalb Jahren Haft verurteilt. Doch ihm gelingt seine erste Flucht. Wieder eingefangen, wird er von den DDR-Behörden in das berüchtigte Gefängnis von Bautzen gebracht – wo er Weihnachten 1989 im Rahmen einer Amnestie entlassen wird.
Entlassen werden die Menschen des Landes im darauf folgenden Jahr aus ihrer Staatsbürgerschaft der DDR. Vieles wird sich aus dem Blick verlieren. Auch die angestammte Klientel der ehemaligen DDR-Strafverfolgungsbehörden geht nun oftmals neue Wege. Schmökel sinniert und beschreibt seinen Weg durch die neue Zeit: „Gut und böse. Das eine geht ohne das andere nicht. Ich will böse sein.“ Er wird den Beweis dafür antreten.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“