Alle reden dieser Tage über Friedrich den Großen. Grund genug für uns, es nicht zu tun. Und wenn es sein muss, dann nur ganz am Rande bei der Erwähnung der für jeden von uns unvermeidlichen Verwandtschaftsverhältnisse. Wir sprechen über den Prinzen Heinrich, denn das tut sonst kaum einer.

Selbst Fontane musste schon konstatieren: „Das harte Los, das dem Prinzen bei Lebzeiten fiel, das Geschick, ‚durch ein helleres Licht verdunkelt zu werden‘, verfolgte ihn auch im Tode noch.“ Begonnen hatte es bereits damit, erst als dreizehntes (!) der Königskinder von Exerziermeister Friedrich Wilhelm I. in Preußen und seiner Gattin und Geheimbibliotheksverwalterin Sophie Dorothea zur Welt gekommen zu sein. Heinrich war ein musischer Enthusiast. Sogar einer mit reichlich Begabungen, was belauscht und bestaunt werden konnte. Er spielte Geige und liebte die Malerei, war gebildet in Philosophie, aber er war das rangniederste Mitglied der Königsfamilie. Da musste er nehmen, was zugeteilt wurde, Schloss Rheinsberg beispielsweise. Das verließ sein Bruder, um den Thron zu besteigen und bald nach Potsdam zu ziehen, wo es ihm ehedem am besten gefiel. Doch sogar die Gabe aus zweiter Hand hatte noch einen Haken: Er musste – was er gar nicht wollte – heiraten. Doch sein Bruder König bestimmte und es wurde geheiratet: Wilhelmine von Hessen-Kassel. Die durfte gleich wieder gehen. Ins Berliner Stadtpalais des Prinzen. Das erfochtene Schlachtenglück und den Ruhm Preußens legten die Laudatoren in Huldigungsschriften, in Reden und in Stein gemeißelt über zwei Jahrhunderte dem Großen König zu Füßen. Heinrich kam mal wieder zu kurz und war doch ein Feldherr ersten Ranges. Keine „Niederwerfungsstrategie“ verfolgten seine Feldzüge. Im Siebenjährigen Krieg führte er preußische Truppen siegreich aus den Schlachten, ebenso im Bayerischen Erbfolgekrieg. Er bevorzugte die „Ermattungsstrategie“, die nicht allein den Feldzug, sondern auch die Diplomatie als Bestandteil der Kriegskunst sah, und ein Diplomat war er – von Format! Mit der russischen Kaiserin teilte er Polen. Mit Frankreich suchte er die Annäherung, war in politischer Mission an den Fürstenhöfen Europas unterwegs.

Doch irgendwie gerät immer alles zu kurz. Sein Bruder, der König von Preußen, erwog, ihm die politische Vormundschaft im Falle einer Regierungsübernahme durch den Thronfolger Friedrich Wilhelm, später der II., zu übertragen. In Wirklichkeit sah sich Heinrich immer an der Ausführung einer souveränen Aufgabe gehindert. Schlimmer noch: Zweimal wurde ihm die polnische Königskrone angetragen. Das Veto kam vom großen Bruder. Auch ein König von Moldau und der Walachei hätte der Heinrich aus Preußen werden können, wie es ihm die Zarin Katharina in Aussicht gestellt hatte, aber auch daraus wurde nichts. Und was hätte das für eine Geschichte werden können: Der erste König von Amerika, ein Preuße. Ein Angebot lag vor, die Statthalterschaft der amerikanischen Kolonien Englands zu übernehmen. Das mit der bernahme erledigten dann die Kolonisten selbst und erklärten sich 1776 für unabhängig. Und der gute Heinrich hatte wieder einmal das Nachsehen. Das wenigstens wollte er in Rheinsberg nicht haben und zog sich dorthin zurück, ließ das Anwesen umgestalten. Die Form wurde jene, die wir heute kennen: der Parks und des Schlosses. Die antikische Mode des frühen 19. Jahrhunderts nahm der Prinz um beinahe ein halbes Jahrhundert vorweg. Einmal Erster! Als kunstliebender Mäzen schrieb er sich in die Geschichte des Musiktheaters. Zwischenzeilen sind es geworden, da Prinz Heinrich die deutsche Erstaufführung der „Iphigenie auf Tauris“ von Christoph Willibald Gluck in Rheinsberg stattfinden ließ. Seine Aufenthalte in Rheinsberg wurden am Abend seines Lebens nur für einige Wochen im Winter unterbrochen. Die verbrachte der Prinz dann in Berlin, in seinem prächtigen Palais am Lindenforum, der heutigen Humboldt-Universität.

Gerne wäre der Prinz auch in Frankreich heimisch geworden. Die Erlebnisse seiner Reisen aus den Jahren 1784 und 1788 hatten Heinrich, der zeitlebens für die Kultur und die Lebensart Frankreichs schwärmte, tief berührt. Doch das interessierte die Jakobiner und ihresgleichen herzlich wenig. Hätten sie gekonnt, hätten sie auch dieses königliche Haupt von der Guillotine rollen lassen. Da war er noch einmal kurzerhand davongekommen, unbemerkt vom revolutionierenden Volk. Ebenso unbemerkt verschwand er wieder in der märkischen Heide von Rheinsberg, wo er seit 1802 begraben liegt. Man kann „die Frage nicht abwehren, wie kommt es, daß dieser kluge, geistvolle Prinz Heinrich, dieser Feldherr sans peur et sans reproche, dies von den nobelsten Empfindungen inspirierte Menschenherz, so wenig populär geworden ist“, meinte kopfschüttelnd Fontane und würde mit der Beantwortung der Frage noch heutzutage so manche PR-Agentur beeindrucken: „Um es mit einem Worte zu sagen: dem Prinzen hat der Dichter bis zu dieser Stunde gefehlt.“


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“