Reife Kirschen
Der Schauspieler Günther Simon

Straßennamen erinnern im Potsdamer Stadtteil Drewitz an bedeutende Filmschaffende vergangener Zeiten, an Aster Nilsen, Fritz Lang, Ernst Lubitsch oder Konrad Wolf. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft befindet sich seit einigen Jahren auch die Günther-Simon-Straße.
Günther Simon unterwegs im All
Foto: Archiv

In der Köpenicker Bahnhofstraße erinnert dagegen heute nichts mehr an den Schauspieler, der hier vor über 30 Jahren lebte. Im Mai 1925 wurde Günther Simon in Pankow, damals ebenso wie Köpenick gerade reichshauptstädtisch eingemeindet und beschaulicher Stadtrand Berlins, geboren.

Seinen Eltern war es gelungen, die Unwägbarkeiten von Revolution und Inflation einigermaßen unbeschadet zu umkurven, was vor allem dem Ein- und Auskommen des Vaters als Angestellten eines Bankhauses zu verdanken war.

Etwas abseits des großstädtischen Trubels achteten die Simons auf die intellektuelle und ästhetische Bildung ihres Sohnes. Die Eltern ermöglichten dem Gymnasiasten, privaten Schauspielunterricht zu nehmen. Denn Günther war überzeugt vom eigenen Talent und betrat planmäßig den Weg zum Ruhm auf Bühne und Leinwand.

Etwas unplanmäßig kam ihm dabei Adolf Hitler in den Weg und hatte anderes mit ihm und seiner Jugend vor. Denn es wurde Krieg gemacht – und das war alles andere als ein Spiel. Günther Simon wurde wie Hunderttausende Jungen seiner Generation verpflichtet zum Reichsarbeitsdienst, meldete sich freiwillig mit 17 Jahren zum Kampf für Führer, Volk und Vaterland, zum Wehrdienst. Diesen durfte er recht schnell wieder beenden. Immerhin lebend.

Als Gefangener amerikanischer Alliiertentruppen kam der Fallschirmjäger Günther Simon 1944 nach Colorado in ein Internierungslager. Dort hatte er Zeit, über sich, sein Leben und die eigene Sicht darauf nachzudenken. Das tat er am besten bei dem, was er eben am besten konnte und am meisten mochte: beim Schauspielen.

Simon wurde Mitglied einer Gefangenen-Theatergruppe. Er las viel und studierte Rollen, spielte unter anderem auf der provisorischen Lagerbühne den Tellheim aus Lessings „Minna von Barnhelm“.

Als Günther Simon entlassen wird, kehrt er in seine Heimat und nach Berlin zurück, wo er am Hebbeltheater seine Schauspielausbildung fortsetzt. 1948 debütiert er als Theaterschauspieler in Köthen, bevor er in Schwerin engagiert wird, um danach für eine Spielzeit nach Dresden zu gehen.

Dort ist zu dieser Zeit der vielseitige Schauspieler, Regisseur und Autor Martin Hellberg der Generalintendant des Stadttheaters. Für seinen ersten von insgesamt 16 Filmen, die Hellberg für die DEFA drehte, engagierte er Günther Simon. Dessen Leinwanddebüt als Hauptdarsteller in „Das verurteilte Dorf“ macht Simon über Nacht zu einem gefragten Kinohelden der jungen DDR.

In der Figur des Heinz Weimann verkörpert er einen von Nazismus und Militarismus geläuterten Kriegsheimkehrer, der sich in seiner westdeutschen Heimatgemeinde gegen den Bau eines amerikanischen Flugplatzes engagiert. Die Presse feiert Simons ausdrucksvolles Spiel ebenso wie die Rolle des positiven Helden, den aufrechten Sohn der deutschen Arbeiter- und Bauernklasse.

Damit ist für Günther Simon die filmische Rollenbesetzung der Zukunft als klassenbewussten Arbeiter, Funktionär, Matrose oder Soldat weitgehend festgelegt. Seine Bühnenauftritte werden rar. Dafür tritt er nun mehr und mehr ins Scheinwerferlicht der ostdeutschen Filmpaläste und wird zum Protagonisten jenes DEFA-Streifens, der den Gründungsmythos der Arbeiter- und Bauernmacht erzählt: die Geschichte des Altonaer Zuchthäuslersprosses und Wäschereikutschers Ernst Thälmann.

In zwei Teilen verbreitet Kurt Mätzig, einer der künstlerisch bemerkenswertesten Regisseure der DEFA, die Geschichten um „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ und „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“.

Der Film wird ein großer Erfolg – zumindest was die Besucherzahlen in der DDR betrifft. Für die Gestaltung der Thälmann-Rolle hatte sich Günther Simon eine intensive Vorbereitung und die persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auferlegt.

Die Eindimensionalität dieses tendenziösen Propagandafilms des sozialistischen Realismus kann das handwerkliche Vermögen seines Regisseurs und die schauspielerische Klasse seiner Akteure jedoch nicht verdecken. Und so ehrte man Günther Simon 1954 für seine darstellerische Leistung nicht zu Unrecht mit dem Nationalpreis.

Die Kehrseite dieses Erfolges wurde dem Schauspieler bald offenbar: Denn in der Öffentlichkeit verschwamm in dieser Zeit das Bild des Schauspielers zu einem Abbild Thälmanns. Günther Simon wurde genötigt, als prominenter Repräsentant an unzähligen Veranstaltungen der Staatspartei SED und ihrer Organisationen teilzunehmen, trat bei Filmforen, Filmbällen, Sportwettkämpfen und Jugendweihen als Claqeur in eigener Sache auf.

Dort wurde der bis dahin parteilose Simon als „Genosse“ angesprochen. Folgte er einer Logik des Erfolgs, als er nach zahlreichen Gesprächen mit dem Publikum und Funktionären der SED tatsächlich beitritt, später sogar Mitglied der Parteileitung des DEFA-Studios wird?

Der Schauspieler Simon war aufgrund seiner Thälmann-Darstellung eingepackt in die filmische Schublade „klassenbewusste Arbeitergestalt“, durfte das kommunistische Sportass Werner Seelenbinder mimen oder den Fred Krause im seinerzeit in ostdeutschen Wohnstuben beliebten TV-Mehrteiler „Krupp und Krause“, für den er mit einem zweiten Nationalpreis dekoriert wurde.

Da kam es dem wesentlich vielseitiger begabten Schauspieler wohl sehr zupass, dass er noch etwas künstlerische Abwechslung versprechende Angebote erhielt und er einmal heiter-verspielt, wenn es hieß „Meine Frau macht Musik“, oder ernsthaft-nachdenklich daherkommen durfte, so beispielsweise, als „Der schweigende Stern“ für einen kühnen Raumfahrer zu entdecken war.

Bis heute, wo derzeit beinahe Monat für Monat alte DEFA-Filme auf DVDs dem Handel zugeführt werden, ist Günther Simon vielen Fernseh- und Kinozuschauern unvergessen in seinen Rollen, die er für das jüngste Publikum gab. Der vierfache Vater Simon wusste offensichtlich genau, womit er die Aufmerksamkeit und die Sinne von Jungen und Mädchen erreichte, wenn er in Kinderfilmen vor der Kamera stand und als Kapitän Franz Müller im „Traumschiff “ oder als zum Haareraufen verzweifelter Vater von Alfons Zitterbacke sein Publikum begeisterte.

Wer sich heute auf die Suche nach den cineastischen Spuren des Günther Simon begibt, wird sicherlich die „Sonnensucher“ finden. Unter Regie von Konrad Wolf und an der Seite von Erwin Geschonneck spielte Günther Simon in diesem 1958 gedrehten Streifen die Rolle eines Obersteigers von sowjet-russischen Gnaden im Uranbergbau der Wismut AG im Erzgebirge.

Es ist die Zeit des atomaren Wettrüstens nach dem Abwurf der amerikanischen Atombombe über Hiroshima. Unter Tage arbeiten Aufbauwillige und Abenteurer, Gestrandete und Lebenskünstler, Zukunftsfrohe und Vergangenheitsbefangene. Der Film ist in Vielem ungeschönt und realistisch. „Was meinst du, wie wir leuchten werden?“, heißt es da.

Dieser Realismus hatte ein Aufführungsverbot zur Konsequenz. Erst 1971, anlässlich des 25. Jahrestags der Wismut, wurde er öffentlich aufgeführt, ein Jahr später im Fernsehen der DDR ausgestrahlt.

Da hatte Günther Simon bereits seinen letzten Film, „Reife Kirschen“, gedreht und als Helmut Kamp, Bauarbeiter und als solcher Brigadier, den Auftrag erhalten, die Leitung am Fundamentbau eines – wie bezeichnend – Atomkraftwerkes an der Ostsee zu übernehmen. Es locken Kamp die gewaltigen Dimensionen des neuen Projekts, der Glaube an den Fortschritt und die bessere Welt; doch der Tod greift in sein Leben und nimmt ihm, was er wirklich braucht, nimmt ihm, was er wirklich liebt. Reif ist Simons Spiel hier und anrührend, wie er der Frage nach dem Wert und der Lebensgewichtung von Arbeit und Privatheit nachspürt.

Doch unbeantwortet bleiben ihm und seinem Publikum viele Fragen, als Günther Simon mit nur 47 Jahren kurze Zeit nach Beendigung der Dreharbeiten stirbt.


Marcel Piethe
Ein Beitrag von

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“