Fröhlich sein und Singen

Die Pionierrepublik am Werbellinsee und ihre Eröffnung vor 65 Jahren
„Liebe Pioniere, das Leben unserer Kinder in der Deutschen Demokratischen Republik ist froh und glücklich, weil die Regierung die Kinder unseres Landes mit Liebe und Sorgfalt umgibt. Sie sorgt dafür, daß unsere neuen Schulen, Sportplätze, Pionierlager und Pionierhäuser gebaut werden, damit sich die Kinder erholen und viel Interessantes erleben können.“ Mit diesen Worten lud Margot Feist am 16. Juli 1952 die ersten 560 ausgewählten Jungen Pioniere in die nun eröffnete „Pionierrepublik“ am Werbellinsee.
Foto: ND / Bonitz
Mit Furor war der große Krieg kaum sieben Jahre zuvor über das Land hinweggefegt und hatte Unterstes zuoberst gekehrt. Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut; um uns selber müssen wir uns selber kümmern. Und das tat sie, die deutsche Jugend – oder das, was von ihr übrig geblieben war, die Jugend, die nun endlich eine freie sein wollte. Margot in den Reihen der Blauhemden ganz vorne mit dabei – und ehrlichen Herzens. Kühn war das Werk gedacht, als sie dem Morgenrot einer lichten Zukunft entgegen zogen. Und als Margot Feist – die später als Frau Honecker und mehr noch in ihrer ministerialen Verantwortlichkeit für die „Volksbildung“ den Menschen in der DDR allgegenwärtig wurde – die „Pionierrepublik“ eröffnete, war das die konsequente Fortsetzung einer Politik, die bereits im Jahr 1946, drei Jahre vor Gründung des Staates, in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) begonnen hatte. Damals hatte die neugegründete Freie Deutsche Jugend, die FDJ, in Zusammenarbeit mit der sowjetischen Militärverwaltung die ersten Kinderferienlager durchgeführt und im Jahr 1948 ein erstes zentrales Kinderferienlager im thüringischen Weida eröffnet. Die FDJ begann damals mit der Einrichtung sogenannter Pionierlager zur Schulung des Funktionärs- und Kadernachwuchses – und eröffnete 1949 das 1. Zentrale Pionierlager „Georgi Dimitroff“ in Prora auf Rügen. Bereits 1951 verbrachten drei Viertel aller Schulkinder im Land zwischen Ostsee und Erzgebirge einen Teil ihrer Ferien in den verschiedenen Formen der staatlich organisierten Lager- und Freizeitgestaltung. Seit 1953 befanden sich die Einrichtungen als Betriebsferien- und Pionierlager in der Trägerschaft volkseigener Betriebe und Kombinate. Im Jahr 1980 wurden 80% der 6- bis 14-Jährigen in hunderten Ferienlagern und in 49 Zentralen Pionierlagern betreut. Die Bedeutung der Ferien- und insbesondere der Pionierlager für die Staatsführung der DDR unterstrichen die regelmäßigen Besprechungen zu diesem Thema im Rahmen der Tagungen des politischen Machtzentrums der DDR, dem Politbüros der SED.

Keine Auszeit vom Staat

Denn Freizeit war keine Auszeit vom Staat. Die Ferienlager wurden vielmehr vom Staat und seinen „Organen“ zur freien Disposition seiner Erziehungsprogramme genutzt: den neuen Menschen schaffen, den sozialistischen Menschen. So war die Organisation der Lager zentral vorgegeben: Ein pseudomilitärischer Tagesablauf (Tagesdienste, Ein- und Ausgangskontrollen an einer Wache, Gelände- und Sturmbahnübungen) spiegelte die Kommandostruktur der Lager, an deren Spitze der hauptamtliche Lagerleiter stand und zu dessen Aufgabe neben der Verwaltung des Lagers die Organisation der „politisch-erzieherischen“ Arbeit gehörte. „Dass die Disziplin nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst ein wichtiges Erziehungsziel“ ist und dieses Ziel „nur durch ein festes Kollektiv der Kinder erreicht werden kann“, wurde zu einer Vorgabe für die Ferienlagerbetreuung. Die Erfahrung der Gemeinschaft war eine von Staats wegen verordnete; das Lagerleben drängte das Private und Individuelle zurück. Ausdruck fand dies unter anderem in der Uniformierung der Kinder und Jugendlichen, die im Lageralltag zu Appellen, Veranstaltungen und bei Exkursionen Halstuch und Pionier- oder FDJ-Kleidung anzulegen hatten. (Ich weiß, es erinnert sich mancher selten noch: Neptunfest und Lagerfeuer, Sommersonnenflimmer, Kiefernkronen und Ährenrauschen auf den Feldern, über die wir zogen; Kartenspiel und ein Kuss – das sind die Bilder, die uns bleiben.) Freilich gab es Unterschiede: Während sich in manchen Ferienlagern der staatliche Einfluss in Grenzen hielt, zielten die Pionierlager darauf, eine politische Funktionärs- und Kaderelite zu rekrutieren und auszubilden. In die Pionierlager sollten daher nur „die besten Jungen Pioniere“ „delegiert“ werden, so sagte es eine Richtlinie des Sekretariats des Zentralrates der FDJ.

Kaderschmiede für junge Schüler

Im Jahr 1949 beschloss der Ministerrat der DDR den Bau einer Pionierrepublik. Ursprünglich sollte die in der Wuhlheide im Berliner Stadtbezirk Köpenick entstehen. Gelände und Kosten wurde jedoch für ungeeignet befunden und die Entscheidung fiel auf das Areal in der Schorfheide am Werbellinsee. In seiner Eröffnungsrede sagte Wilhelm Pieck, erster und einziger Präsident der DDR, zu den Pionieren:
„Ihr sollt hier singen und spielen und fröhlich sein, Sport treiben, tanzen, wandern, lesen, in den Arbeitsgemeinschaften lernen … und beweisen, wie gut ihr es versteht, nach den Gesetzen der Jungen Pioniere zu leben.“
Es ging also nicht nur um Erholung, sondern auch um politische Schulung. „Die Pionierrepublik ‚Wilhelm Pieck‘ leistet seit ihrem Bestehen einen wichtigen Beitrag bei der kommunistischen Erziehung der jungen Generation unseres Landes und zur weiteren Festigung der Freundschaft der Kinder auf der ganzen Welt“ hieß es damals. Im Gegensatz zu den Aufenthalten in den Betriebsferienlagern galt die Delegierung in die Pionierrepublik als Auszeichnung und war an herausragende schulische oder gesellschaftliche Leistungen der Jugendlichen geknüpft. Auf dem Gelände befanden sich neben den seinerzeit modernen Unterkunftsgebäuden auch ein Kindergarten, eine Polytechnische Oberschule, verschiedene Sportstätten, ein Stadion und gastronomische Einrichtungen. Die Pionierrepublik wurde seit ihrer Eröffnung erweitert und erstreckte sich 1989 über eine Fläche von 1,1 km². Von 1952 bis 1989 besuchten mehr als 400.000 junge Gäste das Ferienlager. Betreut und versorgt wurden sie von etwa 100 Pionierleitern und mehr als 230 Mitarbeitern. In den Sommerferien wurden die „Internationalen Sommerlager“ zu einem Höhepunkt des Jahres im Lagerleben. Kinder und Jugendliche aus anderen sozialistischen Staaten, aber auch Delegationen befreundeter Jugendorganisationen aus dem „nichtsozialistischen Ausland“ besuchten die „Pionierrepublik“. Am Tag seiner Einweihung hatte die Junggenossin Feist ausgeführt: „Wir alle wissen, dass wir dies vor allem der Arbeiterklasse und ihrer Partei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, verdanken die unser Volk in eine frohe Zukunft führt.“ Und wir wissen: Es kam anders.
Blaue Wimpel im Sommerwind – Ferienlager in der DDR Ort: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107 (Haus 17), 14473 Potsdam  Öffungszeiten Montag bis Mittwoch 9-18 Uhr, Donnerstag und Freitag, 9-15 Uhr  Dauer Bis 28.02.2020 Mehr Infos hier.
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