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Hilfe wird benötigt – aber nicht gebraucht

„Endlich Hochwasser!“ war mein erster Gedanke, als die Pegel unaufhaltsam stiegen und der Katastrophenalarm ausgelöst wurde. Seit einigen Jahren gehe ich zum Technischen Hilfswerk und es passiert nichts. Das ist super, keine Schadenslage heißt keine Betroffenen. Doch wenn ich ehrlich bin, will ich nicht nur als Helfer bereit stehen, sondern ich will auch helfen. Zu allererst ging es ironischerweise mit der Berliner Feuerwehr zum Hochwasser. Station eins meiner Tour war Chemnitz. In der Nacht von Sonntag zu Montag kommt der Alarm, die perfekte Uhrzeit, seinem Arbeitgeber zu sagen „Cheffe, ich komme erst mal unbestimmte Zeit nicht ins Büro!“

In Chemnitz sah es aus wie Krieg – wie viel davon erst durch das Hochwasser kam, will ich nicht mutmaßen – leere, überflutete, zerstörte Straßen, Sandsäcke hinter denen sich Feuerwehren verschanzten und versuchten, das unaufhaltsame Wasser abzuwehren, Menschen die verzweifelt da standen, halb um Hilfe bittend, halb ihre Hilfe anbietend. Mittendrin: Wir. Wie die Helden lassen wir uns auf der Fahrt in die Innenstadt feiern, Dankesrufe, Winken, erhobene Daumen – Berlin kommt und rettet die Welt. Nach Fahrten durch die verwüstete Karl-Marx-Stadt kam ich an ein Gymnasium, an dem eine kleine Feuerwehr versuchte, einen zum See mutierten Teich aufzuhalten. Der Dank in den ausgezehrten Gesichtern war groß: „Seit drei Tagen stehen wir hier, kaum Schlaf, kaum Verpflegung, die Anwohner kümmern sich so gut es geht.“ Berlin baut seine Pumpen auf, glänzt mit gut gepflegtem Material und idealer Ausbildung nach Feuerwehrdienstvorschrift Zwo – plötzlich: „Zum Abmarsch fertig, wir verlegen nach Berlin!“ Eine Stunde Einsatz und das war’s. Die Blicke der Chemnitzer Kameraden sind noch verzweifelter. Sie helfen uns beim Abbau – um uns zu demütigen oder uns zu helfen, wir wissen es nicht. Warum wir gehen mussten, weiß bis heute keiner. Die Nacht darauf – ich hatte gerade mal vier Stunden Schlaf nach über zwei Tagen ohne – kommt der Alarm durch das THW. Unsere Fachgruppe Wasserschaden/ Pumpen fährt nach Halle und ich mit dem Pegel- und Vermessungstrupp nach Bitterfeld.

Halle war ein Drama. Wieder haufenweise Feuerwehr. Sandsäcke, die aussehen, als hätte sie jemand an der Wasserkante entsorgt anstatt sie zu stapeln, und das Wasser bis zum Hals. Nur Wasser wäre schön, doch das Hochwasser bringt uns zurück, was wir versuchen zu verdrängen: Unsere Scheiße und alles was wir sonst noch durch das Klo zu entsorgen versuchen. In der gleißenden Sonne fangen diese Abfälle wieder an zu leben. In Halle habe ich erlebt, was mir als Berliner völlig fremd geworden ist: Menschlichkeit. Wenn ich in Berlin einen Einsatz fahre, muss ich aufpassen, dass ich nicht noch auf der gesperrten Straße umgefahren werde, weil sich noch jemand durch die Absperrung drängelt. In Halle standen die Menschen an der Einsatzstelle und halfen wo und wie sie konnten. Die einen füllten Sandsäcke, die anderen verpflegten und umsorgten die Kräfte, die gerade Pause hatten (es gab sogar Massagen!) und viele Studenten fragten uns „Habt ihr schon eine Unterkunft? Nicht? Hier ist der Schlüssel zu unserem Wohnheim, wir schlafen bei Freunden.“

Kurze Zeit später war die Einsatzstelle nur noch Wasser. „Was ist passiert??“ – „Wir wurden allein gelassen. Als das Wasser schon über alle Dämme brach, ist die Feuerwehr einfach abgehauen. Wir konnten nur noch unsere Pumpen aus dem Wasser ziehen, um drei Straßen weiter wieder in Wattiefe zu kommen. Wir haben verloren, man hat uns sitzen lassen.“ Die Bewohner sitzen an der Wasserkante und heulen. Wir geben ihnen von der Verpflegung, die sie wenige Stunden zuvor noch uns gaben. Im Radio sagt eine Stimme „Die Innenstadt von Halle wurde erfolgreich gegen das Hochwasser verteidigt!“ Nächste Station Bitterfeld, zu der Zeit mit maritimem Flair. Hier drohten die Pegelunterschiede von Mulde, Muldestausee, Goitzschesee, Seelhausener See, Lober-Leine-Kanal und Alter Mulde zur Katastrophe zu führen. Wir gaben alles, aber die Bevölkerung wurde belogen. In den Nachrichten wurde von einer erfolgreichen Deichsprengung gesprochen, wo lediglich die Grasnarbe weggekratzt wurde. Hieß es, die Pegel stagnieren oder fallen, zeigten unsere Monitore und Befehle das Gegenteil. Bitterfeld musste nach Osten eingedeicht werden. Die Anwohner des davorliegenden Dorfes verfluchten uns mit Tränen in den Augen „Ihr lasst uns absaufen, nur damit die da drüben trockene Füße behalten!“

Nächste Station Magdeburg. Ich treffe die Kameraden der Berliner Feuerwehr wieder. „Wir ackern seit Tagen hier wie die Schweine, schön dass ihr da seid!“ Ich traue mich nicht zu sagen, dass unsere Kräfte seit Tagen im Bereitstellungsraum zurückgehalten werden. Wir durften nicht helfen, wir mussten zusehen. Böse Mutmaßung: Ein Drama verkauft sich besser als eine Situation, die unter Kontrolle ist, besonders wenn man bedenkt, dass bald gewählt wird.

Nächste Station Aken: Wie viele andere Orte wurde auch Aken evakuiert, hier aber weil das Pumpwerk abgeschaltet wurde. Der private Betreiber wollte nicht riskieren, dass ein Mitarbeiter einen Stromschlag bekommt – was richtig ist! –, also haben sie das Hebewerk ganz aus gelassen – was leider fatal war. Aken ersäuft wie viele andere Orte in der eigenen Scheiße. Das Grundwasser und die Abwässer drücken durch alle Öffnungen zurück, die Kacke schwimmt auf der Straße. Der Innenminister fährt durch den Ort und wird beworfen, weil er nichts für die Bürger unternimmt, so der Vorwurf. Kaum fällt der Spiegel, dürfen die Bürger wieder in ihre Häuser und machen sich ihr eigenes Hochwasser: Sofort Keller leerpumpen und die Kanalisation überlasten, damit nun auch der Wasser abbekommt, der vorher Ruhe hatte. Ab jetzt werden auch die Einsatzkräfte attackiert, weil sie die Bürger nicht unterstützt hätten, ihnen sogar das Wasser noch gebracht hätten. Desinformation. Bei diesem Hochwasser wurden Deiche gebaut, die nie halten konnten und mehr Menschen forderten und belasteten als sie schützen konnten, weil sich niemand professionell beraten lassen wollte. Eitelkeiten und Hahnenkämpfe zwischen Feuerwehr, Wasserwehr, Bundeswehr und allen anderen Hilfsorganisationen führten zu organisiertem Chaos. Die Bevölkerung wurde fehlinformiert und nicht aufgeklärt, damit sie lieber in dem Glauben bleibt, alles sei gut. Menschen werden mobilisiert und nicht eingesetzt. Helfende Kräfte werden enttäuscht, weil ihre Hilfe abgelehnt wird. Bundesländer weigern sich zusammen zu arbeiten, schreien groß um Hilfe, setzen diese aber nicht sein. Die Kommunikation setzte bei den Stäben teilweise komplett aus, weil sie entweder nicht konnten oder nicht wollten.

Doch die Menschen, denen das Wasser bis zum Hals stand, halfen sich – halfen ihren Freunden, Verwandten und Bekannten. Der einfache Bürger, die Helfer von Feuerwehr, THW und Co. haben mehr erreicht als jeder Politiker vor Ort. Denn sie wollten die Situation nicht ausnutzen, sie wollten helfen.


Johannes Großer

Ein Beitrag von Johannes Großer

Die Faust des Maulbeerblattes, Verlagskaufmann, Webentwickler und Fotograf aus Passion. Er ist das Allroundgenie beim Maulbeerblatt und zeitgleich THW-Helfer und Feuerwehrmann. Zitat: „Ich mach das alles sogar gerne!“