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Richard Lange und Sebastian Köpcke im Gespräch mit Sebastien Tellier Spätestens seit seinem Club-Hit »La Ritournelle« ist Sebastien Tellier auch hierzulande kein Unbekannter mehr. Der französische Musiker und Komponist erinnert sich an die Musik seiner Kindertage und verneigt sich vor den alten Meistern seiner Zunft

Wenn Dein neues Album »Confection« die Musik zu einem Film wäre, wovon würde dieser erzählen?
Von der Liebe, da bin ich mir sicher. Ich hatte jedoch keine konkrete Handlung vor Augen, sondern nur das große Bedürfnis, mich von meinen Gefühlen tragen zu lassen und von den Einflüssen französischer Filmkomponisten wie Francois de Roubaix und Michel Legrand. Seit meiner Kindheit begleiten mich ihre Melodien. Sie prägten das französische Kino in den 1960er und 1970er Jahren. Auch bei uns zu Hause wurden sie oft gespielt. Das war der Soundtrack meiner Kindheit. Als sich die Möglichkeit ergab, mit einem Symphonieorchester im Studio zu arbeiten, konnte ich auf diese Weise eine Zeitreise unternehmen und eine neue Verbindung zu meiner eigenen Kindheit herstellen.

Mit »Politics«, »Sexuality« und »My God is Blue« hast Du Dich den großen Themen unserer Zivilisation zugewandt. Markiert »Confection « einen bewussten Bruch oder gar einen Neubeginn?
Nein, es ist mit meinen bisherigen Sachen nur schwer zu vergleichen, denn eigentlich ist es gar kein richtiges Album, eher ein ambitioniertes Seitenprojekt. Diese romantischen Melodien komponiere ich schon lange, aber sie passen nie so richtig in den Kontext meiner sonstigen Arbeiten. Nun hatte ich die Möglichkeit, daraus einmal etwas eigenes, ein harmonisches Ganzes zu formen. Es war so etwas wie die Hochzeit zwischen dem Orchester und meinem Klavier und es gab keine Vorgaben und keine Beschränkungen. Ich konnte mit der Musik das Lebensgefühl meiner Kindheit wieder aufleben lassen. Während ich die scheinbar großen und gewichtigen Themen auch textlich auf meine Alben anpacke, ging es mir hierbei allein und aus schließlich um die Musik, um mein eigenes Empfinden. Ich muss weder eine Position beziehen, noch eine Aussage formulieren oder irgendjemandem die Welt erklären.
Das ist sehr befreiend. »Confections« zeigt ganz schlicht und einfach meine Freude an der Musik.

Woher beziehst Du Deine Inspiration?
Ich bin wie ein Schwamm, ich nehme auf, was ich sehe – Mode von Yves Saint Laurent, Bilder von Picasso und Van Gogh – ich sehe Fernsehen und Kinofilme. Mein Lieblingsregisseur ist Brian De Palma. Ich liebe den Rhythmus, der seine Filme auszeichnet. All das versuche ich, in meine Musik einfließen zu lassen. Eines Tages möchte ich der Brian De Palma der Musik sein.

Du bist nun schon lange im Musikgeschäft erfolgreich. Wie hat es sich in den letzten Jahren verändert?
Es ist heute schwer geworden, Platten zu verkaufen. Für mich ist das zum Glück nicht so problematisch, nicht existenziell, da ich auch für Kino- und Werbefilme komponiere. Zudem ist es normal geworden, jedwede Musik zu hören und auch zu spielen. Früher wurde man in Schubladen gepresst, war entweder Elektroniker oder Rocker, heute kann man beides sein und zugleich noch sehr viel mehr. Das empfinde ich als wirklichen Fortschritt, denn ich glaube an die Idee, dass gute Musik ganz einfach gute Musik ist.

Ist es wichtiger geworden, live zu spielen?
Auf jeden Fall. Es drängt mich regelrecht hinaus auf die Bühne, um vor Publikum zu spielen. Im Studio ist es mittlerweile einfach, mit ein paar technischen Tricks den Sound zu manipulieren. Erst auf der Bühne beweist es sich, ob du tatsächlich etwas drauf hast. Der wirkliche Wert eines Musikers zeigt sich heute auf der Bühne, denn auf der Bühne kannst du niemandem etwas vormachen.

Hat das Musikgeschäft auch Dich verändert?
Ganz gewiss verändert man sich – genau in dem Maße, in dem man die Wirkungsweise bestimmter Strukturen durchschaut. Man verliert eine Menge Illusionen. Plötzlich erscheint einem alles viel weniger glamourös, als es von außen den Anschein gehabt haben mag. Man spürt Erwartungen, die sich permanent von außen auf einen richten. Zwangsläufig führt das dazu, sich selbst zu konzentrieren, zu disziplinieren. Zeitpläne und Budgets sind auch für mich als Künstler bindend. Ich kann nicht einfach mit Paul McCartney oder Duran Duran ins Studio gehen, weil mir gerade danach ist. Würde ich natürlich gerne, auch mit Snoop Dogg, Ennio Morricone, Stevie Wonder oder Prince.

Auf Deinem Album »Sessions« hast Du mit »La Dolce Vita« einen Song Deines französischen Kollegen Christophe interpretiert. Magst Du nicht mal mit diesem alten Mann ein gemeinsames Album aufnehmen? Das ist gut, dass ihr das fragt, denn für mich ist Christophe schlicht und ergreifend der größte Sänger der Welt. Seine Stimme ist so berührend, intensiv und einfühlsam – einfach phantastisch. Wenn ich ihn bei einem Konzert erlebe, wie er da sitzt, in sich versunken, allein mit seiner Gitarre und dieser eigentümlich zerbrechlichen Stimme, dann vergesse ich alles, das haut mich um, das ist pure Emotion. Mein Traum ist es, dass Christophe mich eines Tages in sein Apartment bittet und fragt, Sebastien, möchtest Du nicht bei meinem nächsten Album dabei sein.

Ist der Musiker Sebastien Tellier ein politischer Mensch?
Oh ja, es ist eine großartige Vorstellung, die Welt zu regieren. Ich mag Spiele wie Sim City und Age Of Empire und es würde mir gefallen, die Menschen von ihrer Persönlichkeit zu befreien und in eine pure Masse zu verwandeln. Aber dabei müsste ich wohl feststellen, wie schwer es ist, ein Politiker zu sein. Ich kenne ja keinen von denen wirklich. Ich kenne überhaupt viel zu wenige Leute, eigentlich nur mich, meine Freunde und meine Familie. Die kann ich einschätzen, die kann ich verstehen. Alle anderen sind mir fremd und oft befremdlich. Als guter Politiker müsste ich jedoch viel besser in der Lage sein, die Menschen richtig zu verstehen.

Kann Musik auf unsere Gesellschaft einwirken, kann sie die Welt verändern?Früher war alles besser. Bevor sich unsere Gesellschaft so verfestigt und so verschlossen hat, war es viel einfacher etwas Neues zu erschaffen. In den Zeiten von Elvis und den Beatles gab es noch jede Menge Neuland zu entdecken, es gab noch so viel zu tun. Doch längst ist alles vollbracht. Heutzutage schwelgen wir in Erinnerungen, in die sich im besten Falle ein schwacher Hauch von etwas Neuem, von etwas Zukünftigem einschleicht. So warte ich voll Sehnsucht auf den einen großen Song, der die Welt verändert. Denjenigen, der dies schafft, werde ich für alle Zeit als meinen Gott verehren. Einen Moment bitte, ich glaube nach dieser Frage muss ich mir erst einmal eine Zigarette anstecken.

Was machst Du abseits von Bühne und Studio?Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie, mit meiner Frau, mit meinem Sohn. Das ist alles sehr unspektakulär und zugleich sehr angenehm. Jenseits des Rampenlichts muss ich mich nicht verstellen, bin ich einfach ich selbst. Das ist für mich wie Urlaub. Ich mache es mir dann auch gern mal mit meinem iPad gemütlich und esse Pepito Schokokekse.

Wo siehst Du Dich in zehn oder zwanzig Jahren?
Meine Musik empfinden ja nicht wenige als eigenartig. Ich möchte mir auch künftig die Zeit nehmen, mit vielen verschiedenen musikalischen Stilen zu experimentieren, von Folk und Pop über klassische Musik bis hin zur Elektronik. Ich möchte mir da selbst keine Grenzen setzen und zugleich bemühe ich mich, alles einzufangen, in eine Form zu bringen und zu verdichten. Eines Tages, womöglich schon in zehn Jahren, hoffe ich dann meinen eigenen unverwechselbaren Stil gefunden zu haben.

Zum ersten Mal konnten Dich die Berliner 2001 im Vorprogramm von Air erleben. Seither hast Du einige Clubs in unserer Stadt zum Kochen gebracht. Was gefällt Dir an Berlin?
Es ist immer wieder schön in Berlin zu sein, denn es gibt bei euch nicht nur gutes Bier, sondern die Leute haben auch gute Ohren. Die Berliner stehen ganz offensichtlich auf Qualität, die mögen keine einfallslose, stupide Musik. Die können eine Basslinie heraushören und erfreuen sich an jedem interessanten Akkord.

Wann können wir uns auf ein Wiedersehen mit Dir freuen?
Während wir hier gerade über »Confections« sprechen, bin ich eigentlich schon mitten bei der Arbeit für das nächste Album. Ich bin sehr elektrisiert und mit großer Neugier bei der Sache. Im Mai 2014 soll alles fertig sein und für den kommenden Sommer ist dann auch eine neue Tour geplant. Ganz sicher werde ich dann auch wieder in Berlin spielen. Ich freue mich darauf.

Foto von Eduardo hernandez Vaca for NRMAL.NET


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“