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Vor fünf Jahren hat Frank Welskop sein Buch „BBI – ein neuer Berliner Bankenskandal?“ veröffentlicht. Darin hat der Wirtschaftsexperte die Katastrophe, die den Berliner Großflughafen ereilen sollte, bereits beschrieben. Welskop  saß von 1993 bis 1999 im Wirtschaftsausschuss der Landesentwicklungsgesellschaft Brandenburg (LEG) und hatte Einsicht in die Bilanzen des Flughafenbaus. Als die LEG 2001 in die Pleite ging, überraschte ihn das nicht. Auch das hatte er prognostiziert. Anschließend war er als Politikberater für die Linken im Berliner Abgeordnetenhaus tätig. Inzwischen hat er sich aus der offiziellen Politik zurückgezogen und ist selbstständig.Das Maulbeerblatt hat mit ihm über die größten Fehler am BER, über Hartmut Mehdorn und die Rezeption seines Buches gesprochen.

Herr Welskop, sind Sie ein Hellseher?
Sie sind nicht der Erste, der mir diese Frage am Anfang eines Interviews stellt. Hellseher eigentlich nicht, eher ein systematischer Schwarzseher, gerade bezüglich des BER.

Sie haben schon in Ihrem 2009 erschienen Buch „BBI – ein neuer Berliner Bankenskandal?“ vorher gesagt, was nun scheibchenweise ans Licht kommt. Zu spät, zu teuer, am falschen Standort. Woher wussten Sie das damals alles schon?
Man muss kein Hellseher sein, um zu diesem Schluss zu kommen. Ich hatte das Projekt schon einige Zeit fachlich beobachtet, hatte viele Informationen dazu gesammelt und ausgewertet. Dann habe ich auf Basis der Geschäftsberichte und Bilanzen der Flughafengesellschaft, die ich analysiert hatte, das Buch zu schreiben begonnen. Und in dem Schreibprozess sagten mir nicht allein die Fakten, sondern auch die Intuition, also ein absolut sicheres Bauchgefühl, dass das mit dem BBI niemals so funktionieren kann. Das Ganze war auch für mich unglaublich spannend. Ich habe das Buch wie im Rausch und sehr schnell geschrieben, nachdem ich wusste, dass ich mit diesen Enthüllungen nur Recht behalten kann. Man schreibt so ein Buch immer auf verschiedenen Ebenen. Und das führte eben dazu, dass ich den Skandal schon sehr früh ganz deutlich vor Augen hatte. So ist es nun auch gekommen. Es wurden einfach zu viele und zu große Fehler gemacht.

Welches ist Ihrer Meinung der größte Fehler, der bei Planung und Bau des BER begangen wurde?
Der größte Fehler? Meistens setzt sich ja die Schieflage eines Projektes, die dann immer eklatanter wird, aus der Summe vieler Fehler, Verfehlungen, Tricksereien und Lügen zusammen. Wobei das Ganze des Desasters am Ende immer mehr ist als bloß die Summe der Fehler. Hinzu kam das Murphysche Gesetz , dass besagt, dass immer alles schief geht, was schief gehen kann. Der fatalste Fehler jedoch war das systematische Durchpeitschen des mit Abstand ungünstigsten und dümmsten Standortes für den BBI: Schönefeld. Damit hat man nicht nur sehr wertvolle Zeit verloren. Man hat sich auch die größten Schwierigkeiten eingehandelt, die sich bis heute wie ein roter Faden durch das unendliche Pleiten-, Pech-, und Pannenprojekt ziehen. Der falsche Standort, dem man alles mit brachialer Gewalt unterzuordnen versuchte, war und ist der irreparable Webfehler dieses Megaprojekts.

Gibt es jedenfalls Hoffnung? Könnte der BER nicht doch noch zur Erfolgsgeschichte werden?
Das Kind ist in den Brunnen gefallen – oder war wohl sogar eine Totgeburt. Vor allem die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen. Alles was der Steuerzahler jetzt und in Zukunft ausbaden muss, ist politische Schadensbegrenzung. Man will Zeit gewinnen, solange es noch geht. Wie viel Geld dabei unwiderruflich im märkischen Sand versenkt wird, ist den Politikern anscheinend völlig egal. Hauptsache sie dürfen weiter regieren und brauchen sich nicht zu verantworten. Systemrelevante Fehler sind leider irreversibel!

Der Karren steckt also im Dreck. War es eine kluge Entscheidung Hartmut Mehdorn als Flughafen-Chef einzusetzen, um ihn da wieder heraus zu ziehen?
Mehdorn ist für mich eine absolute Fehlbesetzung, aber die haben eben keinen anderen gekriegt. Da hilft auch kein „Sprint“ des 72jährigen, der den Gesellschaftern und dem Aufsichtsrat permanent auf den Nasen herumrumtanzt. Den Karren zieht jetzt jedenfalls keiner mehr daraus. So etwas gibt es nur in Lügenmärchen wie bei Münchhausen. Es ist höchstens zum Haare ausraufen. Nur: An den Haaren hat sich noch nie jemand aus dem Sumpf gezogen. Das einzige was geht: Karten auf den Tisch und Reißleine ziehen. Das Projekt beenden und den Sumpf trockenlegen.

Wie sind Sie eigentlich damals dazu gekommen, sich so intensiv mit dem Flughafen zu beschäftigen?
Es gibt viele Gründe. Von 1993 bis 1999 war ich bei der Landesentwicklungsgesellschaft Brandenburg für Städtebau, Wohnen und Verkehr tätig. Mein erstes Projekt dort bestand darin, die vielfältigen Folgen des damals geplanten Zwischenausbaus von Schönefeld bis maximal 13 Millionen Passagiere pro Jahr zu ermitteln: also bis der Großflughafen an einem ursprünglich anderen Standort in Betrieb gehen sollte. Da steuerte ich Gutachten im Auftrag des damaligen Landkreises Königs Wusterhausen, die sich im hohen sechsstelligen Bereich bewegten. Während dieser Zeit habe ich erstmals die Komplexität des Flughafenprojektes begriffen. Im Übrigen habe ich Ärger bekommen, weil ich in den zusammenfassenden Abschlussbericht hineingeschrieben hatte, dass die Lärm- und Umweltfolgen bereits bei dieser Größe für einen so stadtnahen Flughafen eigentlich nicht mehr verträglich und akzeptabel sind. Vielleicht hängt das Interesse auch damit zusammen, dass mein erster Beruf Flugzeugmechaniker war, damals noch bei der INTERFLUG.

Ihr Buch ist ja anfangs ziemlich verrissen worden. Empfinden Sie heute Genugtuung, weil Sie doch Recht behalten haben?
Repressalien gab es nicht, außer, dass die Pressesprecherei der Flughafengesellschaft einige Worthülsen abgesondert hatte, wie „krudes Zeug“ und es sei alles „an den Haaren herbeigezogen“… Ich hatte da ehrlich gesagt Schlimmeres befürchtet. Mir wurde allerdings im Lauf der Zeit klar, dass ich unangreifbar war, weil ich das Buch auf Basis jener fatalen Bilanzen geschrieben hatte. Alle strategischen Aussagen konnte ich mit Zahlen belegen. Das Problem war jedoch, dass die Medien mein Buch in der von oben angeordneten Schweigespirale totgeschwiegen hatten – bis auf ganz wenige Ausnahmen.

Das hat aber nichts genützt!
Nein, es hat gar nichts geholfen! Ich habe bisher 22 Buchlesungen mit sehr großer Resonanz und bis zu 200 Zuhörern gehalten. Das Buch ist vergriffen und nur noch bei Amazon für bis zu 200 Euro zu haben. Natürlich freut es mich, dass ich ein Buch geschrieben habe, das den Skandal vor dem jetzigen Desaster aufgedeckt hat und nicht danach. Heute kommen Gutachter zu den gleichen Ergebnissen wie ich bereits damals 2009.

Selbst nach dem Juni 2012 wurden weitere Ihrer Enthüllungen von Redaktionen als Spekulationen abgetan und nicht veröffentlicht. Was war da los?
Im Jahr 2012 waren alle mit dem Hype um die Flugrouten beschäftigt. Aber das eigentliche BER-Problem wurde immer noch in der Schweigespirale gehalten. Erst jetzt kommt alles ans Licht: aber nach wie vor nur scheibchenweise. Denn die brisanten Dokumente, wie das Finanzierungskonzept oder der Businessplan der Flughafengesellschaft werden immer noch streng geheim gehalten. Ist ja auch klar warum: Man hat ungemein viel zu verbergen, und solange Klaus Wowereit Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender ist, hält er seine Hände über das belastende Material – falls es diese beiden genannten Pläne denn überhaupt gibt.

Ganz aktuell: Mehdorn fordert bereits eine weitere Milliarde Euro für den Flughafen, damit sind wir bei 5,5 Milliarden gelandet. Wo soll das alles enden?
Nach meiner Rechnung liegen wir bei 20 Milliarden Euro, falls der BER in 2016 eröffnet werden sollte, obwohl das eigentlich gar nicht mehr machbar ist. Auch hier verschweigt man das wahre Ausmaß der Gesamtkosten, denn es werden immer nur die Baukosten veranschlagt. Und selbst das immer nur ausgesprochen konservativ.

Was, meinen Sie, soll denn noch alles auf den Steuerzahler zukommen?
Unter den Teppich gekehrt werden die ganzen Begleitkosten:  Da fielen schon horrende Summen an, die vor Baubeginn verpulvert wurden. Es fehlt in der Rechnung das Geld für die neu geschaffenen Verkehrsanbindungen und in Verbindung damit die Betriebskosten für die ständigen Leerfahrten der S-Bahn. Nicht zu vergessen die immensen Zinsen, die man für den ausschließlich fremdfinanzierten BER jetzt und in der Zukunft zurückzahlen muss. Schließlich hat Berlin mit Subventionen für die Billigairlines um sich geworfen – rechtswidrig übrigens – die man nun ebenfalls am Hals hat. Dumm nur, dass man gerade mit den Billigfliegern den BER niemals wirtschaftlich rentabel betreiben könnte. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen, all das taucht in den heutigen Prognosen für die Gesamtkosten, wie gesagt, nicht auf.

Haben Sie einen Schuldigen für die Misere ausmachen können?
Ich spreche immer vom BBI-Kartell, das infolge des BBI-Skandals das BER-Desaster verursacht hat. Diesen Schaden kann nicht nur ein einzelner Politiker angerichtet haben. Selbst Wowereit nicht. Es ist ein kollektives Versagen und Verbrechen am Steuerzahler wie beim Berliner Bankenskandal: Aber die Impulsgeber und Verursacher waren immer die Regierenden, die Gesellschafter und Aufsichtsratsvorsitzenden und -räte sowie die jeweiligen Geschäftsführer der Flughafengesellschaft. Diese Katastrophe, nennen wir es so, war aber auch nur deshalb möglich, weil unsere „Volksvertreter“ das über Jahre mitgemacht haben.
Der BBI war die unantastbare heilige Kuh. Kritische Expertenstimmen wurden einfach mit einem Maulkorb versehen oder gefeuert. Es gab diesen  ausgebildeten Mitmacherkomplex, der von Versagertum gezeichnet und von krimineller Energie getrieben war.
Im Übrigen konnte mir noch keiner erklären, wie man 1992 überhaupt „aus Versehen“ die falschen Flächen für den Flughafen kaufen konnte, was dann im Baufeld-Ost-Skandal mündete. So blöd kann nicht einmal die Berliner Politik sein. Jedenfalls wurde dadurch das zweite Drehkreuz Deutschlands, nämlich Sperenberg, „erfolgreich“ verhindert. Dafür hat der regierende Partymeister seit 2002 die Billigfliegerei mit rechtswidrigen Mitteln hochgezüchtet – die am BER natürlich fehl am Platze sind.

Nennen Sie uns doch zum Schluss noch einen realistischen Eröffnungstermin!
Das Jahr 2017 wäre realistisch, wenn die Ausserirdischen Amtshilfe leisten würden: Vorausgesetzt sie sind nicht so beschränkt wie die hiesige Politik!

Foto: Krauthöfer

 

 


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"