windkanal

Die Crew der Jungen Oper Berlin hat eine neue Oper an Bord. „Dymaxion Opera – A local opera for global people. (Keine Sorge, das Stück wird in deutscher Sprache gesprochen und gesungen.) Im Oktober startet das Raumschiff in Adlershof, im Großen Windkanal.

Auf dem Gelände der ehemaligen Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin Adlershof wurde 1934 der Windkanal errichtet. Hier wurde das Widerstandsverhalten von Flugzeugen im Luftstrom gemessen. Heute ist der Windkanal ein Denkmal, dessen Türen sich nur kleinen Besuchergruppen öffnen. Oder eben ein Raumschiff ähnlich einer gewundenen Röhre von 8,0 – 12,5 m im Durchmesser, mit Planken auf dem Fußboden und zwei blinden Enden, unverbunden, genau gegenüber liegend. Fensterluken sind rar – in den Tiefen des Alls aber ohnehin entbehrlich. Die Akustik an Bord ist dafür aber umso ausgefeilter. Es gibt eine Crew, ein Computerleitsystem und während der Fahrt können Sie sich frei bewegen. Sollten Sie zu den Auserwählten gehören, die eine der streng limitierten Flugtickets ergattern konnten, dann erwarten Sie 60 Minuten Raumfahrt, inspiriert von Buckminster Fullers „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“.

Für unsere interessierten aber vielleicht noch unentschiedenen Leser, haben wir nun in Erfahrung gebracht, wohin die Reise gehen soll und uns zu diesem Behufe mit hochrangigen Mitgliedern der „Bodencrew“ (Regisseurin Birgit Grimm und Autor Steffen Thiemann) zum Gespräch getroffen.

Als ich den Pressetext zum Stück las, drängte sich mir die Frage auf, ob Ihr Theaterkarten oder gar Flugtickets verkauft.
Thiemann: Die Idee ist schon die, eines Theaterbesuches, nur dass man nicht vor der Bühne sitzt sondern mitten auf der Bühne steht.

Das Stück wird von futuristischen Klängen getragen. Vorsichtig gefragt: Wird es auch es auch wohlklingende Sequenzen geben?
Grimm: Wohlklang?

Ist der nicht vorgesehen?
Grimm: Nein, das ist wie in einer Geisterbahn.

Die Schauspieler sind ein Mann und eine Frau?
Grimm: Ja aber das spielt keine Rolle. Es ist zwar eine Sopranistin und ein Bariton, aber die Geschlechterfrage oder dass wir damit die Welt retten wollten, spielt keine Rolle. Abgesehen davon, wieso sollten sie sich fortpflanzen wollen?

Ihr bezieht Euch in den begleitenden Texten verstärkt auf einen bestimmten Visionär und Zukunftsforscher. Welche Rolle spielte Buckminster Fuller für Eure Arbeit, für das Stück?
Grimm: Mit Buckminster Fuller beschäftigen wir uns schon lange. Steffen hat den mal für unser Projekt „Urlaub für alle“ angeschleppt, als wir uns mit der Zukunft am Ende der Arbeit beschäftigt haben. Weil er auch dazu wesentliche Dinge gesagt hat. Das zukünftig die Computer die Arbeit erledigen, dass man ein Stipendium für lebenslanges Lernen bekommen kann usw. und so fort.

Thiemann: Er hat gedacht der Computer ist die Lösung, weil er uns wirklich Sachen abnehmen kann. Die Idee, dass die Technik den Menschen Freiräume schafft … aber was passiert? Wir schaffen immer neue Abhängigkeiten, von diesen Geräten. Es ist genau das Gegenteil eingetreten. Wir schaffen neue Abhängigkeiten und verbrauchen immer neue Ressourcen, um diese Klapperkiste hier irgendwie am Laufen zu halten. Bucky hat eben gedacht, er nimmt uns ganz viel Arbeit ab. Der Mensch hätte dann einfach Zeit, was besseres zu tun, neue Ideen zu entwickeln. Er ging davon aus, dass die Leute viel mehr Zeit zum Denken haben sollten. Wenn 100.000 Leute damit beschäftigt wären darüber nachzudenken, wie man die Welt besser gestalten könne, hätte gewiss einer von diesen 100.000 immer eine wirklich gute Idee. Grimm: Der Buckminster Fuller war ein sehr konstruktiver und pragmatischer Visionär, mit einem Haufen Vorschlägen, die auch sehr fasslich sind. Wann hat er das geschrieben, „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“?

Thiemann: In den sechziger Jahren.

Grimm: Wenn man bedenkt, was von diesem Zeitpunkt bis jetzt übriggeblieben ist, dann ist das einfach nur noch blass. Es ist nichts passiert von dem, was er beschrieben hat, gerade in der Bedienungsanleitung, die ja sehr konkret ist.

Was meinst Du konkret?
Grimm: In so handfesten Sachen wie dem Design und der Architektur, da sind natürlich Dinge die sich erhalten haben. Oder beispielsweise seine synergetische Geometrie. Aber das, was gesellschaftlich von ihm determiniert ist, dass eigentlich alles für alle reicht, wenn man nur mit den Dingen richtig umgeht, das ist heute nicht mehr sichtbar. Du siehst ja, an was für einem Punkt wir heute sind. Das ist niederschmetternd, muss ich ehrlich sagen. Deshalb habe ich gedacht, man inszeniert eigentlich die Ratlosigkeit oder die Unüberschaubarkeit der Gegenwart. Weil man ja selber gar keinen Ansatzpunkt mehr weiß.

Thiemann: Er hatte auch die Idee seiner geodätischen Kuppeln. Er hat gesagt ein Haus muss sein, wie ein Schiff, es muss immer da sein wo ich gerade bin. Da baue ich mir mein Haus und dann ziehe ich immer weiter. Diese Kuppeln, aber als Idee des Abschottens, die hat sich im Windkanal dann einfach aufgedrängt. Das man sich abkapselt, das man sich sagt, wir machen uns hier einen Raum, wo wir geschützt sind, aber gleichzeitig ist man in dem geschützten Raum auch ein Gefangener. Das ist auch der Punkt an dem wir gerade gesellschaftlich sind. Europa ist ja auch ein Beispiel für diesen Impuls, sich abzuschotten, die Grenzen dicht zu machen und zu sagen, wir machen hier unser eigenes Ding.Die Grenzen abzuschützen, zu behüten und zu sagen, wir machen hier unser eigenes Ding.Das da draußen interessiert uns jetzt erstmal nicht. Das ist für die jetzige Situation ein viel stärkeres Bild, als wir es ursprünglich konzipiert hatten.

Grimm: Wir erzählen eine Geschichte über zwei Menschen, die versuchen sich zu retten. Die versuchen, in einer unwirtlich gewordenen Welt, einen Weg zu finden, indem sie sich abkapseln. In dem sie sich abkapseln und sagen: Okay, wir sind gerettet. Die beiden finden aber am Ende keine Lösung in ihrer Abkapselung, das merken die beiden und das merken die Zuschauer, dass es unangenehm wird und dass sie dann doch vielleicht entdeckt werden und dass dann doch eine Gefahr von außen kommt und dass man sich verhalten muss. Das ist das was man erzählen kann.

Das Stück ist sozusagen für den Raum geschaffen.
Grimm: Ja, weil er durch die Form und die Akustik prägt. Man kann jetzt nicht sagen der Text ist das Wichtigste oder die Musik, es muss alles eine Einheit bilden. Nur, wenn wir das richtig schaffen, den Text, die Musik und den Raum zusammen zu führen, dann wird es richtig gut.

Thiemann: Es wird tatsächlich mehr ein sinnlicher Eindruck werden, als ein intellektueller. Ob es am Ende depressiv wird, ist noch die Frage.

Grimm: Das glaube ich aber so gar nicht. Klar es ist eine düstere Angelegenheit, aber der Text hat eine gewisse Leichtigkeit. Wir haben jetzt zwar düstere Musik und dystopische Klänge, aber es gibt einen Text, wo sich zwei Menschen normal begegnen. Sie führen einen Dialog, der geerdet ist. Der die Personen in Ihrer Widersprüchlichkeit zeigt. Der eine, der sagt: „OK packen wir es an, wir sind gerettet. Wir müssen jetzt keine Angst mehr haben und das ist ein Glück“. Und der andere der sagt:

Thiemann: „Das Glück habe ich mir immer anders vorgestellt, als nur keine Angst haben zu müssen.“

Gibt es eine Altersfreigabe?
Grimm: Ab 16 würde ich auf jeden Fall Ja sagen, aber darunter auf eigene Gefahr. Wir machen Theater, um die Zuschauer zu überfordern.

Theater als Herausforderung für den Zuschauer?
Grimm: Ja, auf jeden Fall. Wenn es ringsherum dröhnt, ist die Chance, dass es innen ankommt größer, als in einem Stück, wo man sich bequem zurücklehnen kann. Im Theater geht es doch um neu gefundene Zusammenhänge. Ein bisschen wehtun soll es schon. Man darf eben keine Angst haben, dann kann auch die Welt untergehen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Foto: Felix Grimm