Holger Claaßen

Ich bin Berlin, aber nicht bi.

Nun ist es also raus. Der Chef ist eine alte Petze. Und ich bin Taxifahrer. Wenigstens müssen mir skeptische Leser nun Glauben schenken, denn über was ich schrieb, da weiß ich Bescheid. Weil ich schon da war. Aber ganz so einfach ist nun wieder auch nicht. Wer schon einmal bei Dunkelheit in Berlin im Taxi saß, der kennt das: Berlin bei Nacht ist, von den drei Leuchtreklamen an Ku´Damm und Potsdamer Platz mal abgesehen, wie ein Schwarz-Weis Film von Fritz Lang, nur ohne Weis. Glaubste nich? Dann fahr doch mal um die Geisterstunde von Friedrichshagen nach Müggelheim, da glaubste an Geister, ich schwöre.

Also muß man sich für den Überblick schon mal bemühen. Das geht eben nur zu Fuß oder besser noch mit dem Drahtesel. Und auch da muß man radifizieren. Für Köpenick reicht Muttis Klapprad, vielleicht auch das Mountainbike für Pütt- und Müggelgebirge, für andere Bezirke wie Friedrichsfelde, MV und Gropiusstadt nimmst du lieber den Renner oder das Fixie, schnell hin, schnell wieder weg. Aber nicht vergessen: l`antivol est moi, das Schloss bin ich.

Sonst Fixie oder Renner schneller weg wie Du (als Du wäre an dieser Stelle richtig, wie Du klingt jedoch viel authentischer). Na, egal. Mir macht´s Spaß zu sein, was alle sein wollen. Berliner. Der übrigens heißt in Berlin Pfannkuchen, und kommt er nicht aus der Fabrik, dann aus der Fritte.

Für alle, die es noch nicht wußten: Merkt es euch, ein für alle mal. Später dann, nach dem Verzehr kommt er wohl möglich noch in die Pfanne. Ach, bei diesen Dingen fällt mir noch was zum Thema ein. Kennt Ihr Forrest Gump? Ich liebe diesen Film. Und ich liebe dieses Zitat: Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man bekommt. Und, ihr ahnt es schon: Berlin ist auch so eine Pralinenschachtel. Auch das Taxi. 95% der Leute sind in Ordnung und dann…Da fährst Du am Samstag morgen drei nette Jungens aus MV auf schnellstem Weg vom Maxim´s in den Senftenberger Ring und bevor Du Ihnen Dein Honorar mitteilen kannst, bitten sie dich höflichst um eine kleine Spende oder, wenn zur Hand, um die ganze Börse. Mit Messer, wegen Nachdruck, is klar, weißt Du?

Wird nichts draus, denn türkischer Türsteher Marke Achmed Mohammed kommt vorbei, sieht das Problem und haut mich raus. Für lau. Is klar, weißt Du. Ehrensache. Sonntagmorgen dann, nach dem mir drei Austausch-Stundentinnen aus Rheinland Pfalz erklärt hatten, der kürzeste Weg nach überall führe selbstverständlich immer über die Stadtautobahn und soviel wie bei mir hätten sie noch nie bezahlt, (Pech gehabt – ihr habt bei Berlins miesestem Taxifahrer eingecheckt), lade ich Mustafa ein. Nicht weit. Einmal in die Schwiebusser Straße. Da wohnt er schon 45 Jahre. Damit ist er deutlich länger Berliner als der Lausitzer Skinhead in Hellersdorf. Vorher noch schnell zu Burger King bei Yorck-Mehring. Er spendiert mir einen großen Kaffee und gibt noch ein fettes Trinkgeld. Man, sagt er, Taxifahrer haben es doch nicht leicht… Dann fahre ich zurück zum Mehringdamm. Curry 36, damit ihr wisst, wo ich meine. Durch ein Kneipenfenster sehen wir unsere Elf kicken.

Als Özil ein Tor schießt, liege ich mir mit meinem türkischen Kollegen in den Armen. Sonntag abend Schönefeld. 3h Wartezeit reichen, um entspannt diese Zeilen zu schreiben. Ich fahre eine gut gelaunte Rentnerin aus den Ferien in ihr Himmelreich auf Erden. Be Berlin lese ich auf einer Werbetafel. Man sagt, der Wowi wäre schwul: Ja, na und? Er steht für Toleranz und S-Bahn Ausfall. Beides Dinge, auf die wir Taxifahrer nicht verzichten können. Und ich? Bin nicht bi. Ich liebe meine Frau und mein Kind. Und das ist gut so!


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)