Hüpfen hilft

Das Schlimmste, was man von seinen Kindern verlangen kann, ist „spazieren“ zu gehen. Frische Luft ist nun wirklich das hinterletzte Argument, mit dem Eltern ihren Nachwuchs hinter dem Fernseher hervorlocken können. Manchmal hilft es, ein Eis oder Ponyreiten in Aussicht zu stellen. Auch Kita-Freunde können (am besten in Kombination mit Eis und Ponyreiten) ein geeignetes Lockmittel sein. „Ich bin aber ein Stubenhocker“, heulte unser Kind jahrelang, wenn seine von der Bildschirmarbeit gebeugten Erzeuger wenigstens am Wochenende nach Auslauf im Freien verlangten.

Aus Elternsicht kann ich sagen: Olympia in Berlin hatte nie auch nur den Hauch einer Chance. Das hat sich schlagartig geändert. Denn nun wohnt die Familie dort, wo andere nur unter Androhung von Gewalt spazieren gehen – im Grünen. Schon bei der Ankunft im neuen Heim vollführte das ansonsten gern mal stundenlang lethargisch vor dem CDSpieler verharrende Kind wahre Freudentänze. Es half dann sogar beim Kistenauspacken, Fensterputzen und Fußbodenverlegen mit. Das ist ungefähr so überraschend, als wenn die griechische Regierung in den Vorstand von Transparency International gewählt worden wäre.

Wohlgemerkt nachdem sie sämtliche Schulden getilgt und Hellas Deutschland als Export-Vizeweltmeister abgelöst hätte… Aber weil sich im Garten außer Herrn Fuchs und Frau Elster auch noch Emil das Eichhörnchen und diverse Katzen ein Stelldichein geben, geht das Kind nun freiwillig nach draußen spielen. Und seit das Trampolin steht, kommt es höchstens noch zum Essen ins Haus. Das runde Hüpfgerät ist für ein Kind etwa das, was für Mittdreißiger ein Sportwagen oder eine Eigentumswohnung ist: Wer eines hat, der es geschafft. Seit dem klingelt bei uns unablässig das Telefon. Befreundete Eltern, die sonst kaum ihren Berliner Kiez verlassen, melden sich und alle ihre Kinder zum Hüpfen an. Kürzlich hat eine Studie der Grünen wieder mal auf die schlimmen Folgen der alternden Gesellschaft infolge der Landflucht hingewiesen.

Mein Rat an die Landräte: ganz ganz viele Trampoline in die dünn besiedelten Gebiete stellen. Das zieht Familien mit Kindern magisch an. Und dann klappt’s auch irgendwann mit Olympia in Berlin-Brandenburg. Vorausgesetzt der Flughafen ist bis dahin fertig.

 


Anke Assig
Ein Beitrag von

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: „Das wird schon!“


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