Keimzeit sind wieder da

Sie waren dann mal weg. Nach den rauschenden Feierlichkeiten zum 25. Bandjubiläum im Jahre 2007 hatte sich ein übergangsloses Weitermachen schlicht verboten, sie verordneten sich für das Jahr 2008 eine Auszeit. „Anfangs hätten sie mir am liebsten die Rote Karte gezeigt für diese Idee“, gesteht Norbert Leisegang heute lächelnd. Doch bald werkelte jeder an Soloprojekten, verwirklichte, was lange liegen geblieben war. Norbert sang in Max Repkes „Club der toten Dichter“ Texte von Wilhelm Busch.

Die Keimzeit-Auszeit war ohnehin nur eine von den Bühnen, schon im Sommer letzten Jahres begann die Band an neuen Lieder zu arbeiten. Die waren dem Stückeschreiber nur so aus der Feder geflossen, als sich der Trubel endlich etwas gelegt hatte. Die Platte wirkt wie ein Konzeptalbum, es scheint, als würde eine Paar-Beziehung beschrieben, von der ersten heftigen Aufwallung über Höhen und Tiefen, glückliche Gewissheiten und quälende Zweifel bis zu Bruch und Desillusionierung.

 

Schon der Opener hätte mitreißender nicht ausfallen können, so kann die große Liebe beginnen, aber auch ein lang erwartetes Album: „Keine lausigen Kompromisse, keine halben Sachen. Diesmal soll es anders werden!“ Das Ganze in temperamentvollem Latin-Sound mit sattem Bläsersatz. Stilistisch gibt es ohnehin keine Grenzen. Urbane, jazzig-coole Stimmungen wechseln mit tanzflächen-affinem Gitarrenpop und flirrender, clubinspirierter Rhythmik. Im Background tauchen verwirrende Samples auf, gelegentlich schräge Mariachi-Sätze. Das Album ist live eingespielt, sie haben so die Magie des Zusammenspiels eingefangen. Die quirlige Musikalität der Platte ist überaus erfrischend, gerät aber nirgendwo zum Selbstzweck. Die Lieder stehen im Mittelpunkt, Norbert Leisegangs wunderbare Welt der aufgehobenen Schwerkraft. In einem flotten, unerhört hitverdächtigem Popsong outet er sich als einer jener charismatischen Chaoten, in deren Gefolge immer Katastrophen lauern.

Es ist eine Lust, ihm zuzuhören, auch und gerade, wenn er von Dingen singt, die eigentlich sehr weh tun. Was uns am glücklichsten macht, kann uns auch am meisten verletzen. Sagt Norbert Leisegang mit einem freundlichen Schulterzucken.