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Neulich beim Zappen durchs öde TV-Programm lief auf RBB ein DDR-Fernsehkrimi aus der Polizeiruf- Serie. Keine Ahnung, wer Opfer war und ob es Täter gab, aber plötzlich führte die Spur des ermittelnden Oberleutnant direkt auf die Bölschestraße der Achtziger. Mindestens eine halbe Minute lang war jener Spielzeugladen zu sehen, dessen Inhaber noch vor zehn Jahren sein Plüschtierangebot regelmäßig mit Nikotin einbalsamierte, heute ist hier das „Rosarot trifft Himmelblau“-Geschäft zu finden. Ein großer Moment in meiner langjährigen Laufbahn als TVGucker und Friedrichshagener. Von nun an war mir klar, warum sich ein Kriminalroman, in dem die Leiche am Tegernsee angeschwemmt wird, besonders gut in Bayern verkauft, und eins, wo die Geldübergabe gleich hinter der Oberbaumbrücke scheitert, die Bestsellerlisten in Friedrichshain-Kreuzberg anführt. Lokalkolorit heißt das Zauberwort.

Lokalkolorit kommt jetzt auch ins Kino. Endlich mal aus Friedrichshagen. Dem hier ansässigen Regisseur Leander Haußmann sowie dem Element Of Crime-Sänger und Schriftsteller Sven Regener ist das zu verdanken. Beide kennen sich seit Ewigkeiten. Haußmann war mal Theaterintendant in Bochum. Dort verpflichtete er Regeners Band. Später hatte Haußmann den Regener-Roman „Herr Lehmann“ verfilmt. Jetzt hat das Dreamteam der Friedrichshagener Kinogeschichte einen gemeinsamen Film gemacht – als Regisseure, Drehbuchautoren, Komponisten, Musiker und Kleindarsteller. Nicht nur, dass sie den übersichtlichen (und freilich schönsten) Teil Treptow-Köpenicks als Kulisse nutzten, sie siedelten die komplette Story ihrer Komödie „Hai-Alarm am Müggelsee“ hier an. Hauptdarsteller sind das Seebad Friedrichshagen, die griechische Taverne Müggelseedamm/Ecke Scharnweber, die Bölsche mit Italiener und Rathaus und die Friedhofskapelle (also solche aber nicht zu erkennen). Auch die Komparsen sind größtenteils aus Friedrichshagen. Die eine Frau, die ich regelmäßig beim Bäcker treffe, suhlt sich im Seebad, die Vorsitzende des Bürgervereins entpuppt sich als großartige Chorsängerin und nicht zuletzt bereichert der Maulbeermann vom gleichnamigen Blatt eine Schlüsselszene. Nebenbei liefert der durchweg gelungene Soundtrack die neue Hymne des Köpenicker Ortsteils: „Friedrichshagen, Friedrichshagen, du alte Nutte, wir lieben dich mehr als Berlin.“ Großes Kino sozusagen. Der Kampf um die Poleposition der Friedrichshagener Cinemacharts 2013 ist entschieden.

Lediglich die Klärung einer Frage bleibt noch abzuwarten: Was sagen Zuschauer in München oder Leipzig, in Adlershof, Rahnsdorf und Erkner zu diesem Film? Nun, Herr Haußmann befindet sich auf dem Weg der Besserung. Mit „Sonnenallee“, „Herr Lehmann“ und „NVA“ hatte er die Messlatte hoch gesetzt. Danach ging es bergab. Hatte „Robert Zimmermann sucht die Liebe“ noch viele schöne Momente, lieferte „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ ein Feuerwerk an Gags, das nicht richtig zünden wollte. „Dinosaurier“, der übrigens zum Teil auch in Friedrichshagen gedreht wurde, war bereits wieder ein Lichtblick. „Hotel Lux“ wiederum war wieder weit entfernt von den einstigen Erfolgen: Zwar eine grandiose Idee, doch mit zu viel Klamauk zunichte gemacht. Nun wird es wieder. Der Hai-Alarm profitiert zudem von einem großartigem Schauspielerensemble: Wenn Henry Hübchen auf der Bölsche ein Stück Pizza klaut, Michael Gwisdek sich im Seebad die Hand abbeißen lässt, Detlev Buck durch den Müggelsee rudert und Katharina Thalbach mit einem Günther-Jauch-Schild vor dem Rathaus steht, dann ist die Welt doch in Ordnung. Vielleicht schade, dass Kinofilme nicht nur 60 Minuten haben können, denn dann wären alle Längen verschwunden. Aber Scheißegal, wir Friedrichshagener wollen eine Fortsetzung!

 

Ab 14. März 2013 im Kino Union
Regie: Sven Regener, Leander Haußmann
Drehbuch: Sven Regener, Leander Haußmann
Darsteller: Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Benno Fürmann, Tom Schilling, Uwe Dag Berlin, Annika Kuhl